Zinserhöhung noch in diesem Jahr wahrscheinlich / BDI: Mahnung an Politik und Gewerkschaften / Kaum Folgen für Konjunktur erwartet

Warnschuss der Zentralbank

Stephan Kaufmann Sebastian Wolff
4 Min

BERLIN. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat die überraschende Ankündigung einer Zinserhöhung durch den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, als Warnschuss an Politik und Gewerkschaften bezeichnet. Denn höhere Löhne und Steuern würden die Inflation antreiben. Zugleich wiesen Ökonomen auch auf die Gefahr einer Zinserhöhung für den Haushalt hin. An den Finanzmärkten stieg der Euro nach der Trichet-Rede am Freitag Nachmittag um fast einen Cent. Der Deutsche Aktienindex (Dax) gab dagegen einen Teil seiner zuvor erzielten Gewinne ab.BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß sagte: "Der Zinsschritt war seit längerem absehbar, denn die Stabilitätsrisiken haben sich vor allem wegen des hohen Ölpreises deutlich erhöht". Kudiß fügte hinzu: "Das ist eine klare Warnung an alle Preistreiber, vor allem in der Tarifpolitik und in der Finanzpolitik".Geldpolitik bleibt expansivZwar würden durch eine Zinserhöhung einzelne Akteure Nachteile erleiden, so Kudiß. So steige der Euro dadurch tendenziell an und das belaste die deutsche Exportwirtschaft. Doch die EZB müsse die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Auge behalten. "Die Geldpolitik bleibt wachstumsfördernd", so der BDI-Experte. "Dann ist noch immer genügend Liquidität in Deutschland vorhanden. Deshalb wäre eine Zinserhöhung kein Konjunkturrisiko".Auch der Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, Jörg Krämer, sah keine Gefahr für die Konjunktur: "Eine Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten wirft die deutsche Konjunktur nicht aus der Bahn. Wir werden unsere Wachstumsprognose nicht ändern".Weniger optimistisch zeigte sich Udo Ludwig, Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Schädlich für das Wirtschaftswachstum dürfte die Zinserhöhung zwar nicht sein. "Sie ist jedoch ein negatives Signal an die Unternehmen", sagte Ludwig. Seiner Ansicht nach hätte die Zentralbank noch einige Monate mit ihrer Entscheidung warten müssen. Nun bestünde die Gefahr, dass die Erwartungen der Unternehmen negativ beeinflusst würden.Weitere Zinsschritte werden nun erwartet. "Es wird mit Sicherheit nicht bei einem Zinsschritt bleiben", sagte Kudiß. Allerdings müsse es nicht zwingend zu einer schnellen Folge von Zinserhöhungen kommen, wie zuletzt in den USA.Höhere Leitzinsen können nach Ansicht des Subventions- und Haushaltsexperten des Kieler Instituts für Wirtschaft, Alfred Boss, den Abbau des Staatsdefizits in Deutschland erschweren: "Das wird der Bund bei der Kapitalaufnahme spüren", sagte Boss. Eine Leitzins-Erhöhung wirke sich über kurz oder lang auch auf die mittel- und langfristigen Zinsen aus. Angesichts eines Schuldenstandes von rund 1 450 Milliarden Euro führe eine Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten rein rechnerisch zu einer Mehrbelastung von rund 3,6 Milliarden Euro für Bund, Länder und Gemeinden. Jedoch müsse berücksichtigt werden, dass jedes Jahr nur ein Teil der Schulden umgeschuldet und somit einem neuen Zinssatz unterworfen werde. Deshalb werde die Mehrbelastung für die Haushalte nur schrittweise erfolgen.Eine höhere Schuldenbelastung des Bundes hielt Ludwig dagegen für unwahrscheinlich: "Die EZB beeinflusst lediglich die kurzfristigen Zinsen", sagte der IWH-Experte. Die Entwicklung der langfristigen Zinsen hänge weniger von der EZB als von den Entwicklungen auf dem weltweiten Kapitalmarkt ab.------------------------------ZinswendeExperten erwarten, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung am 1. Dezember beschließen wird, die Leitzinsen für die Euro-Zone anzuheben. Sie gehen davon aus, dass der Zinssatz zunächst nur von 2 auf 2,25 Prozent angehoben wird. Es wird aber damit gerechnet, dass die EZB im kommenden Jahr noch weitere Zinserhöhungen vornimmt.Die EZB könnte sich dazu gezwungen sehen, weil die Inflationsrate kräftig gestiegen ist: Zuletzt lag sie bei 2,5 Prozent und damit deutlich über der Marke von zwei Prozent, die als Preisstabilität definiert wird.Die Erwartung steigender Zinsen ließ den Euro am Freitag kurzzeitig ansteigen, weil Geldanlagen in der Euro-Zone bei höheren Zinsen wieder attraktiver werden.------------------------------Grafik: Zinsentwicklung 2002-2005 (US, Euro). In den USA sind die Leitzinsen bereits kräftig angehoben worden.------------------------------Foto: Weil die Inflationsrisiken steigen, will die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erhöhen.

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