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„Zu Lebzeiten hat sich niemand bei ihr entschuldigt“: Zum 10. Todestag von Margot Honecker

Unser Autor berichtet von Begegnungen mit der langjährigen Ministerin für Volksbildung der DDR in Chile, schließlich von der Unanständigkeit westlicher Medien.

Frank Schumann
Frank Schumann
9 Min
Margot Honecker im Jahr 1984

Margot Honecker im Jahr 1984

© Günter Schneider/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Wir standen in der Küche, und während sie das Gemüse für den Salat säuberte, erzählte sie, wie sie des Nachts für ihren krebskranken Mann die flüssige Nahrung hier zubereitet habe. Geld für medizinisches Pflegepersonal fehlte, die nächtliche Kälte habe ihr zu schaffen gemacht. Das ganze Haus – zwei kleine Räume im Obergeschoss, Küche, Kammer und Wohnzimmer zu ebener Erde – wurde von einem einzigen Nachtspeicherofen nur mäßig beheizt.

„Hol mir mal bitte eine Zitrone“, sagte sie, und ich fragte „Wo?“, worauf sie mit der Hand in den Garten wies. Da stand ein Baum, an dem gleichzeitig Blüten, grasgrüne Früchte und gelbe, reife Zitronen hingen. Ob er ihn noch selbst gepflanzt … ? Sie schüttelte den Kopf. Der Zitronenbaum und alles andere sei dort schon gewachsen, als sie im Juli 1992 hier einzog, nachdem Boris Jelzin beide Honeckers aus Moskau verjagt hatte.

Sie war damals von der chilenischen Botschaft direkt nach Santiago geflogen, ihr Mann nach Tegel, wo er unter Fernsehbegleitung nach Moabit überführt worden war. Dort hatte Honecker bereits 1935 eingesessen. Am Ende waren es zehn Jahre, die er hinter Nazi-Gittern zubrachte. Zehn Jahre vom Tausendjährigen Reich, das zwölf Jahre nur währte. Den Russen und den Alliierten sei Dank.

Das bescheidene Quartier in La Reina hatte die PLO finanziert zum Dank für die Solidarität, die die DDR dem palästinensischen Volk über Jahrzehnte erwies, die Möbel – erkennbar in die Jahre gekommen, an manchen Stellen löste sich die Folie von den Spanplatten – stammten aus der 1990 geschlossenen DDR-Botschaft, die Bilder und die Kleinkunst gewiss auch. Die meisten Exilanten, die mal früher Staatsoberhäupter oder Regierungschefs waren, lebten weitaus luxuriöser – sie hatten beizeiten Geld ins Ausland verbracht. Honeckers erkennbar nicht.

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Honecker war Freiwild

Wir saßen und aßen draußen auf der Terrasse und schauten in den Garten, den eine übermannshohe Hecke umschloss. Dahinter waren einst Paparazzi aus Deutschland auf die Leiter gestiegen, um den todkranken Greis abzulichten, wie er dort auf der Liege lag und las. Es gibt im Netz eine kurze Sequenz, als seine Frau nach dem Gartenschlauch griff und den Wasserstrahl auf den übergriffigen Kameramann richtete. Honecker war Freiwild, das die Fotografen abschossen. Sie besaßen die Lizenz zum Töten, aber keinen Anstand.

Später fuhren wir nach Isla Negra an der Pazifikküste, keine hundert Kilometer von Santiago. Dort hatte Pablo Neruda Jahrzehnte bis zu seinem Tode gelebt, dort war er auch bestattet worden. Jetzt war das Anwesen ein Museum.

Die Leiterin des Museums, eine sehr junge Frau, die Margot Honecker erkannte, was selbst diese verwunderte, führte uns auch durch Nerudas private Gemächer, die üblicherweise den Besuchern vorenthalten werden. Am meisten beeindruckte mich, ich stehe zu meiner Schande, Nerudas Toilette. Das Porzellan zierten unzählige pinkfarbene Blüten, und an den Wänden klebten Zettel mit Sprüchen und Bildchen, die man anderswo, nicht aber in der Retirade eines Literaturnobelpreisträgers vermutet. Wir trugen uns anschließend ins Gästebuch ein, was sich leicht nachprüfen lässt.

Nachweisbar ist auch die Anwesenheit eines Mannes aus Hamburg, den ich mitgebracht und Margot als Mitarbeiter des Verlages vorgestellt hatte. Er sollte für die Nachwelt bewegte Bilder von ihr festhalten, denn außer verwackelten, unscharfen Handyvideos im Internet gab es aus Chile von ihr nichts.

Sie selbst hatte alle professionellen Anfragen abgelehnt, wohl wissend, dass sie vorgeführt werden sollte als „Frau des Diktators“, die Generationen junger Menschen indoktriniert hatte. Eine masochistische Neigung war der unverändert selbstbewussten Ex-Ministerin völlig fremd, Rufmörder kamen ihr nicht über die Schwelle. Aber wenn ich, dem sie vertraute, jemanden mitbrachte, dem ich vertraute, dann ließ sie sich darauf ein.

Der Mann, was ich ihr verschwieg, bekam sein Brot vom öffentlich-rechtlichen NDR, und er hatte sich, wie sich schon bald erweisen sollte, über Monate absichtsvoll in mein Vertrauen geschlichen, besser: geschleimt. Als Ossi glaubte ich unverändert an das Gute im Menschen, selbst wenn dieser aus dem Westen kam. Die einen nennen das unvoreingenommen, die anderen naiv.

Von einem NDR-Mitarbeiter getäuscht

Der Dokumentarfilmer hatte mich mit seinem Film „Das Schweigen der Quandts“ überzeugt. Er führte darin den Nachweis, dass die Industriellenfamilie, eine der reichsten der Bundesrepublik (die BMW AG gehört ihr fast zur Hälfte), die Grundlage ihres riesigen Vermögens im Hitlerreich durch Nazinähe und mit Rüstung gelegt hatte – durch hemmungslose Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen und auf Kosten unrechtmäßig enteigneter, meist jüdischer Konkurrenten.

Alles in Chile ist für die Konserve, hatte ich vorher mit ihm verabredet. Und wenn etwas entstünde, dann nur gemeinsam und nach wechselseitiger Abstimmung. Ich wähnte mich dabei insofern sicher, als in Deutschland das Recht am eigenen Bild (§ 22 Kunsturhebergesetz) und der Datenschutz gelten. Ohne schriftliche Einwilligung von Margot Honecker würde kein Schnipselchen unserer Gespräche ins Fernsehen gelangen. Herrliche Einfalt, sage ich heute.

Ende März 2012 präsentierte der NDR in Hamburg der Presse einen eineinhalbstündigen Film, der zu großen Teilen mit jenen Bildern aus Chile gefüllt war. Der NDR hatte seine Promotionsmaschine angeworfen und ihn als eigenständiges journalistisches Produkt ihres Mannes bundesweit angezeigt. Der aber war plötzlich für mich telefonisch nicht mehr erreichbar.

In einer Pressemitteilung („Margot Honecker gibt erstes TV-Interview seit mehr als zwanzig Jahren“) entlarvte der Sender, dass „die einst mächtigste Frau der DDR, Volksbildungsministerin und Gattin des letzten Diktators auf deutschem Boden“, sich vor der NDR-Kamera geweigert habe, „sich etwa für das Agieren der Stasi oder für die Mauertoten zu entschuldigen“. Skandal! Sie hatte – quod erat demonstrandum – das Narrativ vom Unrechtsstaat und der Betonköpfigkeit ihrer Protagonisten bestätigt.

Einige Journalisten fragten nach, wie es denn gelungen sei, die Festung Honecker zu nehmen, sie habe sich doch jahrzehntelang verweigert. Es habe sich um „Reporterglück“ gehandelt, hieß es sibyllinisch in Hamburg. Das konnte ich, von der Chuzpe der westdeutschen Sendeanstalt überrascht, nicht unwidersprochen lassen.

Margot Honecker mit ihrem Mann Erich bei einem Spaziergang durch einen Moskauer Park im Jahr 1991

Margot Honecker mit ihrem Mann Erich bei einem Spaziergang durch einen Moskauer Park im Jahr 1991

© AP

Rufmord an Ostdeutschen war nicht strafbar

Diese erklärte auf meine Erklärung: „Der NDR weist die Vorwürfe des Berliner Publizisten Frank Schumann im Zusammenhang mit den Dreharbeiten zur Dokumentation ‚Der Sturz – Honeckers Ende‘ als völlig unzutreffend zurück.“ In dieser von den Nachrichtenagenturen verbreiteten Erklärung wurde die Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation/Fernsehen mit den Worten zitiert: „Dem NDR liegt eine uneingeschränkte, von Margot Honecker unterzeichnete Einverständniserklärung zur Veröffentlichung der Interviews vor.“ Das war gelogen.

Margot Honecker antwortete auf meine Frage, ob sie vielleicht nicht doch und ohne meine Kenntnis ihre Zustimmung erteilt habe: „Lieber Frank, ich verstehe deine Anfrage nicht. Ich kann nur zum wiederholten Male erklären, dass ich (…) weder eine schriftliche noch eine mündliche Erklärung meinerseits für eine andere Verwendung meiner Aussagen als für die von der edition ost geplanten Publikationen gegeben habe.“ Wenn sie um eine solche vom NDR gebeten worden wäre, hätte sie diese „mit aller Entschiedenheit verweigert“.

Der Berliner Journalist Arnold Schölzel richtete acht Fragen an den Sender, die die Leiterin des zuständigen Programmbereichs Kultur und Dokumentation/Fernsehen im NDR beantwortete. Dort wiederholte sie ihre Lüge: „Frau Honecker hat eine solche Einverständniserklärung (…) unterzeichnet und übergeben.“

„Gelten für Frau Honecker besondere Persönlichkeitsrechte?“, fragte Schölzel weiter und spielte damit auf die hierzulande geltenden Schutzgesetze an. Darauf ging die Befragte nicht ein. Natürlich nicht. Diese Regeln galten offenbar nicht für jene, die nach westdeutscher Lesart „belastet“ waren. Diese waren seit 1990 gleichsam Freiwild, zum medialen Abschuss freigegeben. Rufmord an Ostdeutschen war nicht strafbar.

Margot Honecker hätte nun als Opfer klagen können und vielleicht auch müssen. Sie traute jedoch der deutschen Gerichtsbarkeit nicht. Gründe dafür gab es genug. Ich selbst bemühte die Justiz, um mehrere Dutzend Dokumente aus Honeckers Besitz wiederzubekommen, die der Filmemacher unterschlagen – oder sollte man besser sagen: gestohlen? – hatte. Nach sehr vielen Monaten bekam ich sie über einen NDR-Anwalt wieder.

Patricia Schlesingers Unaufrichtigkeit

Das alles konnte man 2016 in „Post aus Chile“ nachlesen. Das Buch enthält meine Korrespondenz mit Margot Honecker. Die Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation/Fernsehen im NDR hieß damals Patricia Schlesinger. Sie verhielt sich später als Intendantin des RBB nicht minder anständig und aufrecht. Und der Kameramann, den Margot Honecker einen Hochstapler, Denunzianten und Lügner nannte, war Eric Friedler.

Er ist heute Geschäftsführer und Programmleiter des Hauses des Dokumentarfilms (HDF), einer in Stuttgart ansässigen Institution zur Sammlung, Förderung und Erforschung des deutschsprachigen und internationalen Dokumentarfilms. An dieser „in Europa einmaligen Einrichtung“ (Selbstdarstellung) sind staatliche und kirchliche Institutionen sowie öffentlich-rechtliche Sendeanstalten beteiligt. Das HDF bildet bei Workshops u. ä. Dokumentarfilmer aus und weiter …

Von den erfolgreichen Karrieren der Schlesingers, Friedlers und anderer bigotter Öffentlichkeitsarbeiter und Moralapostel hat Margot Honecker nichts mehr mitbekommen, sie verstarb am 6. Mai vor zehn Jahren in Chile.

Zu Lebzeiten hat sich niemand bei ihr entschuldigt. Und jetzt ist sie vergessen. Wer erinnert sich auch schon an das schlimme Bildungswesen der DDR und an jene Frau, die es maßgeblich geprägt hat. Im Guten wie im Schlechten. Das 8. Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ zum Beispiel war nämlich nur Schulstoff im Westen – nicht unter Margot Honeckers Ägide im Osten.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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