CHARLESTON. Joseph Darby war zu jung, um mit Martin Luther King zu marschieren, aber er hat immer daran geglaubt, dass Kings Traum Wirklichkeit werden würde - eines Tages. "Ich habe einen Traum, dass eines Tages schwarze Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden und die gleichen Chancen haben, wie weiße Kinder", hatte King vor fast 45 Jahren auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington gesagt.Wenn Reverend Darby heute auf den Stufen seiner African Methodist Episcopal Kirche in Charleston steht, dann hat er das Gefühl, es könnte diese Vision demnächst in einer Weise Erfüllung finden, von der vor einem halben Jahrhundert niemand zu träumen gewagt hätte.An diesem Sonnabend stimmen die Mitglieder der demokratischen Partei in South Carolina über ihren Präsidentschaftskandidaten ab. Und es sieht alles danach aus, dass es Barack Obama wird, ein Schwarzer. Mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten in dem Bundesstaat sind Afroamerikaner; viele wollen für den afroamerikanischen Bewerber votieren. Das war lange nicht so.Obwohl Obama seine Kandidatur bereits vor einem Jahr bekannt gab, trauten ihm die Wähler in South Carolina nichts zu. "Niemand glaubte, dass ein Schwarzer überhaupt eine Chance hat", sagt Darby. Er selbst hat in den vergangenen zwanzig Jahren miterlebt, wie ein schwarzer Kandidat nach dem anderen scheiterte. Erst Jesse Jackson, dann Al Sharpton. Sie hatten hier im Süden der USA zwar immer Unterstützer, aber sie waren, wie Darby es nennt, "den Weißen zu schwarz". Sie sprachen nur von den schwarzen Themen und lehrten die Weißen das Fürchten.Für Obama stellte sich die Lage zu Beginn des Wahlkampfes noch komplizierter dar. Er ist kein Nachfahre von aus Afrika verschleppten Sklaven wie frühere Bewerber. Der Sohn eines kenianischen Studenten und einer weißen Mutter aus Kansas war vielen Schwarzen zu weiß.Als der 46-jährige Barack Obama verkündete, er wolle Präsident werden, reagierte die Community skeptisch. Die Mehrheit glaubte, dass sich Amerika niemals ändern könne, dass Rassismus niemals sterben werde und dass eher eine Frau als ein Schwarzer ins Weiße Haus einziehen würde. Die meisten unterstützten deshalb Hillary Clinton, die Frau jenes Mannes, den die afroamerikanische Literatur-Nobelpreisträgerin Tony Morrison einst den "ersten schwarzen Präsidenten der USA" genannt hatte. Bis heute genießt Bill Clinton großen Respekt innerhalb der schwarzen Gemeinschaft. "Er war der Erste, der uns zugehört hat", sagt Darby. "Ich fühle eure Schmerzen", war eines der Gefühle, die Clinton vermittelte - zum Beispiel, als er der Opfer der Bürgerrechtsbewegung gedachte.In Charleston herrschte deshalb lange Zeit das Gefühl, man sei den Clintons etwas schuldig. Als würde man mit Hillary eine Fürsprecherin der Schwarzen ins Weiße Haus wählen. Doch dann kam Iowa.Reverend Darby spricht von Iowa wie von einem biblischen Wunder: "Iowa hat uns zu Gläubigen gemacht." In Iowa, einem Agrarstaat im mittleren Westen, beginnen traditionell die Vorwahlen im Rennen um die Präsidentschaft. Der Staat ist zu 98 Prozent von Weißen bewohnt. Niemals, so dachte Darby, werde je ein Schwarzer Iowa gewinnen. Und dann geschah es am 3. Januar 2008.Barack Obama siegt nicht nur, er siegt mit großem Vorsprung vor John Edwards und Hillary Clinton. In Charleston hat man in dieser Nacht zu hoffen begonnen. Endlich würde es einen Schwarzen geben, den auch die Weißen wählen. Martin Luther Kings Traum kam der Wirklichkeit ein Stück näher.Joseph Darby sieht jetzt täglich in seiner Gemeinde, was das Wunder von Iowa bewirkt. Junge Leute lassen sich als Wähler registrieren und Senioren wollen erstmals wieder mitmachen, seit sie ihre Stimme für John F. Kennedy abgegeben haben. Für ihn ist es ein Zeichen der Hoffnung - einer Hoffnung, die in Charleston schon verblasst war.Als eine der bedeutendsten Städte des 19. Jahrhunderts verkörpert Charleston bis heute den Widerspruch des amerikanischen Südens: Malerische Häuser im Scarlet-O'Hara-Stil, romantische Gassen und alte Kirchen umgeben den großen Markt, an dem über Jahrzehnte hinweg Menschen als Sklaven in die umliegenden Baumwoll-Plantagen verkauft wurden. Nach dem Bürgerkrieg prägten die freien, aber armen schwarzen Bewohner das Stadtbild derartig, dass die Church Street als Vorbild für George Gershwins Oper "Porgy and Bess" diente. Es war die erste Oper, die Leben und Leiden der schwarzen Amerikaner aufgriff.Wenn man Joseph Darbys Kirche in Charleston betritt, dann spürt man heute noch die tragische Geschichte des alten Amerika. Die Kirche wurde 1816 gegründet, nachdem man den Sklaven verboten hatte, gemeinsam mit den Weißen zu beten. Hier konnten schwarze Gläubige ihrem Alltag entkommen und in ihrer eigenen Welt verweilen. In den Fresken und den Altarbildern ist kein einziges weißes Gesicht zu sehen. Jesus, Maria, Josef - sie alle stammen aus Afrika.Bis heute haben die Nachkommen der Sklaven, wie Joseph Darby, das Gefühl der Diskriminierung nicht vergessen. Darby erinnert sich noch daran, dass er als Afroamerikaner nur dann das Gelände der Universität von South Carolina betreten durfte, wenn er den grünen Anzug der Gartenarbeiter trug. Er ist zwar nie mit Dr. King marschiert, aber in seinem Herzen hat er die Bürgerrechtsbewegung jede Sekunde mitverfolgt. Er reagiert empfindlich, wenn er Rassismus spürt, noch dazu bei einem, dem er traute: Niemals hätte er gedacht, dass ausgerechnet Bill Clinton die Rassenkarte ausspielt. Er kann ihm nicht vergeben, dass er Obama nach dem Sieg in Iowa "kid" genannt hat. Kid, das höre sich so an wie "boy", und "boy" sei das Rufwort für Sklaven gewesen, erklärt er und schüttelt seinen Kopf: "Das war kein Zufall."Das Gefühl verstärkte sich noch, als Hillary in einer Fernsehdebatte sagte, der damalige Präsident Lyndon Johnson hätte das Wahlrecht für die Schwarzen durchgesetzt - und nicht Martin Luther King. Auch das wurde von Afroamerikanern als eine Beleidigung gesehen. Die Clintons bestritten vehement jeden rassistischen Hintergedanken, doch ohne Erfolg. Sie klagten, dass ihre Worte aus dem Zusammenhang gerissen und mutwillig verdreht werden, um unter den Schwarzen Stimmung gegen sie zu machen.Für eine Bürgerrechtlerin wie Darbys Mitarbeiterin Dot Scott sind solche Sätze entlarvend. "Bill und Hillary meinen es vielleicht nicht böse, aber sie wollen nicht wahrhaben, dass ein anderer die Nominierung bekommt", sagt Scott, die seit Jahren in Charleston eine einflussreiche Organisation der schwarzen Bevölkerung leitet. Scott gehört jener Gruppe an, die eigentlich das Hillary-Clinton-Lager stärken müsste: eine schwarze Frau über 50, gut situiert. Doch obwohl sie nichts dagegen hätte, eine Frau im Weißen Haus zu sehen, hat sie sich entschieden, für Obama zu stimmen. Sie sagt: "Bevor es klar war, dass ich eine Frau werde, war klar, dass ich schwarz bin." Die Fronten in Charleston haben sich formiert. Sie sei den Clintons dankbar für alles, was sie für die Schwarzen getan haben, aber "nun ist die Zeit gekommen, weiterzugehen und einen Schwarzen zu unterstützen, der erstmals reelle Chancen für das Weiße Haus hat".Für sie ist die Kandidatur Obamas so etwas wie eine Wiedergutmachung, etwas, was sie stolz macht. Wenn sie erklärt, warum, färben sich ihre Wangen rot und Tränen steigen ihr in die Augen: "Es geht hier um die Lynchmorde, die Protestmärsche, es geht hier um mich, und wie ich als Fünfjährige Baumwolle pflücken musste. Es geht darum, dass dieses Land jedem, der es verdient, eine Chance gibt". Auch für Dot Scott geht es um nichts anderes als Martin Luther Kings Traum.Vier Kilometer westlich der Kirche, jenseits des Ashley-Flusses, scheint Kings Traum auf eine gewisse Weise wahr geworden zu sein. Die 30-jährige Melissa Watson sitzt in Belindas Haarsalon und lässt sich von der Friseurin Odessa McDonald die Haarverlängerungen aus den Locken entfernen. In der einen Ecke flimmert der Fernseher mit der Oprah-Winfrey-Show. Die wichtigste amerikanische Moderatorin ist eine Schwarze. Gelegentlich dampft es, wenn das Brenneisen zu heiß wird. Ansonsten wird hier gewaschen, gefönt, relaxt und über Politik geredet - aber ganz anders als in der Kirche von Pastor Darby.Melissa und Odessa sind nicht Kinder der Bürgerrechtsbewegung und sie denken nicht wie die ältere Generation. Die Lynchmorde, die Märsche, selbst Martin Luther King sind für sie nicht so entscheidend. Odessa McDonald will für Barack Obama stimmen, nicht weil er schwarz ist, sondern weil ihr seine Politik gefällt. Niemals hätte sie für Jesse Jackson oder Al Sharpton gestimmt, nur weil die schwarz waren und Präsident werden wollten. Sie hat ihnen nie vertraut. Doch mit Barack ist das anders. Als alleinerziehende Mutter will sie gute Schulen, eine Krankenversicherung und das Ende des Irak-Kriegs, der so viele junge Männer aus South Carolina das Leben gekostet hat. "Barack Obama hat die besten Pläne und vor allem die Fähigkeit, als unbelasteter Politiker dieses Land wieder zu versöhnen", versucht Odessa ihre Kundin Melissa zu überzeugen, während sie ihr eine Paste aufträgt, die ihre Afrolocken entspannen soll.Wie so viele schwarze Frauen in den USA will Melissa glatte und lange Haare tragen und nicht den Afrolook der Kämpferinnen aus den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Ihr Vorbild ist schon lange nicht mehr Angela Davis, sondern eher die Sängerin Beyoncee. Auch politisch hat Melissa ihren eigenen Kopf. Die 30-jährige Lehrerin und Mutter zweier Kinder zeigt ausgerechnet in diesem Jahr, wo ein junger Schwarzer die Chance hätte, Präsident der USA zu werden, Sympathien für zwei Weiße. Die eine ist Hillary Clinton, der andere der Republikaner John McCain. "Ich mag John McCain, weil er als Kriegsgefangener in Vietnam so tapfer war", sagt Watson. "Er hätte nicht in den Krieg gehen müssen, aber er hat es trotzdem getan."Sie mag auch Obama und möchte nicht ausschließen, am Ende doch für ihn zu stimmen, aber sie fühlt keinerlei Verpflichtung. Wenn Melissa Watson in diesem Jahr ihre Stimme abgibt, dann will sie einen Kandidaten nach seinem Charakter und nicht nach seiner Hautfarbe auswählen. Ganz so, wie es Martin Luther King erträumt hat - aber eben auch ganz anders.------------------------------"Ich mag John McCain, weil er als Kriegsgefangener in Vietnam so tapfer war."Eine 30-jährige Lehrerin in Charleston------------------------------Foto : Barack Obama mit einem Wähler von übermorgen - der demokratische Präsidentschaftsbewerber bei einer Veranstaltung in Columbia, South Carolina.
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