China

Xi liest Goethe, Merz liest Kriegsszenarien: Was deutsche Politiker vor ihrer China-Reise lesen

Vom Staunen über die chinesische Kultur bis zur Angst vor dem großen Krieg: Die Lektüre deutscher Politiker erzählt, wie Deutschland auf China blickt. Unsere Serie „China verstehen“.

5 Min
Wie bereiten sich Politiker auf eine China-Reise vor? Die China-Lektüre sagt erstaunlich viel über das Reich der Mitte aus.

Wie bereiten sich Politiker auf eine China-Reise vor? Die China-Lektüre sagt erstaunlich viel über das Reich der Mitte aus.

© stock&people/imago

Die deutsche China-Politik lässt sich anhand von Gipfeltreffen und Wirtschaftsdeals erzählen. Man kann sie aber auch anhand der Bücher betrachten, die vor einer China-Reise auf dem Schreibtisch liegen. China erscheint dabei zunächst als fremdartige Zivilisation, später als kommunistische Großmacht, dann als wirtschaftliches Erfolgsmodell und heute als Gefahr für den Weltfrieden und die westliche Demokratie.

Moskaus kleiner Bruder im Osten

In den frühen Bundesregierungen begegnete man China vor allem durch die Brille des Kalten Krieges. Der Asienwissenschaftler Klaus Mehnert beriet deutsche Spitzenpolitiker von Adenauer bis Schmidt und prägte mit seinen Werken „Peking und Moskau“, „Maos zweite Revolution“ und „China nach dem Sturm“ die westdeutsche China-Debatte.

In den 1970er-Jahren wird China zum Teil strategischen Denkens. Franz Josef Strauß, obwohl überzeugter Antikommunist, suchte den Kontakt zu Mao. Mehnert begleitete ihn auf seiner Reise nach China. In seiner Rückschau erklärte Strauß, der Faktor China müsse in die deutschen außenpolitischen Überlegungen einbezogen werden.

Auch Helmut Schmidt kam über die Weltpolitik zu China. Bei seinem ersten offiziellen Besuch sprach er mit Mao und Deng Xiaoping über die internationale Ordnung. Zugleich wollte er China nicht nur als kommunistische Macht verstehen. In seinen späteren Büchern „Nachbar China“ und „Ein letzter Besuch“ verband er politische Analysen mit historischem und kulturellem Interesse.

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Der Faszination weicht der Sorge

Bei Frank-Walter Steinmeier tritt die kulturelle Seite erneut stärker hervor. Bei seinem Besuch der Sichuan-Universität 2018 sprach er über Ba Jins Roman „Die Familie“ und bezeichnete ihn als „wunderbaren Roman“. Der Roman aus dem Jahr 1931 beschreibt den dramatischen Verfall einer traditionellen chinesischen Großfamilie in den 1920er-Jahren. Daher wird der Roman auch als chinesische Version der „Buddenbrooks“ von Thomas Mann gelesen. Seine Sicht auf China, sagte Steinmeier, habe sich durch Gespräche, Lektüre und Reisen immer wieder verändert.

Angela Merkel suchte ebenfalls eine persönliche Perspektive auf das Land. Vor ihrer China-Reise 2014 hatte sie Yu Huas „China in zehn Worten“ gelesen. Yu Hua beleuchtet in diesem Buch die rasante und oft schmerzhafte Wandlung Chinas anhand von zehn prägenden Begriffen statt einer chronologischen Geschichtsschreibung. Das Buch ist in China verboten. Merkel interessierte sich damit nicht nur für Regierung und Wirtschaft, sondern auch für Alltag, Erinnerung und gesellschaftliche Widersprüche.

Bei Olaf Scholz verschiebt sich der Ton. Vor seiner China-Reise im November 2022 las er unter anderem Kevin Rudds „The Avoidable War“ über die Gefahren eines möglichen Konflikts zwischen den USA und China unter Xi Jinping. Kevin Rudd gilt nicht nur als anerkannter China-Experte, sondern warb auch als australischer Premierminister für einen Dialog mit Peking zur Vermeidung eines zukünftigen Krieges. Die Lektüre zeigt, wie die China-Faszination innerhalb weniger Jahre einer Sorge um einen gefährlichen Wettbewerber gewichen ist.

Mit Friedrich Merz wird diese Entwicklung noch sichtbarer. Vor seiner ersten China-Reise als Kanzler im Februar 2026 beschäftigte er sich mit Stephan Thomes „Schmales Gewässer, gefährliche Strömung“ über Taiwan sowie mit Dan Wangs „Breakneck“ über Chinas wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Hier geht es zunächst konkret um ein Eskalationsszenario zwischen China und den USA um Taiwan. In „Breakneck“ beschreibt Autor Dan Wang die Konkurrenz zwischen einem ingenieurwissenschaftlichen China und einem anwaltsorientierten Amerika. Während China unerbittlich Megaprojekte vorantreibe, hätten sich die USA in eine Gesellschaft verwandelt, die reflexartig alles blockiere. Bei der Merz-Reise standen Wirtschaft und Sicherheitspolitik unter dem Stichwort „De-Risking“ nebeneinander.

Was lesen die chinesischen Führer?

An der Lektüre lässt sich eine Verschiebung des deutschen Blicks auf China beobachten. Mehnert und Strauß stehen für den Kalten Krieg und die Machtfrage. Schmidt verbindet strategische Nüchternheit mit historischem Interesse. Steinmeier und Merkel suchen stärker den Zugang zur chinesischen Gesellschaft und Kultur. Scholz und Merz lesen Bücher, in denen Taiwan, Großmachtrivalität, Technologie und die Gefahr eines Krieges zentrale Themen sind.

Als Kontrast fällt auf, wie stark die chinesischen Führer selbst in der Tradition ihres Landes lesen. Mao griff immer wieder zu den großen chinesischen Romanen und Geschichtswerken und suchte in ihnen Lektionen über Macht, Aufstieg und Niedergang. Ergänzt wurde die Lektüre durch die Werke von Marx und Engels. Sein Nachfolger Deng Xiaoping las ebenfalls chinesische Geschichte, daneben aber auch populäre Wuxia-Romane von Jin Yong.

Xi Jinping verbindet schließlich Konfuzius und die chinesischen Werke mit westlichen Klassikern wie Marx, Goethe, Shakespeare und Tolstoi. Zu seinen Lieblingswerken zählen laut offiziellen Medien Tolstois „Krieg und Frieden“ und Goethes „Faust“. Wenn ein westlicher Politiker dem chinesischen Präsidenten zumindest literarisch auf Augenhöhe begegnen möchte, wäre eine grundlegende Lektüre chinesischer Klassiker ein Anfang.

Dieser Text ist Teil unserer Serie „China verstehen“. Hier lesen Sie unseren Auftakttext zur Serie und hier die große Analyse zu dem sich abzeichnenden Handelskrieg zwischen Europa und China.

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