Literaturgeschichte

Zum Tod von Karl Corino: Der Transit-Mann aus dem Westen

„Transit“ hieß seine Radiosendung für Literatur aus der DDR. Seine größte Leidenschaft aber galt Robert Musil. Jetzt ist Karl Corino gestorben.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
3 Min
Karl Corino (1942–2026)

Karl Corino (1942–2026)

© imago

Unsere frühere Berliner-Zeitung-Kollegin Eva Corino schreibt in ihrem Nachruf auf ihren Vater Karl Corino: „Von 1970 bis 2002 war Corino als Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks tätig.“ Der Satz klingt nach einer ganz normalen – sehr langen – Station in einem Journalistenleben. Sie weist im Weiteren darauf hin, was daran so besonders war.

Denn Karl Corino, der am 9. September im Kreise seiner Familie gestorben ist, nutzte seine Stelle beim öffentlich-rechtlichen Radio, um Brücken in die DDR zu bauen. „Transit“ hieß die Sendung, in der er Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem Osten zu Wort kommen ließ. Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch und Ulrich Plenzdorf interviewte er, er holte Christa Wolf ins Studio, als sie 1974 zu Besuch auf der Frankfurter Buchmesse war. Corino widmete sich auch Autoren, die in der DDR nicht publizieren konnten, und solchen, die in den Westen gegangen waren und ein Publikum suchten. Darüber wurde noch Anfang der Neunzigerjahre viel gesprochen.

Die Stasi schrieb mit

Er brachte Reiner Kunze ins Gespräch und verschaffte ihm den Kontakt zum S.-Fischer-Verlag für sein Buch „Die wunderbaren Jahre“, er sendete Manuskripte von Wolfgang Hilbig und Gert Neumann. „Corino wird als ein ,ausgezeichneter Kenner der DDR-Kulturszene‘ bezeichnet. Seine Fachgebiete sind Literatur und Theater“, heißt das in einem 1977 von der Staatssicherheit der DDR erstellten Dossier über ihn. Man kann überhaupt einiges über seine Arbeit nachlesen bei der Stasi: wie oft er in die DDR reiste zum Beispiel und dass er sich besonders auf Literaten konzentriere, „die in bestimmten Fragen eine abweichende Haltung zur sozialistischen Kulturpolitik der DDR einnehmen“.

Jahrelang observiert, drehte Karl Corino nach dem Ende der DDR den Spieß um und begab sich seinerseits in die Archive. Er veröffentlichte 1996 ein Buch über die Stasi-Kontakte des ehemaligen Schriftstellerverbandsvorsitzenden der DDR, Hermann Kant, der darauf antwortete, indem er ihn in seinem Roman „Okarina“ als „Geier-Wally vom Hessischen Rundfunk“ bezeichnete. Corino fand Lücken und Falschdarstellungen in der Biografie des auch für widerständige Autoren in der DDR so wichtigen Dichters Stephan Hermlin und löste mit seinem Buch „Außen Marmor, innen Gips“ einen Streit aus.

Die größte Leidenschaft

Seine größte literarische Leidenschaft teilte Karl Corino mit seiner Frau, der Lyrikerin Elisabeth Albertsen: Sie katalogisierten den Nachlass von Robert Musil in Rom. Er schrieb seine Doktorarbeit über Musils „Vereinigungen“, veröffentlichte 1988 eine Bildbiografie „Robert Musil. Leben und Werk in Texten und Bildern“ und dann – nunmehr im offiziellen Ruhestand – im Jahr 2003 sein Hauptwerk: „Robert Musil. Eine Biographie“.

Karl Corino schrieb auch früh Gedichte, kehrte in den letzten Jahren, als er schon von Parkinson gezeichnet war, wieder zur Lyrik zurück. Seinen Vorlass gab er an das Literaturarchiv Marbach. Er wurde 83 Jahre alt.

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