Wenn man einen Yoga-Kurs im Dhananjaya-Zentrum in Chemnitz besucht, unterscheidet sich die Szenerie nicht wesentlich von anderen deutschen Yoga-Studios. In einem Saal mit Parkettfußboden sind Yogamatten ausgebreitet, in einer Ecke steht ein von hinten beleuchteter Buddha, Blumen schmücken den Raum. Wie überall gibt es auch hier Yoga-Accessoires wie Sitzkissen, Klötzer und Bänder, um die Übungen zu unterstützen. Vom iPad rieselt leise Entspannungsmusik, und die vorwiegend weiblichen Yoga-Schüler bereiten sich im Yoga-Sitz auf die Haltungen der Kobra, der Katze und des Sonnengrußes vor.
Dhanya, 59 Jahre alt, wird die Stunde leiten. Der Name kommt aus dem Indischen und bedeutet so viel wie „Die mit Glückseligkeit Gesegnete“. Was heute so selbstverständlich scheint, war vor 30 Jahren in der DDR eine kleine Revolution. Da hieß Dhanya noch Beate Rößger und Chemnitz noch Karl-Marx- Stadt. Und Yoga war etwas Exotisches – von der Staatsführung nur als „Yoganastik“, als eine Art Gesundheitssport zugelassen. „Es war im Jahr 1981, ich war schwanger, und arbeitete am Theater und gab Gymnastikurse für die Mädchen“, erzählt Dhanya.
Zu viel Individualismus
Durch die Schwangerschaft bedingt konnte Dhanya die Gymnastik nicht mehr unterrichten und suchte etwas Leichteres. „Bei einer Freundin lag ein Buch auf dem Couchtisch, ein Yoga-Buch aus Westdeutschland.“ Dhanya bekam es für eine Woche ausgeliehen. Sie war wie gebannt. Innerhalb der einen Woche schrieb sie das ganze Buch von Hand ab. „Es war, als ob ein Tor aufging und sich mir dieses Jahrtausende alte Wissen auf einmal erschloss“, erinnert sie sich. Bis zur Geburt praktizierte sie die Übungen zu Hause. Nur vereinzelt war in Zeitschriften damals etwas über Yoga zu lesen, wie in den Zeitschriften Deine Gesundheit, Das Magazin oder Guter Rat.
Es war die Zeit, in der man Yoga in der DDR für eine gefährliche Krankheit hielt. Im Jahr 1979 verhängte der Deutsche Turn- und Sportbund DTSB sogar ein Yoga-Verbot für alle seine Veranstaltungen. Offiziell begründete man dies mit dem schlimmen Mystizismus, den die „Sportart aus dem fernen Osten“ verkörpere.
Dahinter stand wohl auch der Gedanke, dass die sehr individuelle „Sportart“ sich der Kontrolle der DDR-Oberen entziehen würde – was bei Mannschaftssportarten, die die DDR breit förderte definitiv nicht der Fall war. Yoga war genau das Gegenteil von der Linie des Wettkampfes und des Leistungssports, den die DDR förderte – Yoga war hoch individuell und in keiner Weise für Wettbewerbe zu gebrauchen.
Neugier auf fernöstliche Lehre
Erst im Jahr 1986 durfte das erste Yoga-Buch in der DDR erscheinen, natürlich aus streng medizinischer Sicht. Der Bedarf war da, denn durch das westdeutsche Fernsehen waren die DDR-Bürger neugierig geworden auf die fernöstliche Lehre. Das Buch trug den Titel „Die physiologischen Aspekte des Yoga und der Meditation“, verfasst hatte es der Mediziner Dietrich Ebert. Ebenfalls 1986 erschien dann auch eine Broschüre mit dem Titel „Yoga“, die die Übungen illustrierte. Der Preis war 3,20 DDR-Mark, die Auflage von 250.000 Exemplaren war im Nu vergriffen.
Nach fünf Monaten Babypause ging Dhanya wieder arbeiten. Sie wollte aber neben der Theaterarbeit etwas Neues beginnen und sah eine Anzeige in der Chemnitzer Freien Presse. Eine Lehrerin für Pop-Gymnastik im Städtischen Hallenbad wurde gesucht, und Dhanya stellte sich vor. Sie war die Einzige, die sich auf die Stelle bewarb, und wurde sofort genommen. Statt der Pop-Gymnastik bot sie dann Yoga an – „Yoganastik“. Ihr Angebot schlug in Chemnitz ein wie der Blitz. „Ich bekam in Postsäcken 5000 Anmeldungen für den Kurs, und wusste erst einmal gar nicht, wie ich das organisieren soll.“
Jede Teilnehmerin – es waren vorwiegend Frauen – durfte einen Kurs über acht Wochen belegen. „Ich war damals mit 27 bekannt als jüngste Yoga-Lehrerin der DDR“, erzählt Dhanya gut gelaunt. Viele Frauen wollten jedoch mehr als nur acht Wochen Yoga und fragten Dhanya, ob sie sie irgendwie „wieder einschleusen“ könne. „So fand ich eine Turnhalle – Miete mussten wir in der DDR ja damals nicht bezahlen –, die ich Montagabend nutzen konnte, und hatte eine zusätzliche Yogastunde mit rund 40 Personen.“
Bettvorleger als Yoga-Matte
Den „Nebenjob“ wollte sie beim Finanzamt anmelden. „Doch dort sagte man mir, dass es für private Yoga-Stunden kein Gesetz gäbe.“ Dhanya bekam die offizielle Erlaubnis der DDR-Führung, privaten Yoga-Unterricht erteilen zu dürfen und dafür pro Stunde und Teilnehmer 2,50 DDR-Mark zu kassieren – steuerfrei. Es gab zu dieser Zeit weder Yoga-Matten noch Zubehör wie Bänder oder Meditationskissen. Jede Teilnehmerin brachte einen kleinen Teppich oder einen Bettvorleger für die Übungen mit, wie überall in der DDR wurde improvisiert.
Obwohl die Yoga-Ausbildung in der DDR nur Medizinern vorbehalten war, schaffte es Dhanya, sich in einem offiziellen Kurs in Leipzig zu qualifizieren. Schnell war die gesamte Woche voll mit Yoga-Kursen, die sich großer Beliebtheit erfreuten, ihre Arbeit am Theater stand immer mehr hintenan. Nach der Wende baute sie dann im Jahr 1993 das erste Yogazentrum der Stadt auf. Während dieser Zeit lernte sie auch Osho kennen, der sie in ihren Bann zog und ihre Meditationspraxis prägte. Er gab ihr den Namen Ma Anand Dhanya, die ehemalige Beate Rößger trat fortan in den Hintergrund.
Heute ist das Dhananjaya-Zentrum in der alten Schönherr-Fabrik nicht mehr die einzige Yoga-Schule in Chemnitz. Vor allem ehemalige Schülerinnen haben eigene Yogastudios eröffnet. Und Dhanya muss auch nicht mehr alle Kurse selber leiten: Ihr Partner Atman, den sie vor zwölf Jahren kennenlernte, unterrichtet ebenfalls. Neben Yoga gibt es Kurse in Reiki, Familienaufstellung und Meditation. Dass dieses Studio seine Wurzeln im spröden ostdeutschen Kommunismus hat, wirkt heute unvorstellbar.
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