Wunder gibt es immer wieder

Carmen Böker
3 Min

Wer hat schon im Januar 2002 befürchtet, dass der August vielleicht nicht nur von trockener Hitze geprägt sein würde? Zu dieser Zeit begann der holländische Künstler Iepe Rubingh mit den Vorbereitungen für das Sommerwunder von Berlin, das neben Staunen Erfrischung verheißt und sogar zum Open-Air-Duschen genutzt werden kann: Ein Eschenahornbaum nämlich soll in unregelmäßigen Abständen zu regnen beginnen - was wohl nur den rechten Effekt hat, wenn nicht sowieso alles tropfnass ist.Da es um ein Wunder geht, sollte er vielleicht beten, aber Rubingh ist zuversichtlich, dass das Wetter an diesem Sonnabend mitspielt. Um 20 Uhr wird der Baum jedenfalls das erste Mal einen kräftigen Platzregen verursachen, danach soll ein Regenbogen entstehen. Sechs Wochen lang ist das "Wunder von Berlin" auf dem Platz vor dem S-Bahnhof Hackescher Markt zu erleben - oder online unter http://wunder.iepe.net. Es funktioniert, nur so viel sei verraten, mit Hilfe der Sponsoren BerliKomm und Berliner Wasserbetriebe. Wer auch nicht glaubt, dass Marmormadonnen blutige Tränen weinen können, wird die Technik dahinter schon entdecken. Rubingh möchte sein Publikum ohnehin nicht in religiöse Verzückung treiben, sondern Kunst in einen Konsumbezirk bringen: Wo heute Pflastersteine liegen und früher eine Wiese war, sei jetzt ein poetisches Naturerlebnis möglich. "Ich will die Berliner befreien und verzaubern", sagt der 28 Jahre alte Künstler aus Rotterdam.Iepe Rubingh kam nach einem Studium der Geschichte 1997 nach Berlin, und seitdem hat er es mit dem Hackeschen Markt. Im vergangenen Sommer ließ er Clubbetreiber und Kollegen auf einem riesigen Narrenschiff Einzug halten in die Hackeschen Höfe. 1999 verwandelte er die Rosenthaler Straße in ein herrliches Chaos: Dank der Hilfe vieler Freunde blockierte er in wenigen Minuten die Kreuzung mit Absperrband. Der Verkehr kam zum Erliegen, der Künstler im gestreiften Narrenkostüm wurde verhaftet. (Das Verfahren ist unterdessen eingestellt.)"Sehr schön, sagte der Narr zum König, fast fertig" nannte er diese Berliner Station seiner "Joker Performances" - deswegen, weil der Narr bei Hofe der Einzige sei, der dem König die Wahrheit sage. Und Rubingh will in dieser Rolle kundtun, dass ihm in der Spandauer Vorstadt alles zu schön und zu perfekt geworden ist. Er hat diese Aktion auch schon in Tokio vor völlig ratlosen Japanern durchgeführt; dieses Jahr sollte sie in New York stattfinden, doch der 11. September machte alle Planungen zunichte. Nun will Iepe Rubingh wohl erst einmal in Mexiko-City den weisen Narren spielen. Eigentlich, denn gerade ist ihm aufgefallen, dass der regnende Baum dort noch mehr Eindruck machen könnte. Mexikaner sind ja bekanntlich überaus wundergläubig.

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