Zehn Minuten zwischen Leben und Tod

Marieke Degen
7 Min

Der Tod kommt ohne Vorankündigung. Meist ereilt er die Patienten zu Hause, manchmal auf dem Marktplatz, in der U-Bahn, im Kaufhaus. Plötzlich beginnt das Herz schnell und unkontrolliert zu kontrahieren. Infolge dieses sogenannten Kammerflimmerns kann es kein Blut mehr durch den Körper pumpen. Innerhalb von Sekunden bricht der Patient bewusstlos zusammen und hört auf zu atmen. Das Herz steht still.Dann muss es schnell gehen. Nur eine Herzdruckmassage erhält den Patienten am Leben: dreißig kräftige Stöße auf das Brustbein, zweimal Beatmen, dann wieder dreißig kräftige Stöße. Noch besser ist ein elektrischer Schock aus einem Defibrillator, der den Herzschlag wieder herstellt und in den richtigen Takt bringt. "Für die Wiederbelebung bleiben gerade einmal zehn Minuten", sagt Dietrich Andresen, Chefarzt des Berliner Herzrhythmus-Zentrums im Vivantes-Klinikum am Urban und Gastgeber des heute zu Ende gehenden Kongresses der European Heart Rhythm Association (EHRA) im Berliner ICC. Mit jeder Minute, die verstreiche, schwinde die Überlebenschance des Patienten um zehn Prozent. Doch Notärzte würden den Ort des Geschehens fast nie rechtzeitig erreichen. Die Umstehenden trauen sich oft nicht, den Patienten anzufassen, und Defibrillatoren sind meist nicht zur Stelle. Von hundert Patienten würden gerade einmal fünf erfolgreich wiederbelebt, sagt Andresen.Auch Sportler kann es treffenAllein in Europa sterben rund 400 000 Menschen pro Jahr an den Folgen eines Herzstillstandes - das ist etwa so, als würden jeden Tag zwei vollbesetzte Jumbojets abstürzen. Der plötzliche Herztod fordert mehr Opfer als Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids zusammen. Bei 55- bis 65-Jährigen ist er sogar die Haupttodesursache. Er trifft Männer früher im Leben als Frauen, und fast immer gehen dem tödlichen Kammerflimmern Erkrankungen der Herzkranzgefäße voraus. Das kann ein Herzinfarkt sein oder auch eine Herzschwäche. In beiden Fällen wird das Herz unzureichend durchblutet und als Folge werden die Nervensignale, die den Herzmuskel kontrahieren lassen, nicht mehr richtig koordiniert.Sehr selten sterben auch junge Menschen am plötzlichen Herztod, oft weil sie, ohne es zu wissen, an einem angeborenen Herzfehler leiden. Oder es handelt sich um Sportler, die sich nach einem Infekt - ebenfalls unwissend - eine Herzmuskelentzündung zugezogen haben und zu früh wieder mit voller Kraft trainieren. "Einer Studie aus den USA zufolge war nur bei der Hälfte der Opfer die Krankheit schon vor dem Herzstillstand bekannt", sagt Andresen. Bei allen anderen sei der Herzstillstand das erste Anzeichen dafür gewesen, dass mit dem Herzen etwas nicht stimmt.Doch selbst wenn die Patienten um ihre Herzkrankheit wissen: Möglichkeiten, dem plötzlichen Herztod vorzubeugen, gibt es kaum. Herzinfarktpatienten mit einem besonders hohen Risiko könne man einen kleinen Defibrillator implantieren, sagt Andresen. Innerhalb von Sekunden erkenne dieser ein Kammerflimmern und erzeuge dann den rettenden Stromstoß. Die meisten Patienten erhalten jedoch Medikamente. "Und wir klären sie darüber auf, dass es zum Herzstillstand kommen kann, und zeigen den Angehörigen, welche Maßnahmen sie ergreifen müssen", sagt Andresen.Denn den Ernstfall, so schätzen Experten der EHRA, könnte die Hälfte der Patienten überleben, wenn sie rechtzeitig und richtig behandelt werden würden - direkt nach dem Herzstillstand und später im Krankenhaus.Die Realität sieht anders aus. Zu wenige Passanten helfen, wenn in ihrer Mitte ein Fremder zusammenbricht. "Entweder erkennen sie nicht, dass der Patient in Lebensgefahr schwebt, oder sie wissen nicht, was sie tun sollen und fürchten, bei der Wiederbelebung etwas falsch zu machen", sagt Andresen. Meistens warten sie auf den Notarzt - bis dahin ist der Patient gestorben. Erhebungen aus Berlin zeigen, dass Passanten nur in einem Drittel der Fälle selbst eingegriffen und mit den lebensrettenden Sofortmaßnahmen begonnen haben.Mit einer europaweiten Kampagne möchte die EHRA nun das Know-how unters Volk bringen. "Beat it!" heißt das Projekt; Start ist in Berlin. Vor allem Apotheker sollen ihren interessierten Kunden die richtigen Griffe der Herzdruckmassage zeigen oder an einem Dummy demonstrieren. Dietrich Andresen hält es zudem für sinnvoll, mehr Defibrillatoren in der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn dass auch Laien nach einer kurzen Ausbildung mit dem Gerät umgehen können, hat der Kardiologe gemeinsam mit Kollegen in der Studie "Sudden Death in Berlin" gezeigt.Vor zwei Jahren brachte das Team um Andresen vierzig Defibrillatoren an öffentlichen Plätzen in Berlin an, unter anderem im Zoo, im Kaufhaus des Westens (KaDeWe), in großen Hotels und in der Spielbank am Potsdamer Platz. Anschließend brachten die Mediziner einigen Mitarbeitern bei, den Defibrillator richtig einzusetzen. "Sobald man das Gerät auf die Brust legt, misst es die Herzfrequenz", erläutert Andresen. Der Stromstoß erfolge nur dann, wenn das Herz tatsächlich zu schlagen aufgehört habe. Damit verhindert der Defibrillator, dass Menschen mit funktionstüchtigem Herzen einen Stromstoß versetzt bekommen.Mit diesem Wissen hat eine Verkäuferin des KaDeWe erfolgreich eine Kundin in der Lebensmittelabteilung wiederbelebt; gleiches ist im Casino am Potsdamer Platz gelungen. Im Moment untersuchen die Herzspezialisten zusammen mit der Feuerwehr, an welchen Orten in Berlin sich die Herzstillstände häufen - Andresen zufolge meist dort, wo besonders viele Menschen zusammenkommen. An diesen Plätzen sollen demnächst weitere Defibrillatoren angebracht werden.Lebensrettende Sofortmaßnahmen sind zwar der entscheidende Schritt, aber nur der erste. Im Notarztwagen geht die Kampf ums Überleben weiter - und damit auch der Kampf gegen körperliche Folgeschäden. Eine Sache hat sich dabei als besonders wirksam erwiesen: Kälte. "Die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand steigen deutlich, wenn die Körpertemperatur des Patienten nach der Wiederbelebung einen Tag lang auf 32 bis 34 Grad Celsius gesenkt wird", sagt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln.Kälte schützt das GehirnHypothermie heißt die Methode in der Fachsprache. Die Patienten bekommen normalerweise schon im Rettungswagen gekühlte Infusionen. "In einem Supermarkt haben Notärzte aber auch schon einmal tiefgefrorene Pommes Frites auf den Patienten gelegt", erzählt Böttiger.Bei einem Herzstillstand wird der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, besonders das Gehirn kann deshalb schweren Schaden nehmen. Bei einer niedrigeren Körpertemperatur benötigen die Organe deutlich weniger Sauerstoff. Gleichzeitig verhindert die Kälte den Selbstmord der Zellen, eine ansonsten normale Stressreaktion des Körpers.Nebenwirkungen der Hypothermie gibt es praktisch keine; sehr selten erleiden Patienten eine Lungenentzündung. Zudem ist das Verfahren kostengünstig und einfach zu handhaben. Bereits Anfang des Jahrtausends belegten Studien mit mehreren Tausend Patienten den Nutzen der Hypothermie. Würde das Verfahren flächendeckend eingesetzt, könnten in Deutschland bis zu achttausend Patienten pro Jahr zusätzlich gerettet werden."Untersuchungen aus dem Jahr 2007 zeigen allerdings, dass kaum zwanzig Prozent aller Kliniken in Deutschland die Hypothermie routinemäßig anwenden", sagt Böttiger. Eine Erklärung dafür sei, dass sich mit dem Verfahren in der Pharmabranche kaum Geld verdienen lasse und es daher - anders als neue Medikamente oder Katheter - schlecht vermarktet werde. Nicht zu kühlen, sagt Böttiger, sei für ihn jedoch eine unterlassene Hilfeleistung. Genauso, wie tatenlos daneben zu stehen, wenn auf dem Boden ein Patient um sein Leben ringt.------------------------------Jetzt oder nieFünf Maßnahmen können einem Patienten mit plötzlichem Herzstillstand das Leben retten:1. Prüfen Sie, ob der Patient bewusstlos ist. Falls ja, schlagen Sie ihm leicht auf die Wange. Bleibt er völlig reglos, steht sein Herz wahrscheinlich still.2. Rufen Sie unter 112 einen Notarzt herbei.3. Wenn der Patient nicht mehr atmet, beginnen Sie sofort mit der Herzdruckmassage: dreißig kräftige Stöße auf die Brust, mit beiden Händen genau zwischen die Brustwarzen, zwei Stöße pro Sekunde.4. Nach dreißig Stößen beatmen Sie den Patienten. Sein Kopf muss vorsichtig nach hinten geneigt werden, um die Atemwege freizulegen.5. Falls ein Defibrillator in der Nähe ist, folgen Sie der Gebrauchsanweisung und versetzen dem Patienten einen Stromstoß. Dann setzen Siedie Herzdruckmassage fort. (mdg.)------------------------------Foto : Ein gezielter Stromstoß aus einem Defibrillator kann das lebensgefährliche Kammerflimmern beenden. Seine Energie gibt das Gerät, das auch von Laien leicht zu bedienen ist, über zwei großflächige Elektroden ab.

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