Musik

Zartmann im Interview: „Die Kluft wird immer größer, es wird nicht mehr viel geredet“

Zartmann kommt 2027 groß auf Open-Air-Tour, auch nach Dresden und Berlin. Wir haben ihn schon jetzt im Nightliner zum Interview in Kreuzberg getroffen.

10 Min
Der Berliner Sänger Zartmann (hier zu sehen auf einem Archivbild 2026 in Münster) spielt 2027 groß in der Wuhlheide – wir haben ihn schon jetzt zum Interview im Nightliner getroffen.

Der Berliner Sänger Zartmann (hier zu sehen auf einem Archivbild 2026 in Münster) spielt 2027 groß in der Wuhlheide – wir haben ihn schon jetzt zum Interview im Nightliner getroffen.

© David Ebener/dpa

Spätsommernachmittag am Sage Beach in Berlin-Kreuzberg. Der Sänger Zartmann und sein Team sind mit dem Tourbus vorgefahren. Unter dem Konterfei des Berliners („Tau mich auf“) steht „sommer open airs '27“ auf den Nightliner geschrieben. Zartmanns große Freilicht-Tournee findet also nächstes Jahr erst statt. Am 28. August  2027 spielt er riesig in der Wuhlheide in Köpenick. Und am Vortag bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer.

Aber Zartmann ist schon jetzt nach Berlin gekommen – um vorab Tickets an seine Fans zu verkaufen; und für sie ein paar Lieder auf dem Tourbus-Dach zu spielen. Seit zwei Wochen macht er das nun schon, in allen seinen zwölf Tourneestädten 2027, von Basel über München, Hamburg bis nach Dresden und nun zum Finale in seiner Heimatstadt Berlin. Wir durften zu Zartmann in seinen Bus steigen, wo er uns zum Interview geladen hat.

Zartmann, Sie sind ja die letzten Tage hier in diesem Nightliner durch Deutschland, Österreich und die Schweiz getourt. Reist es sich denn komfortabel im Nightliner oder ist es besser im Auto, im ICE oder im Privatjet?

Die Privatjet-Erfahrung habe ich noch nicht gemacht, das heißt, dazu kann ich nichts sagen. Aber von all den anderen genannten Optionen ist der Nightliner auf jeden Fall die beste, weil man beim Fahren schläft und das natürlich ganz viel Zeit spart - weil man nicht nach dem Schlafen noch fahren muss. Es ist super gemütlich, wie Klassenfahrt mit seinen Freunden, aber es ist auch schön, wenn es dann vorbei ist.

Sieht aber schon sehr komfortabel hier aus. In der Berliner Wuhlheide spielen Sie nächstes Jahr. Was ist das eigentlich für Sie für ein Ort? Sie sind ja in Berlin aufgewachsen und leben in Berlin. Verbinden Sie Erinnerungen mit der Wuhlheide? Haben Sie da schon andere Acts gesehen?

Ja, zu 100 Prozent. Ich habe da damals Neil Young gesehen und Die Ärzte mit etwa zehn Jahren. Ich war da als Kind voll oft und später auch noch. Und nun ist es ein bisschen schwer vorstellbar, dass das wirklich passieren kann und wird, dass ich da 2027 spiele. Es ist sehr surreal, aber ich freue mich unglaublich. Das sind insgesamt auf der Tour dann total schöne Städte und Orte zum Spielen.

Zur Person
Julian Essink

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Zartmann ist zugleich der Bühnenname wie auch der bürgerliche Nachname des Berliner HipHop-Liedermachers Zartmann. Seinen Vornamen und sein Alter möchte er nicht verraten. Aufgewachsen ist Zartmann in Prenzlauer Berg. Sein Großvater ist der Schauspieler Jürgen Zartmann. Zartmanns dritte EP „schönhauser“ (gewidmet seinem Heimatkiez in Prenzlauer Berg) erklomm 2025 Platz 1 der deutschen Album-Charts. Der Song „tau mich auf“ darauf war 2025 der meistgestreamte Song Deutschlands. Zartmann lebt in Berlin.

Sie haben ja dieses Jahr schon mega große Shows gespielt, auch in Berlin: Max-Schmeling-Halle, Lollapalooza. Haben Sie eigentlich überhaupt als Künstler die Chance gehabt, in kleineren Locations Erfahrungen zu sammeln, oder ging das bei Ihnen direkt groß los?

Nee, nee, ich habe meine Tour 2024 zum Beispiel in 100er- und 200er-Clubs gespielt. In Berlin waren wir im Lido, was schon etwas größer ist, aber wir haben auch im Badehaus und im Gretchen gespielt. Wir haben eigentlich alles durchgemacht; nur an dem Punkt, an dem es größer wurde, ging es dann sehr schnell.

Dann wurden die Dimensionen direkt gigantisch, oder?

Groß, ja.

Ihre ganze Tour 2027 findet unter freiem Himmel statt. Das Schlimmste, was bei einem Open-Air passieren kann, ist ja eigentlich Regen. Haben Sie Tipps für Regenkonzerte?

Ehrlich gesagt, finde ich es immer ganz geil, wenn es regnet, weil das die Leute dazu bringt, noch mehr auf alles zu scheißen. Wichtig ist, dass man sich als Artist dann nicht ins Trockene stellt und abwartet und von da singt. Sondern wenn alle Menschen nass werden, muss ich auch nass werden und rein in die Menge, um Teil davon zu sein. Das finde ich am Ende nur fair.

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„Alles driftet immer mehr nach links und rechts“

Ergibt Sinn. Beim Lollapalooza gab es ja einen kleinen Crash auf Ihrer Bühne. Was war da eigentlich passiert? Ich glaube, viele im Publikum haben gar nicht gecheckt, was passiert ist.

Da ist unter dem Schlagzeug das Podest zusammengebrochen.

Das sah für einen Moment echt brutal aus, aber dann ging es ja schnell cool weiter.

Alle sind unverletzt geblieben, allen ging es super. Es war tatsächlich eher witzig.

Sind Konzerte Orte, an denen tatsächlich sehr verschiedene Menschen zusammenkommen? Oder trifft sich da jeweils nur die eigene Bubble?

Das kommt natürlich aufs Konzert an, aber ich finde schon, dass Konzerte die Eigenschaft haben, dass Menschen an diesem Abend zu einer Einheit zusammenwachsen. Man spricht ja im übertragenen Sinne auch von der Crowd oder dem Publikum als einer Person. Manche Konzerte haben das an sich – auch Konzerte, die ich besucht habe –, dass man das Gefühl hat, Teil einer Menge zu sein.

Das finde ich einen schönen Effekt, gerade in Zeiten wie diesen, wo alles immer mehr nach links und rechts driftet, es extremer wird, die Kluft größer wird und nicht mehr viel geredet wird. Da ist es schön, wenn es Orte gibt, wo Leute einfach zusammenkommen und Teil von etwas sein können.

Kürzlich – aufgehängt an der Ausladung von Alphaville beim Glücksgefühle Festival – gab es ja eine Debatte darüber, wie politisch sich Künstler äußern sollen oder ob Konzerte eher unpolitische Orte sind, wo Leute einfach chillen und die Realität für zwei Stunden vergessen wollen.

Meiner Meinung nach muss man auf Konzerten nicht Werbung für eine bestimmte Partei machen oder eine Politikveranstaltung daraus machen. Aber sich gegen Rechtsextremismus auszusprechen, gehört dazu. Das würde ich genauso bei Freunden an einem Bar-Abend machen. Auch so ein Bar-Abend kann wunderschön sein und trotzdem gibt es kurz eine Politikdiskussion. Klar zu sagen, wo man steht, und Grenzen aufzuzeigen, finde ich völlig in Ordnung.

„Rechtsextremismus kann nie die Lösung sein“

In dem Song „meinen die uns“ aus dem Jahr 2024 haben Sie gesungen: „Fick die AfD, ich frage mich wirklich, wer die wählt“. Gerade waren auch Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Glauben Sie inzwischen, zwei Jahre später, etwas mehr zu verstehen, wer die AfD wählt, oder ist es Ihnen noch genauso ein Rätsel wie damals?

Als ich die Zeile geschrieben habe, war nicht vorhersehbar, dass diese Partei von einer Randpartei so groß werden könnte. Ich glaube, dass viele Menschen sie inzwischen aus Frustration wählen oder in der Hoffnung auf Besserung. Ich persönlich bin anderer Meinung: Rechtsextremismus kann nie die Lösung sein, und eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei kann nicht die Lösung für unser Land sein. Daher werde ich diese Zeile auch in Zukunft immer singen.

„Meine zwei, drei erfolgreichen Songs sind sehr freundlich, aber es gab davor schon immer Songs, die das nicht waren“: Zartmann im Konzert

„Meine zwei, drei erfolgreichen Songs sind sehr freundlich, aber es gab davor schon immer Songs, die das nicht waren“: Zartmann im Konzert

© Dominik Friess

Sie haben im Juli auf TikTok einen neuen Song angeteasert: „Deutschland, was geht?“ Wird das noch ein fertiger Song, der bald erscheint, oder bleibt es bei dem Snippet?

Es bleibt einfach bei diesen 40 oder 50 Sekunden.

Darüber wurde viel gerätselt. Dieter Nuhr und Markus Söder tauchten darin auf – was haben Sie mit denen zu schaffen?

Nichts. Ich hatte einfach das Gefühl, dass das ganz geil ist, das mal zu sagen, oder dass es mal gesagt werden konnte.

„Wann sagt jemand Dieter Nuhr, dass er ein Hurensohn ist?“ hieß es in dem Snippet. Und: „Sag mir, wann sieht man Söder endlich ohne Secus?“Also ohne Sicherheitspersonal. Für viele war das auch ein etwas krawalligerer Ton in diesem Teaser-Snippet als man es von Ihnen kannte.

Das mag sein, aber ich war vorher eigentlich auch schon so. Meine zwei, drei erfolgreichen Songs sind sehr freundlich, aber es gab davor schon immer Songs, die das nicht waren. Da bin ich meiner Linie sehr treu geblieben.

„Wir hatten nicht ein Mal ein Bier im Tourbus“

Früher hat man bei Rockbands auf Tournee oft gesagt: „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“. Gilt solch ein Motto heute immer noch auf Tour? Oder ist das nicht mehr zeitgemäß?

Bei mir ist das absolut nicht der Fall. Wir hatten nicht ein einziges Mal auch nur ein Bier im Tourbus.

Das klingt sehr diszipliniert.

Das ist tatsächlich so, weil wir extrem viel machen – ich bin jetzt ja auch etwas krank geworden – mit den Treffen jeden Abend, der Musik nebenbei und Content. Das raubt Kraft. Ich mache zwar gerne Party, aber aktuell schaffe ich das auf diese Art gar nicht.

Letztes Mal hatten Sie eine Kokosnuss dabei, als wir uns in Prenzlauer Berg zum Interview trafen. Kommt das Kokosnusswasser bei Ihnen noch zum Einsatz für die Stimme?

Manchmal trinke ich es, gar nicht speziell für die Stimme, sondern um den ganzen Körper zu rehydrieren.

Zartmann live auf seinem Nightliner am Sage Beach in Berlin-Kreuzberg

Zartmann live auf seinem Nightliner am Sage Beach in Berlin-Kreuzberg

© Chimperator Live

Haben Sie noch andere Kniffe parat, um Ihre Stimme auf Tournee in Form zu halten?

Ich singe mich jeden Morgen eine halbe Stunde ein, vor jedem Auftritt eine halbe Stunde und nach jedem Auftritt noch eine halbe Stunde wärme ich mich auf, beziehungsweise ab. Das kostet viel Zeit, aber so schaffe ich es, stimmlich durchzuhalten, weil es schon sehr anstrengend ist.

Haben Sie auf Tournee Tricks gegen Jetlag, Kater oder Müdigkeit? Eine Tour ist ja auch körperlich sehr anstrengend.

Wir sind immer Fußball spielen gegangen, um rauszukommen und ein bisschen Tageslicht zu bekommen, weil es an Tageslicht am meisten mangelt, wenn man auf Tour geht. Sonst sind wir alle ein bisschen Orthomol-Junkies.

„Einfach Bock haben, sich fallen zu lassen“

Orthomol ist ein Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und mit Mineralien, das in Apotheken verkauft wird.

Es gibt Leute bei uns, die sagen, Orthomol macht krank, und andere schwören darauf.

Was sollte man unbedingt zu einem Zartmann-Konzert mitbringen als Fan?


Energie, um rumzuspringen und vollkommen auszurasten.

Und was auf keinen Fall?

Klappmesser. (lacht)

Das ultimative Accessoire für das Open-Air-Konzert in der Wuhlheide?

Regenparka braucht man am Ende eigentlich nicht. Einfach Bock haben, die Stimme abzugeben, sich darauf einzulassen, sich fallen zu lassen, das Handy auszumachen und den Abend zu genießen. Ich gebe jeden Abend 120 Prozent. Wir haben eine sehr magische Show mit Lichterketten beim Publikum unter freiem Himmel geplant.

„Es könnte noch ein Album kommen“: Zartmann live im Konzert

„Es könnte noch ein Album kommen“: Zartmann live im Konzert

© Dominik Friess

Wie geht es Ihnen selbst mit dem Handy? Gelingt es Ihnen im Alltag, das Handy mal wegzulegen?

Ja, tatsächlich viel. Ich lösche auch mal TikTok, wenn ich es nicht brauche, und lebe ein bisschen anachronistisch. Ich lese gerne Bücher oder höre Musik.

Welches Buch können Sie gerade empfehlen?

Ich habe gerade „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gelesen und bin ein großer Fan.

Bei Ihrem Tournee-Trailer spielen Pflanzen in den Visuals eine wichtige Rolle. Wie kamen Sie darauf?

Da müssen sich alle überraschen lassen, aber Pflanzen werden eine Rolle spielen.

Welche Ihrer Texte und Melodien sollte man noch einstudieren, um bei der Tour mitsingen zu können?

Von den zwei letzten EPs sollte man sich noch mal alles anhören, ich habe ja noch kein Album herausgebracht.

Könnte noch ein Album kommen?

Es könnte noch ein Album kommen, ja. Mal schauen.

Zartmann - sommer open airs '27. 27.8. Dresden, 28.8. Berlin u.a., VVK 69 Euro, Karten erhältlich im Tickethop der Berliner Zeitung.

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