Wie schreibt man eine Theaterkritik zu einem Stück, das mehr noch als andere zeitgenössische Stoffe von der persönlichen Verbindung des Publikums zu ebenjenem Stück abhängt? Ein Stück, das im Vorfeld bereits über die Maßen politisiert wurde, noch bevor überhaupt ein Wort des Skripts getippt war. Ein Stück zu einem Vorfall, der traurige Stadtgeschichte geschrieben und soziokulturelle Wunden gerissen hat, die wahrscheinlich nie richtig heilen werden. Ein Stück, bei dessen Premiere die Türen aufbleiben und medizinisches Notfallpersonal im Foyer wartet – welches glücklicherweise im Verlauf des Abends nicht eingreifen muss.
„Wunde Stadt“ von Kevin Rittberger, inszeniert von Sebastian Nübling, basiert auf Gesprächen mit Betroffenen, die der Autor über ein Jahr hinweg geführt hat. Aus diesem Material ist ein vielschichtiger, bewusst offengehaltener Text entstanden, der sich nicht in bloßer Leidensdarstellung erschöpft, sondern unterschiedliche Perspektiven auf einen kollektiven Ausnahmezustand versammelt. Vielleicht ist dieser Weg dann auch der richtige für eine solche Besprechung.
Ich will mein altes Leben zurück
Rittberger erzählt in „Wunde Stadt“ das Setting einer Selbsthilfegruppe. Jedes Mitglied steht in einem anderen Kontext zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024. Es gibt Figuren, die das Attentat in Präsenz er- und überlebten, solche, die dabei geliebte Menschen verloren haben, und auch eine Figur, die survivor-guilt-eske Schuldgefühle umherschleppt, einfach, weil sie in der Sicherheitsbranche arbeitet und sich deswegen über den Knotenpunkt „Sicherheit“ mitverantwortlich fühlt.
Auch die Geschichte der Stadt Magdeburg wird zum Teil des Stückes: Für viele bedeutete der Anschlag eine weitere Verletzung einer Stadt, die immer wieder Brüche erlebt hat.
© Kerstin Schomburg
Eine Krankenschwester mit migrantischer Biografie reflektiert emotional zugänglich und gleichsam abgeklärt die Veränderungen in der Magdeburger Gesellschaft: Ausländisch gelesene Menschen werden noch stärker angefeindet, Fremdsprachen machen Menschen wieder zu Fremden, konservative und rechte Kräfte instrumentalisieren den Vorfall. Manch eine Figur entrinnt mit ihrer Anwesenheit in der Selbsthilfegruppe auch schlichtweg der Einsamkeit; würde gerne eine Form von Schmerz als Anknüpfungsoption mitbringen, ist aber schlichtweg zu wenig emotional in dem Vorfall involviert.
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Obwohl jede dieser Geschichten ihren Raum bekommt und das zehnköpfige Ensemble viele Perspektiven einbringt, dient die Storyline von Isabel Will, einer Künstlerin und Atelierbetreiberin, als eine Art roter Faden. Eine kluge Entscheidung. Bei allem Verständnis für eine dramaturgische Parität, die das Thema in dieser Art Aufbereitung sicherlich verlangt, so machen sich markante Anknüpfungspunkte einfach besser, um einer so umfangreichen Geschichte zu folgen.
Ein Wunsch eint allerdings alle Figuren: „Ich will mein altes Leben zurück!“ Dieser Wunsch wird sich über den Verlauf der Inszenierung etwas ausdifferenzieren, ist aber auch inszenatorisch der Katalysator für einige wunderbare Mono- und Dialoge. Rittbergers Text mag amplitudenartig auch mal am Pathos kratzen, überschreitet diese Grenze jedoch nie – Theater ohne Theatralik, auch eine Handwerkskunst.
Stühle die an der Oberfläche kratzen
Es gäbe sicherlich viele Möglichkeiten, diesen Stoff auf die Bühne zu bringen. Die Entscheidung, den Anschlag selbst nicht zu verbildlichen, war wohl eher eine Selbstverständlichkeit und muss deswegen an dieser Stelle nicht unnötig goutiert werden. Viel beachtlicher ist da diese ansonsten andauernde Grundkinetik in der Inszenierung.
Zu Beginn rauscht das Ensemble über die Bühne, schiebt dabei Stühle vor sich her, kratzt über den Bühnenboden. Es ist laut und hektisch. Immer schneller zirkeln die Figuren mit ihren Sitzmöbeln um die Bühnenmitte, bevor sich die Selbsthilfegruppe schlussendlich zu einem Sitzkreis zusammenfindet. Die Assoziationen dieser Sequenz sind sicherlich verschieden – von Erinnerungen an den hektischen Berufsverkehr bis hin zur versinnbildlichten Grundnervosität, die Magdeburg seitdem nicht zur Ruhe kommen lässt, ist sicherlich alles dabei.
Die mögliche Befürchtung, ein Therapie- und Selbsthilfesetting könne womöglich zu dröge wirken oder zu zäh, ist in diesem Fall absolut unbegründet. Von grotesken Momenten wie einem Moonwalk über die Bühne bis hin zu nahezu gespenstisch anmutenden Szenarien – nie wurde ein Behördentelefonat so stilsicher abgebildet – hat Regisseur Sebastian Nübling genug Ideen, um dem Medium Theater gerecht zu werden. Man ruht sich nicht zu sehr auf der emotionalen Prämisse aus, sondern gibt dem äußerst spielfreudigen Ensemble (Rainer Frank als Selbsthilfegruppenleiter ist pure Schauspielfeinkost) Interaktionsmöglichkeiten.
Im Theaterstück „Wunde Stadt“ wird das Bühnenbild im Spielverlauf vom Ensemble immer wieder selbst Teil des Stücks.
© Kerstin Schomburg
Mehrfach im Stück wird das oft minimalistische Bühnenbild durch das Ensemble umgebaut. Das ist auf eine Art auch mutig, weil dies die aufkeimende Immersion theoretisch auch aufknacken kann. In diesem Fall jedoch fügt sich alles organisch zusammen. Es wirkt fast schon kinematisch, wenn das Ensemble eine riesige Holzwand langsam um die eigene Achse dreht, um fast schon im Stil einer Montage im Film weitere Facetten der Figuren aufzufächern.
Im Kontext der übrigen Inszenierung wirkt der Epilog fast schon pompös und etwas überbordend; wunderhübsch inszeniert und mit futuristischer Attitüde; hoffnungsvoll, aber womöglich die Kirsche auf einem Eisbecher, der bereits genug Toppings beinhaltet.
Hass & Reden
„Wunde Stadt“ nähert sich seinen Figuren vor allem mit sehr viel Mut zur Grauzone. Allzu leicht wäre es gewesen, eine klare Schwarz-Weiß-Malerei zu offerieren und inhaltliche Gefälligkeiten. Rittberger tappt nicht in diese Falle und gesteht allen Figuren eben jene individuelle Verfehlung und moralische Ambiguität zu, die Menschen eben zu Menschen machen.
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Wenn Trauerbewältigung plötzlich in einer politischen Grundsatzdiskussion mündet, dann mag das hier und da unbequem sein – keine Gewaltfantasie, kein Hass und kein Urteil können Leben zurückbringen oder Leid ungeschehen machen –, aber es ist allzu menschlich und vor allem Spiegel dessen, was bis heute in Magdeburg passiert. „Wunde Stadt“ hat eine konsistente und klare Haltung zu den xenophoben Faktoren, die der Anschlag verstärkt und neu hervorgebracht hat, und trotzdem lässt das Stück die Diskussion zu, verteufelt nicht und begreift Wut als Teil des Heilungsprozesses – auch wenn diese Wut teilweise schwer zu ertragen ist.
Eine kinetische Meditation über Trauerbewältigung
Im Vorfeld der Premiere wand man sich drumherum, „viel Spaß“ zu wünschen oder „einen schönen Abend“. Doch, doch, doch! Trotz aller Emotionalität, die das zugrundeliegende Thema selbstverständlich mitbringt, muss „Wunde Stadt“ doch trotzdem auch als Theaterstück und als Kunst betrachtet werden dürfen. Und dieses Theaterstück wartet mit tollem Text auf, einem wunderbaren Ensemble, packender Dynamik und einem Quantum Lokalkolorit, gerade genug, um den Stoff in Magdeburg zu verorten, ohne sich dabei anbiedern zu müssen.
„Wunde Stadt“ ist eine kinetische Meditation über Trauerbewältigung, Vermeidungstaktik und Coping-Mechanismen, mit Respekt vor dem Thema, ohne mahnenden Zeigefinger; künstlerisch genug für eine Bühne, aber geerdet genug, um den Diskurs ans Publikum zu vermitteln.
„Wunde Stadt“ – eine Empfehlung.
Weitere Vorstellungen von „Wunde Stadt“: 26. Mai, 19:30 Uhr, anschl. Nachgespräch mit Kaleb Erdmann „Lässt sich Gewalt in Kunst verwandeln?“
7. Juni, 19:30 Uhr, anschl. Nachgespräch mit Thea Ilse „Was kann Seelsorge?“ (Wiederaufnahme in der Spielzeit 2026/27)
Schauspielhaus, Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
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