Der Liedermacher ist unnormal normal, schreibt Wolf Biermann Mitte Juni 1974 in sein Tagebuch. Besser: in eines von seinen vielen Tagebüchern. Seit 1954 führt er diese Aufzeichnungen, 220 sind es inzwischen. Die meisten landeten vor fünf Jahren in der Staatsbibliothek zu Berlin, zusammen mit anderen Dokumenten und Artefakten aus dem sogenannten Vorlass des Liedermachers und Dichters.
Unter dem Titel „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“ erscheinen jetzt Auszüge der Tagebücher der Jahre 1960 bis 1990, ausgewertet dafür wurden rund 20.000 Seiten. Dieses Buch enthält Zeitgeschichte, behandelt die vergangene Gegenwart vieler heute Lebender, lässt aber auch ein bisschen der jetzigen Probleme und Debatten verstehen. 1978 notiert Biermann: „Die Ostdeutschen wissen über den Westen besser Bescheid als die Westdeutschen über den Osten.“
In seinem einführenden Essay schreibt Ilko-Sascha Kowalczuk, der das Buch herausgegeben hat: „Auch die Zahl seiner Feinde und Gegner und, ja, so ist es historisch korrekt, der ihn Hassenden blieb beständig hoch – im Osten wie im Westen, damals wie heute.“ An Biermanns Texten, seinen Auftritten haben sich immer Menschen gerieben.
Die Ausbürgerung war eine Zäsur für die DDR
Seine Ausbürgerung aus der DDR 1976 war eine Zäsur für sein eigenes Leben und für die Gesellschaft. Christa Wolf, die zu den Erstunterzeichnern der „Erklärung der Berliner Künstler vom 17.11.1976“ gehörte, die später kurz Biermann-Petition genannt wurde, sprach 1994 in einem Interview mit der Berliner Zeitung (mit der Autorin dieses Textes): „Ein Einschnitt war es gewiss, und nicht nur in unsere Biografien. Sie können viele fragen, die sich damals vor eine Entscheidung gestellt sahen: Es gibt für sie ein Davor und ein Danach.“
Sie bezieht sich auf die intensivierten Stasi-Aktionen gegen die Unterzeichner und jene, die ihre Unterschrift nachreichten. Und auf das Verhältnis zu jenen, die sich gegen diese aussprachen, in Versammlungen oder in der Zeitung Neues Deutschland. Christa Wolf: „Dazwischen tat sich ein Graben auf, der nicht mehr zu überwinden war.“
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MehrDie veröffentlichten Tagebücher erzählen die Vorgeschichte und die Folgen der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR 1976 aus streng subjektivem Blick. Das ist aufschlussreich auch deshalb, weil dies sozusagen von außen bereits untersucht wurde. Ein grundlegendes Werk deutsch-deutscher Literaturgeschichte ist der 1994 von dem Berliner Literaturwissenschaftler Roland Berbig mit Kollegen herausgegebene Band „In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung“ im Verlag Ch. Links.
Wolf Biermann bei dem Konzert am 13.11.1976 in der Kölner Sporthalle
© Dziedzic/United Archives/imago
Biermann nutzt die Aufzeichnungen als Gedankenstütze und kommentiert, was er erlebt: „Die Niederwerfung der ČSSR-Revolution ist für die kommunistische Weltbewegung verheerender als die Aufdeckung der Stalin-Verbrechen in der Stalin-Ära.“ Man erfährt, wen er alles wann wo getroffen hat. Liebevoll schaut er auf seine Frauen, seine Kinder, ein paar Freunde wie Sigmar Faust und Jürgen Fuchs.
Aus vielen Beschreibungen von Gesprächspartnern klingt Spott oder Enttäuschung. Rudi Dutschke nennt er „Rudi Ratlos“, über Klaus Wagenbach, der 1965 in seinem Verlag Biermanns erstes Buch, „Die Drahtharfe“, publiziert, schreibt er: „Wenn er so hoch und zickig lacht, möcht ich ihm in die Fresse haun.“ Auch Robert Havemann, zu dem er eine so enge Beziehung hatte, dass ihm sogar die kurze Reise an sein Sterbebett gewährt wurde, wird wiederholt kritisch beschrieben: „Robert zerrt an mir“.
Biermann träumt von einer Revolution für die DDR
Wolf Biermann nutzt die Tagebücher auch zur Selbstbestätigung und Selbstbefragung. Es ist auffällig, wie oft er bekräftigt, dass er, der als jugendlicher Kommunist aus Hamburg gekommen ist, seinen Platz in der DDR sieht. „Aber ich bin doch für’n Sozialismus. Mir könnten sie zehn goldne Brücken über die Mauer baun, ich würde nur rüber gehen, um schnell in meine DDR zurückzukehren.“ Er wünscht sie sich jedoch anders: „Das Beste an der DDR ist die Revolution, die kommen wird.“
Er notiert, wenn er Beobachter der Stasi vor seinem Haus in der Chausseestraße sieht. Er vermerkt die Wahlergebnisse in der DDR. Vor seinem Kölner Konzert am 13. November 1976 hat er schlecht geschlafen, kann man nun nachlesen. Nach jahrelangem Auftrittsverbot war ihm die Konzertreise in die BRD genehmigt worden.
Kaum, dass er von der Ausbürgerung erfahren hat, nimmt er sich einen 3-Punkte-Plan vor: „1. Kampf um DDR-[Staats]Bürgerschaft, 2. Editionen der DDR-Texte + Lieder, 3. Welt erleben und der DDR berichten.“ Ein Jahr später ist er „wie blind vor Heimweh nach meinen Lieben dort“ und tut sich schwer, seinen Platz im Westen zu finden. Die Freiheit habe „Gitter, an denen ich mich blutig stoße“.
„Der Liedermacher“, führt er in der eingangs zitierten Passage aus, sein Problem kumuliere in der Verwendung des Wortes „ich“: „Wie entgeht er der Peinlichkeit, immer von sich zu sprechen und wie vermeidet er die Langeweile, die einer verbreitet, der nur immer davon spricht, wie traurig glücklich klug unwissend tolldreist feige liebenswert ungeliebt und verliebt er selber ist?“
Das liest sich ein bisschen wie ein Antwort darauf, dass nicht wenige Leute diesem Liedermacher vorwerfen, er würde sich zu wichtig nehmen. Gerade begegnet er ihnen auf vielen Kanälen: Ein Album mit Liedern aus einem halben Jahrhundert ist erschienen, eines mit neuen Songs folgt, wie auch ein Dokumentarfilm.
Im neuen Verlag (nach Wagenbach, Kiepenheuer & Witsch, Hoffmann und Campe, Suhrkamp) Penguin gibt es auch Gedichte der Jahre 2006 bis 2026 und sogar sein allererste Kinderbuch – Titel: „Der kleine Herr Moritz“. Nun, es jährt sich zum 50. Mal der Rauswurf aus der DDR und am 15. November wird Wolf Biermann 90 Jahre alt: Wann hat man schon das Glück, eine historische Figur so gegenwärtig zu erleben?
Bei der Ich-Frage kommt er im Tagebuch zur Lösung, der Dichter müsse „sein eigenes kleines Leben radikal vergesellschaften, d.h. er muß so radikal, so politisch und fortschrittlich in dem Sinn sein, wie es die Umstände überhaupt möglich und nötig machen“. Er müsse nah beim Volk leben und seine Kreativität fördern, erklärt er. Das war offenbar bei ihm auch das Mittel für ein langes Künstlerleben: die Vergesellschaftung des Ich.
Wolf Biermann: Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall. Hrsg. von Ilko Sascha Kowalczuk. Penguin, München 2026. 416 Seiten, 32 Euro
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