Zukunftszentrum

Zukunftszentrum Halle: Stoppen. Prüfen. Neu entscheiden.

Ein Haus sucht seinen Zweck: Je größer das Zukunftszentrum geriet, desto unklarer wurde, welches Problem es eigentlich lösen soll.

Dirk Jehmlich
Dirk Jehmlich
8 Min
Knapp 300 Millionen Euro kostet das Zukunftszentrum Halle. Doch welchen Zweck soll es eigentlich erfüllen?

Knapp 300 Millionen Euro kostet das Zukunftszentrum Halle. Doch welchen Zweck soll es eigentlich erfüllen?

© Heiko Rebsch

Diesen Beitrag habe ich begonnen, weil ich finde, dass Initiativen aus Ostdeutschland Unterstützung verdienen. Mein ursprünglicher Plan war ein Text über das Zukunftszentrum Halle, der neue Unterstützer gewinnt. Trotz einiger Mühe ist mir das nicht gelungen.

Dem Management wünsche ich trotzdem alles Gute. Es hat dieses Projekt nicht erfunden. Es hat es geerbt und steht vor der Aufgabe, etwas zu sanieren, bevor es überhaupt begonnen hat.

Aber nun von vorn: 2019 setzte die Bundesregierung eine Kommission ein, die sich damit beschäftigen sollte, warum sich die Deutsche Einheit für viele Menschen im Osten auch dreißig Jahre später noch nicht nach Einheit anfühlt. Die Probleme waren nicht schwer zu finden. Viele mussten nach 1989 ihr Leben neu ordnen und fanden, dass diese Leistung zu wenig gesehen wird. Ostdeutsche waren in wichtigen Führungspositionen nur schwach vertreten. Vermögen und Eigentum waren sehr ungleich verteilt. Das Vertrauen in staatliche und demokratische Institutionen unterschied sich zwischen Ost und West.

Die Frage lautete: Was kann man tun? Die Antwort war das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Es lohnt sich, dieses Projekt anzusehen, denn aus der richtigen Beschreibung eines Problems folgt nicht automatisch die richtige Lösung.

Das Zentrum soll auf einer Fläche von 14.000 Quadratmetern einerseits die Leistungen der Ostdeutschen nach der Deutschen Einheit 1990 würdigen, andererseits Transformationsprozesse insgesamt beleuchten und nach Osteuropa blicken.

Das Zentrum soll auf einer Fläche von 14.000 Quadratmetern einerseits die Leistungen der Ostdeutschen nach der Deutschen Einheit 1990 würdigen, andererseits Transformationsprozesse insgesamt beleuchten und nach Osteuropa blicken.

© Jan Woitas

Am Anfang war das Zentrum noch übersichtlich gedacht. Es sollte Wissenschaft, Dialog und Kultur verbinden, Erfahrungen aus der Transformation sollten erforscht, Lebensleistungen gewürdigt und Menschen miteinander ins Gespräch gebracht werden. Dann kam immer mehr dazu: Das Zentrum sollte gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, Demokratie fördern, Ost und West zusammenbringen, Mittel- und Osteuropa einbeziehen, Bürger beteiligen, Kultur vermitteln, Wissenschaft international vernetzen und Jugendliche erreichen.

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Später hieß es: Das Zentrum sollte nun auch Wissen für andere Transformationen liefern – Digitalisierung, Energiewende, Demografie, Klimawandel und gesellschaftliche Veränderungen insgesamt. Aus einem konkreten ostdeutschen Problem wurde ein Zentrum für fast alles, was politisch gerade wichtig erschien.

Über Jahre haben sich Kommissionen, Arbeitsgruppen, Ministerien, Experten und der Bundestag mit dem Konzept beschäftigt. Die zentrale Frage blieb trotzdem bis heute unbeantwortet: Wie genau löst dieses Zentrum die Probleme, für die es einmal entschieden wurde?

Hier am Riebeckplatz in Halle soll das Zukunftszentrum gebaut werden.

Hier am Riebeckplatz in Halle soll das Zukunftszentrum gebaut werden.

© Steffen Schellhorn/imago

Warum fühlt sich ein Ostdeutscher stärker anerkannt, weil es in Halle eine Ausstellung über ostdeutsche Lebensleistungen gibt und dort über Transformation geforscht wird? Fragen eines Spielverderbers? Ich hoffe, dass der Haushaltsausschuss solche Fragen stellt und Antworten einfordert und nachhält.

Bei einem Vorhaben dieser Größe müsste man eigentlich vier Dinge sagen können: Das ist das Problem. Das machen wir dagegen. Deshalb erwarten wir diese Wirkung. Und daran messen wir später, ob es funktioniert hat. Beim Zukunftszentrum ist der Weg vom Problem zur Wirkung bis heute schwer zu erkennen.

Stattdessen wurde das Projekt immer größer. Und während die Antwort auf die Frage nach der Wirkung offen blieb, wurde Halle als Standort ausgewählt, ein Architekturwettbewerb durchgeführt und eine Gesellschaft gegründet. Geplant sind rund 14.000 Quadratmeter.

Gleichzeitig werden Programme und Inhalte entwickelt. Die Zivilgesellschaft soll sich beteiligen, denn das Zentrum versteht sich als ein Ort, der sich selbst immer weiter transformieren soll. Nur löst es das Problem nicht. Wenn sich das Programm ändert, ist es Transformation. Wenn neue Aufgaben hinzukommen, ebenfalls, und wenn alte verschwinden, auch. Am Ende ist alles Transformation.

Nur weiß man immer weniger, woran Erfolg gemessen werden soll. 2024 wurde noch mit 200 Millionen Euro Kosten gerechnet. Inzwischen liegt das vorläufige Projektkostenziel bei 277 Millionen Euro. Würde ein Unternehmer 277 Millionen Euro in ein Projekt investieren, wenn die konkrete Wirkung unklar ist? Selbst bei 2770 Euro Eigenkapital würde jeder Bürger wissen wollen, was das Geld bewirken soll, welche Alternativen es gibt und woran man später erkennt, ob die Entscheidung richtig war.

2023 hatte die Bundesregierung die Saalestadt als Standort für das Zukunftszentrum benannt.

2023 hatte die Bundesregierung die Saalestadt als Standort für das Zukunftszentrum benannt.

© Hendrik Schmidt

Beim Zukunftszentrum geht es um fast 300 Millionen Euro öffentlicher Gelder, und mit jedem Schritt wurde das Projekt teurer. Trotzdem ging es weiter. Am 20. August 2026 fand sogar der Spatenstich am Riebeckplatz statt. Die wichtigste Frage bleibt weiter unbeantwortet: Ist dieses Zentrum wirklich eine wirksame Lösung für das Problem, mit dem alles angefangen hat?

Die Geschäftsführung vergleicht das Zukunftszentrum mit Schloss Neuschwanstein. Der Vergleich passt – auch Neuschwanstein wurde während des Baus immer teurer. Ludwig II. hielt trotzdem daran fest, verschuldete sich zunehmend und machte weiter, bis Gläubiger mit Pfändung drohten. Der Bund der Steuerzahler hat das Projekt in sein Schwarzbuch 2026/27 aufgenommen. Sein Fazit: „Ein Prestigeprojekt für die Deutsche Einheit droht zum Mahnmal für haushälterische Unvernunft zu werden.“

Das Problem ist nicht verschwunden. Ostdeutsche besitzen durchschnittlich weiterhin nur ein Viertel des westdeutschen Vermögens. Sie sind in vielen Führungspositionen weiterhin kaum vertreten. Die Erfahrungen nach 1989 wirken bis heute nach, und viele Menschen empfinden diese Zeit noch immer nicht als angemessen gewürdigt. Zukunft lässt sich nicht beginnen, solange die Energie in der Vergangenheit gebunden ist.

Daran ändert ein Architekturentwurf nichts. Vielleicht kann das Zukunftszentrum einen Beitrag leisten, aber passen Aufwand und Nutzen zueinander? Was könnten knapp 300 Millionen Euro bewirken, wenn man damit innovationsstarke ostdeutsche Unternehmen finanziert, privates Eigentum aufbaut oder Kapital mobilisiert?

Eine Möglichkeit wäre eine echte Public-Private-Partnership. Wenn es beim Zukunftszentrum ursprünglich um Ostdeutsche, ihre Erfahrungen und ihre wirtschaftliche Stellung ging, sollten Ostdeutsche nicht nur in Arbeitskreisen und Bürgerdialogen zu Wort kommen, sondern auch mitinvestieren.

Mein Vorschlag: Das Projekt wird nur in dieser Größenordnung weitergeführt, wenn ostdeutsche Investoren bereit sind, mindestens ein Drittel der Investition und einen erheblichen Teil der laufenden Kosten zu tragen. Findet sich jemand, der mehr als 90 Millionen Euro eigenes Geld einsetzt, weil er überzeugt ist, dass das Zentrum einen messbaren, tragfähigen und wirksamen Beitrag zu den ursprünglichen Problemen leisten kann, wäre das für mich ein starkes Signal. Findet sich niemand, sollte man sich fragen, warum ausschließlich der Steuerzahler dieses Risiko übernehmen soll.

Dieses Prinzip hat sich schon mal bewährt: Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus Mitteln des Marshallplans das ERP-Sondervermögen. Unternehmen bekamen Geld, zahlten es zurück und das Geld konnte erneut eingesetzt werden. Einmal eingesetztes öffentliches Geld wirkte immer wieder. Vielleicht wäre so etwas heute die bessere Antwort.

Noch ist das Zukunftszentrum keine fertige Tatsache, und deshalb wäre jetzt der Moment, noch einmal zum Anfang zurückzugehen. Nicht zur Architektur, nicht zum Raumprogramm, nicht zur Frage, welche Veranstaltungen dort stattfinden könnten, sondern zu dem Problem, das die Bundesregierung 2019 richtig beschrieben hat.

Was muss passieren, damit ostdeutsche Lebensleistungen stärker anerkannt werden? Was stärkt die wirtschaftliche Eigenständigkeit des Ostens? Was schafft Eigentum und Kapital? Was sorgt dafür, dass Ostdeutsche in wichtigen Institutionen stärker vertreten sind? Was kann Vertrauen zurückbringen? Und welche Maßnahmen erreichen davon am meisten für das eingesetzte Geld?

Daraus ergibt sich für den Haushaltsausschuss ein Prüfauftrag. Er sollte prüfen, ob der gesamte Ansatz der beste ist. Welche anderen Konzepte könnten die ursprünglich beschriebenen Probleme lösen und was würden sie kosten? Welche Wirkung wäre zu erwarten und wie ließe sich diese Wirkung messen? Und wie schneiden diese Ansätze im Vergleich zu einem 14.000 Quadratmeter großen Neubau in Halle ab?

Vielleicht kommt dabei heraus, dass das Zukunftszentrum die beste Lösung ist. Dann hätte das Projekt den Nachweis, der bisher fehlt. Vielleicht kommt etwas anderes heraus. Auch das wäre kein Scheitern, sondern der Sinn einer Prüfung. Fast 300 Millionen Euro sind zu viel Geld, um eine einmal eingeschlagene Richtung nur deshalb weiterzugehen, weil schon so lange an ihr gearbeitet wurde.

Alle Parteien reden darüber, dass Politik sich verändern müsse. Dass der Staat Ausgaben überprüfen und Entscheidungen korrigieren müsse, wenn sich Annahmen nicht bestätigen. Es gibt einen Bundestagsbeschluss, einen Standort, einen Siegerentwurf, eine Gesellschaft und es gab einen Spatenstich.

Jetzt kann die Politik beweisen, ob sie auch bereit ist, ein laufendes Projekt noch einmal grundsätzlich zu prüfen und so den größten Schaden abzuwenden.

Meine Schlussfolgerung: Das Zukunftszentrum sollte in seiner heutigen Form gestoppt werden. Weitere Mittel sollten erst gebunden werden, wenn ein belastbarer Vergleich zeigt, dass dieses Projekt die ursprünglichen Probleme besser löst als die möglichen Alternativen. Hier kann Politik zeigen, dass Reformfähigkeit bedeutet, auch eine alte Entscheidung zu korrigieren, wenn die Erkenntnisse es erfordern.

Die Ausgangsfrage von 2019 war richtig, und sie ist bis heute nicht beantwortet. Bevor weitere hunderte Millionen Euro gebunden werden, sollte deshalb geklärt sein, welche Lösung dieses Problem am besten angeht. Mindestens diesen Vergleich schuldet man den Menschen im Osten, in deren Namen das Zukunftszentrum gebaut werden soll.

Und allen, die es bezahlen.

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