Für so viel Ehre Damen und Herrn, danke! Für solch einen Batzen Geld und zudem steuerfrei danke! danke! Und das alles als Lohn für zwei Pfund Bürgertugend und ein Säckchen deutschdeutsche Vaterlandsliebe und für das bißchen Drachentöterei in der DDR. Dabei habe ich damals den Drachen nicht einmal getötet mit meinen Liedern, hab ihn allerdings bis aufs Blut gereizt, so daß er womöglich noch blindwütiger in sein unaufhaltsames Verderben trampelte.Als vor neun Jahren die Mauer fiel, freute ich mich, und ich verachte die Ostalgiker, die der guten alten schlechten Zeit nachtrauern, ich halte sie für Heuchler und Plattköpfe. Political incorrect war ich im Streit um die Wiedervereinigung vielleicht, aber feige nicht. Immerhin verpaßte ich meinen haßgeliebten Schlechterossis in der Nachwendezeit ein paar lästige Wahrheiten, während allerhand Besserwessis ihnen das Blaue vom Himmel herunter versprachen. Armes reiches Deutschland! Was sind das für Zeiten, in denen für ein bißchen Zivilcourage schon Preise ausgesetzt werden müssen. Aber ich werde den Teufel tun und mich beklagen. Ein bißchen Wind unter die Flügel hilft dem preußischen Ikarus immer.Die Ballade vom preußischen Ikarus schrieb ich kurz vor der Ausbürgerung, also noch in der Chausseestraße 131, Ostberlin. Das ist nun 22 Jahre her. Ja, damals hatte ich Angst, daß ich abstürzen muß wie einst der Ikarus, bloß ahnte ich nicht, konnte damals ja nicht wissen, ob ich nach außen über die Mauer fliege und dann abstürze in den Westen, oder ob die verdorbenen Greise im Politbüro mich nach tiefer innen in das Gefängnis fliegen lassen und abstürzen in einer Kellerzelle im VEB Knast Bautzen oder Cottbus oder Brandenburg.Ja, das ist eine Genugtuung: Meine treuen Feinde in der Nomenklatura der DDR sind endlich auch gestürzt, aber sie sind ja dabei elegant gelandet, denn sie haben ihre stalinistischen Privilegien von gestern und ihren Raub aus Jahrzehnten in bürgerlichen Besitz verwandelt. Ja ja! und heute die Verleihung des Nationalpreises 1998 an mich ist in ihren rachsüchtigen Augen gewiß auch wieder eine Art Absturz, freilich die Version eines Sturzes, den sie mir neiden.Gehe nie zu Deinem FürschtWenn Du nicht gerufen würschtstammt diese reimgeknüttelte Faust-Regel etwa vom Geheimrat Goethe am Hofe Weimar beim Herzog Carl-August? Ich jedenfalls wurde bisher nur ein einziges Mal von einem meiner wechselnden Landesfürsten gerufen, und natürlich bin ich dann auch respektös zu Hofe gegangen. Nein, nicht zum Ulbricht, noch zum Honecker, geschweige denn zum Kohl. Im vorigen Jahr lud der Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt mich vor, zu einem Gespräch in sein Büro im Hamburger Redaktionsgebäude der Wochenzeitung DIE ZEIT, will sagen: er lud mich ein. Er wollte, soviel war mir schon angedroht worden, meinen Rat. Er wolle ausgerechnet mit mir über die Quadratur des politischen Kreises plaudern, also über Probleme der Widervereinigung nach der Wiedervereinigung. Siedendheiß fiel mir ein, daß ich meinen ehemaligen Bundeskanzler in zwei linksalternaiven Liedern während der Wahlkampfzeit 1980 angegriffen hatte. Hatte er es vergessen? übersehen? großherzig verwunden? Überhaupt war ich verblüfft darüber, daß diesen welterfahrenen und machtgewohnten Hanseaten ausgerechnet meine Meinung in dem endlosen Streit um die Einheit unseres Vaterlandes interessieren könnte.Heute ahne ich, was Helmut Schmidt im Januar 1997 von mir wirklich wollte: gewiß keinen Rat. Er hatte mir offenbar nur mal auf den deutsch-deutschen Zahn fühlen wollen, wollte sich vergewissern, ob ich als Kandidat für einen Preis tauge, den er vor kurzem, zusammen mit einigen gleichgesinnten Citoyens, also quer durch alle demokratischen Parteien, inauguriert hatte: Den Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung.Vielleicht kannte der a.-D.-Kanzler ja sogar das eine oder andere Lied von mir, und wußte daher ganz gut, wie weh mir seit immer die verfluchte Zweiteilung unseres Vaterlandes tat.Wenn ein gelernter DDR-Bürger das Wort "Nationalpreis" hört, muß er böse grinsen, denn er denkt mit Schaudern an das alljährlich ausgeschüttete Füllhorn von über hundert Nationalpreisen Erster, Zweiter und Dritter Klasse, mit denen die Partei- und Staatsführung der DDR vorzüglich affirmative Künstler und staatstreue Wissenschaftler und vorzeigbare Aktivisten der sozialistischen Arbeit des "Ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden" belohnte, um sie zu motivieren und zu korrumpieren, das heißt: sie an der Kandare immer neuer Privilegien zu halten. Der Stempel NPT also: "National-Preis-Träger" wurde dann so wie sonst ein Doktortitel vorne dem bürgerlichen Namen hinten angehängt. Selbst an meinen Freunden Jurek Becker, NPT und Manfred Krug, NPT und Jürgen Böttcher, NPT und Frank Beyer, NPT ging dieser Kelch nicht vorüber, woran man immerhin sieht, daß auch erlesenen Vertretern einer moderaten Insubordination dieser staatliche Stempel eingebrannt wurde.Es sei daran erinnert, daß ausgerechnet die stalinistischen Antifaschisten der DDR-Führung sich das in Deutschland doppelt heikle Wort "National " krallten, um es nicht dem amerikanisierten Klassenfeind in Westdeutschland zu überlassen. So hatten wir in unserem pseudopreußischen Sozialismus eine "Nationale Volksarmee", die ihrem Namen alle falsche Ehre machte. Nicht aus Versehen waren die Uniformen nach dem Muster der Nazi-Wehrmacht geschneidert, und nicht aus Jux und Tollerei schmissen die Soldaten und Offiziere des Wachbataillons "Felix Dzierzynski" im Parademarsch Unter den Linden die Beine vom Arsch, als würden sie "Heil Hitler!" brüllen. Das war zynisches Kalkül. Der Staat DDR sollte im offiziellen Sprachgebrauch zuletzt sogar eine eigene deutsche Nation geworden sein. NDPD National-Demokratische Partei Deutschlands. In der "Nationalen Front" waren die Blockparteien als Blockflöten gebündelt. Im "Nationalen Aufbauwerk" der DDR wurde der leninsche Subbotnik verulbrichtet.Ach und seit das Absingen der offiziellen Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen" in der DDR verboten worden war, weil die Herrschenden diese eine Johannes-R.-Becher-Zeile nicht mehr ertragen konnten: "Deutschland einig Vaterland " war mir das ein giftiger Trost. Ich dachte mir in den langen Jahren des Verbots, wenn ich in meiner Bude in Berlin-Mitte immer nur ein paar Freunden meine Lieder sang: Is doch nicht so schlimm, immerhin bin ich in einem Land verboten, das sogar den Text seiner eigenen Nationalhymne verboten hat und sie deshalb nur noch von Militärblaskapellen wortlos niederschmettern läßt. Ich gehöre nicht zu den Propheten, die wußten, daß die Mauer fällt. Im Gegenteil: ich rechnete immer damit, daß die DDR länger hält als ich, und bin so froh, daß ich mich da gründlich geirrt habe. Als Prophet tauge ich wirklich nichts und hätte in diesem Job nicht mal das Salz für die Suppe verdient. Dennoch bin ich ein einziges Mal, freilich in einer Nebensache, doch zum Propheten geworden, und das verdanke ich Helmut Schmidt und seiner Nationalpreis-Bande: Im Winter 1965, als das 11. Plenum des ZK der SED über die Kulturschaffenden unseres halben Landes hereinbrach wie ein kleingeistiger Weltuntergang, das klingt übertrieben und ist wahr. Die gesamte Jahresproduktion der DEFA die neuen Filme wurden damals verboten, alle! und das ist doch relativ viel. Und ich wurde zusammen mit meinen Freunden Robert Havemann und Stefan Heym an den Pranger gestellt. Freund Heym reagierte darauf, indem er sofort den Kontakt zu seinem alten und engsten Freund Robert abbrach. Das war ja im Dezember. Und so rief Stefan seinen Busenfreund an, wohl wissend, daß die Stasi alle unsere Telefone abhört und sagte: "Robert, ich möchte von jetzt ab nicht mehr von Dir besucht werden, auch nicht unter dem Vorwand eines Weihnachtsgeschenkes " Das war das schäbige Ende einer tiefen Freundschaft. Natürlich hatte Freund Heym in dieser hysterischen Situation Furcht vor Repressalien, und die Ängste waren ja auch begründet. Und lassen Sie mich anmerken: Stefan Heym war oft genug tapferer als die meisten Schriftsteller der DDR. Und natürlich hatte er das fundamentale Menschenrecht, auch feige zu sein. Wer nie Angst hat, ist zudem ein idiotisches Monster. Und was Wunder! hatte auch ich oft genug Angst. Die Frage ist nur immer wieder: wer hat wen! Habe ich die Angst oder hat sie mich. Aber sogar das sollte ein Menschnrecht sein, daß man manchmal auch besessen wird von der Angst und sogar überwältigt. Aber schändlich und zudem langweilig finde ich es, wenn man sich dann im nachhinein in einen chronisch wasserdichten Helden umlügt.Ich jedenfalls war damals blutjung und rotzfrech und ganz schön blind. Ja, ich war wunderbar geschützt auch durch meine Unwissenheit. Wenn wir rebellischen Menschen immer genau wüßten, was uns droht und was uns blüht, würden wir vor lauter Vernunft und Vorsicht heute noch auf den Bäumen sitzen. O gute Dummheit der Helden im Geschichtsprozeß! Genauers dazu können Sie bei Hegel nachlesen.In meinem Übermut reagierte ich auf das Totalverbot mit einem neuen Lied, "Populärballade". Nun können Sie gleich hören, warum ich und was für ein toller Prophet ich wenigstens einmal im Leben war:
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