MITTE. Bäder sind nicht gefliest, Badewannen nicht eingebaut und die zugigen Holzfenster oft nur mit Filzstreifen abgedichtet. Trotzdem wohnen die meisten Mieter gern im Nikolaiviertel, weil es zentral und verkehrsgünstig liegt. Eigentümer der 800 Wohnungen dort ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). Sie schickte jetzt 200 Mietern eine saftige Mieterhöhung. Um bis zu 20 Prozent sollen die Kaltmieten ab 1. Mai steigen und damit deutlich über dem Berliner Mietspiegel liegen."Ich bin empört. Die Fenster sind wie vor 20 Jahren. Auch wenn ich die Heizung voll aufdrehe, wärmer als 21 Grad Celsius wird es nicht. Und das Bad hat mein verstorbener Mann gefliest", sagt eine Mieterin aus der Propststraße. Für ihre gut 60 Quadratmeter große Wohnung soll die Kaltmiete von derzeit 4,57 Euro auf 5,33 Euro pro Quadratmeter steigen, im Monat müsste sie gut 50 Euro mehr zahlen. Der Mietspiegel weist als Höchstwert für derartige Neubauwohnungen fünf Euro pro Quadratmeter aus. Ähnlich ist ein anderer Fall: Für eine knapp über hundert Quadratmeter große Wohnung verlangt die WBM statt derzeit 4,35 Euro künftig 5,22 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete, laut Mietspiegel liegt die Obergrenze bei 4,51 Euro.Um die höheren Mieten zu rechtfertigen, hat die WBM ein Gutachten von einem Spandauer Büro anfertigen lassen. Als Vergleichswohnungen wurden von der WBM bereits sanierte Wohnungen etwa in der Rathausstraße, in der Poststraße oder am Spreeufer mit einem deutlich höheren Standard herangezogen, die beispielsweise über zwei Meter hoch geflieste Bäder, erneuerte Fenster und teilweise eingebaute Küchen verfügen. Der Gutachter hat für diese Wohnungen je nach Größe Kaltmieten zwischen 6,41 und 7,30 Euro je Quadratmeter ermittelt. "Wir haben das Gutachten anfertigen lassen, um einen Maßstab zu haben, was gerecht ist", sagt WBM-Sprecherin Steffi Pianka. Denn der Mietspiegel berücksichtige den exklusiven Standort des Nikolaiviertels nicht genügend.Dass Vermieter Gutachten heranziehen, um höhere Mieten zu begründen, ist legitim, sagt der Berliner Mieterverein. "Wir halten es aber für unerträglich, dass die WBM Mieterhöhungen am Mietspiegel vorbei macht", sagt Reiner Wild vom Mieterverein. Bei einem Teil der Wohnungen seien die unterstellten Standards nicht vorhanden. "Das Gutachten ist inakzeptabel, es würde Gerichtsverfahren nicht standhalten", so Wild. Zudem gebe es in Berlin keine Wohnungen, die nicht vom Mietspiegel erfasst seien. Unterdessen hat das Bezirksparlament Mitte die WBM aufgefordert, die Mieterhöhungen zurückzuziehen und den Mietspiegel anzuwenden. "Viele Wohnungen haben einfachen DDR-Standard. Es ist misslich, dass die WBM den Mietspiegel aushebelt", sagt der Verordnete Thomas Koch (SPD).Die WBM reagiert auf die öffentliche Diskussion: "Gibt es Ungereimtheiten, sollen sich die Mieter mit uns in Verbindung setzen. Bei Widersprüchen werden wir durch Ortsbegehungen jeden einzelnen Fall überprüfen", sagt die WBM-Sprecherin. Allerdings hätten schon 65 Mieter der Erhöhung zugestimmt. Von sechs Widersprüchen seien zwei unbegründet gewesen.------------------------------Prestigeprojekt zur 750-Jahr-FeierAn der Nikolaikirche zwischen Spandauer Straße und Spree befand sich die älteste Ansiedlung Berlins, sie erhielt im 13. Jahrhundert das Stadtrecht. Das Nikolaiviertel wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte 1981-87 zur 750-Jahr-Feier Berlins. Als Prestigeprojekt wollte die DDR der Hauptstadt einen altstädtischen Kern geben.Rekonstruiert wurden bestehende Gebäude wie Nikolaikirche, Knoblauchhaus und kleine Häuser aus dem 17. Jahrhundert. Weitere historische Gebäude wie das Ephraimpalais oder die Gerichtslaube wurden wieder aufgebaut. Ergänzt wurden die Straßenzüge durch Plattenbauten, die stilistisch der Historie nachempfunden wurden.Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte hat die Fassaden der Plattenbauten im Jahr 1999 für umgerechnet 15 Millionen Euro in Stand gesetzt und neu gestrichen. Gleichzeitig wurden die Treppenhäuser saniert. Zogen Mieter aus, wurden auch die Wohnungen saniert: die Bäder gefliest, Parkett verlegt und Einbauküchen eingebaut.------------------------------Wohnfläche / Kaltmiete je m2 mit Sammelheizung, Bad und WCunter 40 m2 5,03*4,46 - 6,20**40 m2 bis 4,97*unter 60 m2 4,19 - 5,99**60 m2 bis 4,46*unter 90 m2 4,12 - 5,00**90 m2 und 4,28*mehr 4,09 - 4,51**Das Nikolaiviertel gilt im Berliner Mietspiegel als gute Wohnlage. Die WBM verlangt ab 1. Mai Mieten, die zum Teil deutlich über den Werten liegen.------------------------------Foto: Unechter Stadtkern: Die DDR baute in den 80er-Jahren historisierende Giebelhäuser im Nikolaiviertel.
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