Am heutigen Sonnabend endet die internationale Musikmesse Popkomm mit einem ökumenischen Gospel-Gottesdienst in der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Bereits am Freitag Abend wurde im ICC beim Gospel Award Popkomm Finale das größte Gospel Event Berlins abgehalten. Prominente Juroren wie Mola Adebisi, Heinz Rudolf Kunze und Thomas M. Stein verliehen hierbei den zweiten Berliner Gospel Award. "Gospel liegt voll im Trend", hatten die Organisatoren der Popkomm schon vor der Messe verkündet. Deswegen hatten sie für dieses Event erstmals auch eine exklusive Fernsehübertragung arrangiert: auf dem Privatsender Bibel TV war die Popkomm Gospel Nacht live mitzuerleben.Am Donnerstagabend wurde in der Bayerischen Landesvertretung in der Behrenstraße der Bayerische Popkomm Löwe verliehen, er ging an Zündfunk, die traditionsreiche Popsendung des Bayerischen Rundfunks. Im Rahmenprogramm bot die Augsburger Band Starter einen manchmal an Joy Division erinnernden, melancholisch-kalten Gitarrenrock mit bayerischen Texten dar und sagte im Anschluss daran: "Die Musikszene in Augsburg ist deshalb so lebendig, weil es für junge Leute sonst so wenig Angebote gibt. Die müssen da alles selbst machen."Die Popkomm, die nach 15 Jahren in Köln in diesem Jahr zum zweiten Mal in Berlin stattfand, präsentierte sich dabei noch stärker als sonst als imaginäres Augsburg. Dass man wieder alles selber machen muss und dabei am Besten auf Gott vertraut: das war die vorherrschende Gemütsverfassung unter den 15 000 nicht besonders euphorischen, aber auch nicht allzu betrübten Messebesuchern. Nach den Endzeitvisionen der letzten Jahre in Köln und dem leicht zombiehaften Gesamteindruck der ersten Berliner Popkomm 2004 herrschte in diesem Jahr der Eindruck eines von allen geschichtsphilosophischen Anmutungen befreiten "Irgendwie wird es schon weitergehen" vor.Wobei "es geht weiter" für die Musikindustrie nichts anderes heißt, als dass sie in den nächsten zehn Jahren möglichst konzentriert und auf den eigenen Nutzen bedacht ihr eigenes Verschwinden organisiert. "Die Musikindustrie wird in einer großen, vielfach vernetzten europäischen Kreativindustrie aufgehen", sagte etwa Popkomm-Erfinder Dieter Gorny, dessen Musiksender Viva unlängst in einem großen, vielfach vernetzten amerikanischen Musikkonzern aufgegangen ist. "In zehn Jahren wird es keine CDs mehr geben und auch keine Schallplattenläden", prophezeite Dave Goldberg, Vizepräsident des amerikanischen Yahoo!Music-Konzerns; des weiteren werde das Musikradio verschwinden, die Schallplattenfirmen und (was natürlich besonders schade wäre) auch der Musikjournalismus. Die Zukunft des Musikvertriebs liege in den hoch ausdifferenzierten Kanälen des Internet und die Zukunft des Sich-über-Musik-informierens in MP3-angereicherten Blogs, also Internet-Tagebüchern, in denen Liebhaber einer bestimmten Musik ihre aktuellen Favoriten miteinander verlinken und Gleichgesinnten damit weit besser dienen könnten als jede Musikzeitung oder das am imaginären Massengeschmack orientierte Musikradio.Solche web-libertären Träume haben sich schon öfter als haltlos erwiesen. Richtig allerdings ist, dass die Vorlieben des popmusikhörenden Publikums sich immer weiter differenzieren und der alte, angloamerikanische Mainstream des Pop - wie er für den wirtschaftlichen Erfolg weltweit operierender Schallplattenkonzerne bisher von zentraler Bedeutung gewesen ist - immer weiter verschwindet. Gerade unter den Bedingungen global deregulierter Vertriebsstrukturen werden die regionalen Märkte immer wichtiger - von dieser Dialektik hat die Popkomm mit ihrer immer noch wachsenden Zahl an nationalen Exportbüros bislang profitiert.Was freilich nur so lange gutgehen dürfte, wie die zu diesen Büros zugehörigen Kulturministerien nicht merken, dass der gegenwärtig ungeheure Erfolg von spanischer Musik in Spanien, französischer Musik in Frankreich undsoweiter noch lange nicht heißt, dass man mit denselben Bands nun auch nur die Märkte des Nachbarlandes erobern kann. An den Ständen des offiziellen Partnerlands Spanien herrschte auf der Popkomm zumeist gähnende Leere. Und das deutsche Exportbüro "German Sounds", das auf der Messe den zentralen Stand unterhielt, wurde auf dem Panel internationaler Rechtehändler eindringlich vor Illusionen gewarnt. Ausländische Märkte könnten regional bedeutende Bands nur dann "penetrieren", wenn sie sich auch als Karikatur eines spezifischen "Nationalcharakters" verstehen ließen: so wie etwa die verhuschten Sigur Rós das verhuschte Image der Isländer karikieren oder die militärischen Rammstein das militärische Image der Deutschen. "Ein romantisches Liebeslied in deutscher Sprache", sagte der Londoner Autor Greg Jarvis, "kann in England schon deshalb nicht funktionieren, weil die Engländer statt ,Ich liebe Dich' immer ,Ich liebe Dick' verstehen, also: ,Ich liebe Schwanz'."------------------------------800 Aussteller aus 48 LändernDie internationale Musikmesse Popkomm wurde zum zweiten Mal in den Berliner Messehallen veranstaltet.Die Veranstalter zeigten sich zum Abschluss zufrieden: Mit nahezu 800 Ausstellern aus 48 Ländern und 15 000 Fachbesuchern aus aller Welt habe man das Vorjahresergebnis um 20 Prozent gesteigert.Das Partnerland des Jahres 2006 ist Brasilien. Zum ersten Mal wird sich damit ein außereuropäisches Land mit einem Festival auf der Popkomm präsentieren.Zum Abschluss der Popkomm findet am Sonnabend ab 23 Uhr die 2. Popkomm Clubnacht statt: In 30 Clubs legen DJs auf; mit einem Shuttle-Bus wird das Publikum hin und her gefahren. Der Eintritt für alle Veranstaltungen kostet 11 Euro.Das vollständige Programm unterwww.clubnachtberlin.de------------------------------Foto : Erfolgreicher Exportartikel aus den USA: Shaggy sang bei der "Music Meets Media"-Nacht auf der Popkomm.
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