BERLIN. Mit der bereits sechsten Leitzinserhöhung innerhalb eines Jahres will die Europäische Zentralbank (EZB) die Inflationstendenzen im Euro-Raum im Keim ersticken: Gestern hob die EZB den Schlüsselzins, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Zentralbank refinanzieren können, um einen weiteren Viertelprozentpunkt auf 3,5 Prozent an. Damit steht der Leitzins auf dem höchsten Niveau seit fünf Jahren.Auch nach dieser Erhöhung sei der Leitzins im Euro-Raum noch niedrig, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in Frankfurt am Main. Damit fördere die Geldpolitik weiterhin das Wachstum. Trichet deutete allerdings eine mögliche weitere Anhebung der Leitzinsen an: "Es ist geboten, entschieden und rechtzeitig zu handeln, um die Preisstabilität zu gewährleisten", sagte der EZB-Chef. Der EZB-Rat werde deshalb alle Entwicklungen "sehr genau beobachten." Die Inflation im Euro-Raum werde in diesem Jahr bei 2,2 Prozent liegen. Die EZB strebt aber einen Wert unter zwei Prozent an.An den Finanzmärkten war die Zinserhöhung in dieser Größenordnung erwartet worden. Die Äußerungen Trichets führten dann aber kurzzeitig zu einer gewissen Beunruhigung und drückten zeitweise auf die Aktienkurse. Dennoch notierten die meisten Aktien am Abend im Plus. Der Kurs des Euro zog leicht an.Experten bezeichneten den gestrigen Zinsschritt der EZB als vertretbar, warnten aber vor weiteren deutlichen Anhebungen, weil die Konjunktur sonst Schaden nehmen könne. Höhere Zinsen gelten nämlich als Wachstumsbremse, weil sie Investitionen für Unternehmen verteuern. Für Verbraucher wiederum haben sie Vor- und Nachteile: Einige Kredite werden teurer, für Geldanlagen gibt es dafür höhere Zinsen (siehe Kasten)."Ich kann den Zinsschritt nachvollziehen", sagte der Volkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Reinhard Kudiß, der Berliner Zeitung. Wegen der hohen Ölpreise und der anstehenden Erhöhung der Mehrwertsteuer in Deutschland gebe es gewisse Inflationstendenzen, die Stabilitätsrisiken mit sich brächten. Kudiß wertete die Zinserhöhung aber auch als Signal an die Tarifpartner, maßvolle Lohnabschlüsse zu vereinbaren: Die angekündigten Lohnforderungen der IG Metall seien Besorgnis erregend für die Preisentwicklung. "Die EZB weist damit auch auf die Gefahr hin, dass bei den Lohnabschlüssen in Deutschland übertrieben wird und dass dies zu Zweitrundeneffekten bei den Preisen führen kann", so der BDI-Volkswirt.Kudiß geht nun allerdings von einem baldigen Ende des Zinserhöhungszyklus aus. "Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht unerwartet verschlechtern, dürfte die EZB die Zinsen nur noch einmal um weitere 25 Basispunkte erhöhen. Das reicht dann auch aus", sagte Kudiß. "Ich gehe davon aus, dass die EZB den Bogen nicht überspannt, zumal der steigende Außenwert des Euro eine preisdämpfende Wirkung hat."US-Zinsen deutlich höherAuch DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke bezeichnete den Zinsschritt der EZB als vertretbar. Eine Gefahr für die Konjunktur entstehe dadurch noch nicht. Allerdings gebe es nun vorerst keinen Grund zu einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen. "Der wieder gesunkene Ölpreis und der steigende Euro dämpfen den Inflationsdruck", sagte Nitschke.Mit 3,5 Prozent liegt der Leitzins im Euro-Raum noch immer weit unter dem entsprechenden US-Leitzins, der derzeit bei 5,25 Prozent liegt. Zuletzt hatte die US-Notenbank Fed allerdings wegen der nachlassenden Konjunktur und der steigenden Arbeitslosigkeit in den USA auf weitere Erhöhungen verzichtet. Beobachter rechnen sogar damit, dass die Fed die Zinsen schon bald wieder senken könnte. Damit würde sich der Zinsabstand zum Euro-Raum weiter reduzieren - was wiederum den Kurs des Dollar im Vergleich zum Euro belasten könnte. Schon in den letzten Tagen hatte der Dollar deutlich nachgegeben.------------------------------Gute Nachricht für SparerFestgelder: Sparer können wegen der Anhebung der Leitzinsen durch die EZB mit höheren Zinsen rechnen: "Wir erwarten, dass die Zinsen für Termineinlagen, also Tages- und Festgelder entsprechend angehoben werden", sagte Bankenverband-Volkswirt Volker Hofmann. Die Zinssätze für langfristige Geldanlagen würden sich dagegen kaum verändern, so Hofmann.Kredite: "Analog dürften kurzfristige Kredite, also zum Beispiel Dispositionskredite teurer werden", sagte Hofmann. Bei Baufinanzierungen und anderen lang laufenden Krediten seien dagegen keine Verschlechterungen der Konditionen für die Kunden zu erwarten.------------------------------Grafik: Leitzins-Entwicklung------------------------------Foto: Will weiterhin "entschieden und rechtzeitig handeln": EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei der gestrigen Verkündung der Zinsentscheidung.
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