Mit dem Blick zum Boden streift der Expeditionstrupp langsam durch die hüfthohe Glatthaferwiese. Vorne weg Bernd Machatzi, der seinen Käscher wie eine Machete über die glänzenden Ähren sausen lässt. Plötzlich stoppt er. "Ksst-ksst-ksst" - das Geräusch, das wie ein Rasensprenger klingt, ist für den Biologen untrüglich. "Der Gesang der Feldgrashüpfer", flüstert Machatzi. Und tatsächlich kommen mehrere Exemplare dieser Heuschrecken-Art aus seinem Käscher zum Vorschein. Doch auch zwei weitere Arten sind mit ins Netz gegangen: das Große Grüne Heupferd und ein Heidegrashüpfer. Eifrig notiert ein Protokollant Heuschrecken-Spezies Nummer neun, zehn und elf. Schließlich darf den knapp sechzig Berliner Experten an diesem "Tag der Artenvielfalt" keine Pflanze und kein Tier entgehen.Das Hamburger Magazin "Geo" hatte im vergangenen Jahr erstmals dazu aufgerufen und in der Nähe von Lübeck ein Stück Landschaft untersuchen lassen. In diesem Jahr wurde die Aktion auf mehr als 200 Städte bundesweit ausgedehnt. Am vergangenen Wochenende durchstreiften Experten ein Gelände in Berlin. Denn Artenvielfalt gibt es auch in der Großstadt. Mehrere Institutionen, darunter der Naturschutzbund (Nabu), der Landesbeauftragte für Naturschutz und Landschaftspflege sowie der Botanische Garten, hatten ein besonderes Inventurgebiet gewählt: einen ehemaligen Mauerstreifen entlang des Teltowkanals, der die Grenze zwischen den Bezirken Neukölln und Treptow markiert."Noch vor dem Bau des Kanals fanden Pflanzenkundler auf den damaligen ,Rudower Wiesen 15 verschiedene Orchideenarten", sagt die Botanikerin Claudia Brückner von der Humboldt-Universität. Mit dem Mauerbau seien alle Pflanzen verschwunden. Der Grund: Um die Anlagen optimal überschauen zu können, hielten die DDR-Grenzer den Mauerstreifen mit Herbiziden vegetationsfrei. "Als wir nach der Wende zum ersten Mal hier waren, sah das Gebiet aus wie ein riesiger gelber Teppich", berichtet Brückner. Gegen die chemische Keule hatte sich offenbar nur der Mauerpfeffer durchgesetzt - eine gelbblühende Pionierpflanze, die häufig als erste Flächen besiedelt, die von der Vegetation bereinigt wurden."Heute gibt es hier wieder blühende Wiesen", freut sich der Botaniker Machatzi, der zurzeit für den Senat einen Atlas der Flora Berlins erstellt. Schon nachdem sein Team ein Drittel der knapp zwei Quadratkilometer großen Testfläche abgesucht hat, umfasst die Liste der Experten mehr als 250 verschiedene Pflanzenarten. Dem Team gelingt es sogar, die seltene Ackerrose (Rosa agrestis) ausfindig zu machen. "Das ist eine wilde Rosenart, die hier in Berlin noch nie gesichtet wurde", sagt der Botaniker stolz. Am Ende des Tages werden die Experten 484 Arten gezählt haben, darunter die vom Aussterben bedrohte Silene conica, zu deutsch: Kegelfrüchtiges Leimkraut.Der Exkursionstrupp hält wieder inne. Machatzi hat ein Schmalblättriges Weidenröschen entdeckt. "Das ist neu", ruft er begeistert nach hinten. "Das muss auf die Liste." Er verstummt sofort wieder und horcht in Richtung einer Jungbirke. Der Gesang einer Amsel ist zu hören, danach zwitschert ein Feldspatz und schließlich ertönt eine Mehlschwalbe. Man will es gerade protokollieren, da meldet sich der Biologielehrer Jürgen Klawitter: "Das ist ein Sumpfrohrsänger. Er nimmt die Gesangsmotive anderer Arten in seinen Gesang mit auf." Insgesamt verzeichnet die Bilanz der Experten 54 Vogelarten. "Dabei waren Neuntöter, Steinschmätzer, Feldlerche und Bluthänfling, die allesamt auf der roten Liste stehen", berichtet der Nabu-Ornithologe Andreas Ratsch. Jürgen Klawitter achtet an diesem Tag aber nicht nur auf Vogelstimmen. Er macht kleine Exkursionen für Besucher, vor allem für Kinder. Und schon in der Nacht zuvor hatte sich der Fledermaus-Experte auf die Pirsch begeben, um den Arten-Katalog mit den nachtaktiven Flattertieren zu komplettieren. Am typischen Flug erkannte Klawitter zwei Arten: mehrere Breitflügelfledermäuse und einen Großen Abendsegler. Zusammen mit einer Fuchsspur und unzähligen Erdbauten von Kaninchen, die das gesamte Areal schier durchlöchert haben, stehen damit nur vier Säugetiere auf der Habenseite.Auch die Insektenforscher waren schon in der Nacht unterwegs. Mit einer großen Lichtquelle - einer Neonlampe, vor die ein Netz gespannt wurde - lockten sie Schmetterlinge, Käfer und andere Krabbeltiere an. Ein daumengroßer Nashornkäfer ist das beeindruckendste Gliedertier, das auf der Bildfläche erschien. Der dunkelbraune Käfer mit dem gewaltigen Kopfhorn ist häufig anzutreffen, erläutert Jürgen Klawitter bei der Präsentation der "Beute". Als "Kulturfolger" lege der Käfer seine Eier gern an Komposthaufen ab.Den Nashornkäfer kennt fast jeder. Doch bei anderen Insekten müssen die wenigen anwesenden Entomologen kapitulieren. Viele Zweiflügler, kleine Fliegen und Mücken, können sie nicht bestimmen. "Die Spezialisten dafür fehlen", klagt die Mitorganisatorin Regine Jahn vom Botanischen Museum. Für manche Insektengruppen gebe es eben nur noch wenige Experten auf der Welt. Das sei ein großes Problem der Systematik. "Wir suchen händeringend junge Wissenschaftler, die das Know-how der Alten lernen", sagt Jahn.Am Abend, bei Bratwurst und Bier, gibt es jedoch keine Unzufriedenheit mehr. Alle Akteure freuen sich über immerhin 1 144 bestimmte Arten aus Flora und Fauna. In Hamburg wurden im selben Zeitraum nur 678 Arten erfasst. "Es ist erstaunlich, dass schon nach zehn Jahren, quasi von null ausgehend, hier eine so große Artenvielfalt entstehen konnte", sagt Claudia Brückner. In weiteren zehn Jahren stünde hier ein Wald aus Eschen und Ahorn-Bäumen. Doch dazu wird es nicht kommen, denn schon in vier bis fünf Jahren soll auf dem untersuchten Landschaftsstreifen eine Autobahn zum Flughafen Schönefeld führen.Weitere Informationen: http://www.bgbm.fu-berlin.de /jahn/GEO-TagJoachim Schulze, Präparator in der Käferabteilung des Berliner Naturkundemuseums, saugt gefangene Kleininsekten in ein Sammelröhrchen ein.
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