Wer weiß wie Du, welche Lebensangst in mir gesessen hat, seit ich lebe; alles, was ich schaffte, stand unter diesem Zeichen." Diese Worte schrieb Hugo Distler am 1. November 1942 an seine Frau Waltraut, kurz bevor er seinem Leben in seiner Charlottenburger Wohnung ein Ende setzte. Am Vormittag hatte er, seit einem halben Jahr Leiter des Staats- und Domchores, noch den Gottesdienst im Berliner Dom gestaltet, am Tag zuvor noch einmal Freunde und Verwandte in seinem Strausberger Haus versammelt. Die Zeitschrift "Musik & Kirche" veröffentlichte zu seinem Tod nur sein Porträt; der bestellte Autor des Nachrufs war angeblich als Soldat an die Front befohlen worden, bevor er seinen Text verfassen konnte.Distler hinterließ drei kleine Kinder und etliche unausgeführte Pläne: ein Oratorium "Die Weltalter" zu einem eigenen Text; eine Johannes-Passion, von der nur die Rahmenchöre fertiggestellt wurden; diese Motetten aber - "Fürwahr, er trug unsere Krankheit" und "Das ist je gewisslich wahr" - gehören zweifellos zum besten, was er geschrieben hat, zum besten auch im Repertoire evangelischer Kirchenmusik. Im Deutschland unter Hitler ist wenig Musik entstanden, von der man sagen könnte, sie böte der Diktatur die Stirn, so wie es Schostakowitschs Musik in der Sowjetunion getan hat. Wobei nicht die heroische oder gar märtyrerhafte Geste entscheidend ist, sondern das Beharren auf dem Eigenen in der feindlichen Welt. Anders als die Musik Schönbergs, die den Affekt der Angst mit expressionistischer Blutrünstigkeit inszeniert, steckt die Angst bei Distler tief im Gefüge; sie bricht hervor auch dort, wo der Komponist sie gewiss ausschließen wollte.In "Das ist je gewisslich wahr" lässt Distler die titelgebenden Worte auf einem Ton deklamieren, nur das "-lich" weicht kurz nach unten aus: Es ist ein symbolischer Ausdruck der Gewissheit. Aber Distler schiebt diese Tonwiederholungen rhythmisch extrem dicht und in instabilen Intervallen ineinander: Die ganze Gewissheit fällt wieder auseinander, das hohe Tempo zudem gibt der Musik etwas Hastiges. In "Fürwahr, er trug unsere Krankheit" schieben sich im ersten Wort zwei ganz entfernte Harmonien ineinander - entfernt an Gesualdos letztes Madrigal erinnernd -, die ebenfalls die Wortbedeutung durch ihr Zwielicht unterlaufen. Die Musik zittert vor Zweifeln - und steht doch fest zu dem, was sie sagt. Ihr geht die effektvolle Geste von Schostakowitschs doppelbödiger Sinfonik ab, dafür ist sie durch den Text wesentlich leichter angreifbar.Und nicht anders als Schostakowitsch musste sich auch Hugo Distler in die Wirren seiner Zeit so weit hineinbegeben, dass seine Haltung zum Regime zwiespältig scheint. Distler war Mitglied der NSDAP, weil er als Angestellter der Lübecker Kirche beitreten musste - um die Pastoren aus der Politik herauszuhalten, sah sich die Lübecker Kirche dem Regime gegenüber zum Kompromiss gezwungen und opferte die Küster und Organisten der Partei. Aus der Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied" hat Distler die Psalmworte mit den "Kindern Zions" gestrichen. Nach seiner Lübecker Position hat Hugo Distler kein kirchliches Amt mehr innegehabt, sondern sich in Stuttgart und Berlin als Chorleiter und Theoriedozent etabliert. Er hat schließlich in seinem Aufsatz "Vom Geiste der neuen evangelischen Kirchenmusik" von 1935 manche Bemerkung gemacht, in der eine fatale Rhetorik mit echten Überzeugungen unlösbar verwickelt scheint: "Die jüngste deutsche Komponistengeneration, namentlich, soweit sie aus kirchlicher Tradition schöpft, verwirklicht das, was unsere Zeit will, indem sie wahrhaft saugt an den Urquellen völkischer Kraft." Die neue Kirchenmusik hätte entschieden den "Trennungsstrich" zur unmittelbaren Vergangenheit gezogen und sich in "fruchtbare Beziehung" gesetzt zu jener "Epoche deutschen Geisteslebens", die in "edelstem Sinn ,volkstümlich' und ,bodenständig' war."Tatsächlich bezog Distlers Musik aus dem motivischen Kurzstil und der Harmonik Igor Strawinskys nicht weniger Anregungen als von Heinrich Schütz, auf den er sich gleichwohl mit deutlich größerer Emphase bezog. Die Tonalität stand für ihn als Chorkomponisten nie in Frage, aber was er an rhythmischen und kontrapunktischen Verschachtelungen aufbietet, wie er die tonalen Klänge ins Schweben bringt, das vereint, wie sein Leipziger Theorielehrer Hermann Grabner festgestellt hat, barocke und impressionistische Stilmerkmale zu einer einzigartigen Synthese.Sein ausgeprägt konstruktives Denken stellte Hugo Distler stärker auf Seiten der Avantgarde als der improvisatorische, harmonisch üppigere Stil seines Antipoden Ernst Pepping. Indem Distler, wie "gemäßigt" auch immer, der Moderne zuzuschlagen war, war sein Platz in der evangelischen Kirchenmusik nie gefährdet - auch wenn viele frühere Werke wie die "Choralpassion" oder die "Weihnachtsgeschichte" in ihrer protestantischen Schmallippigkeit und Askese heute schwer erträglich sind, anderes in seiner hektischen Rhythmik wiederum in unangenehmer Weise an das Aufbruchspathos von Pimpfen erinnert. Man darf nicht vergessen, dass Distler sehr jung gestorben ist und kein Wunderkind, sondern ein zwar zäher, aber von Geldnot geplagter und daher auf das Dirigieren und Unterrichten angewiesener Arbeiter war.Die Angst war Hugo Distler von Geburt an mitgegeben. Der heute vor hundert Jahren geborene Komponist war ein uneheliches Kind, dessen Mutter sich später nach Amerika verheiratete und den vierjährigen Sohn bei den Großeltern ließ. Diese früh eingeprägte Verlustangst wurde spätestens mit seiner Musterung 1939 konkret. Er überlegte, wie er sich dem Reich unentbehrlich machen könnte, und erwog, mehr als Organist zu konzertieren, aber den Nazis war jede kirchliche Tätigkeit entbehrlich. Als sich 1940 die Hoffnung, als Komponist am Schiller-Theater tätig zu werden, zerschlug, als dann 1941 sein Halbbruder in Russland fiel und er selbst seine Einberufung erwartete und durch die Bombenangriffe immer seltener nach Strausberg zu seiner Familie gelangte, ertrug er die Angst nicht mehr. "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden", steht auf seinem Kreuz auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf.------------------------------Foto: Tragische Gestalt: Hugo Distler.
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