Ein Vogel bin ich ohne Flügel , schrieb Roger Loewig, der Dichter. Und wenn er sich doch mit Flügeln wähnte, waren sie ihm meist gebrochen. Vögel kamen immer wieder auch dort auf den Plan, wo Loewig als Zeichner sein feines Liniennetz auswarf: Vögel, über weites Land streichend, bedrückendes Ödland oft, hinweg über Mauern und Stacheldrahtzäune und über hingemordete Leiber, Vögel, sich zerquälend wie die zerrenkten Baumgestalten oder die zu Monumenten verknäulten, en masse geschundenen Menschenwesen, Opfer von Überhebungswahn. Nicht zu vergessen auch die Vögel, die niemandem Untertan über Grenzflüssen kreisen oder um Kirchtürme herum oder über den Köpfen der Liebenden des Hohen Liedes Salomos.Roger Loewig, Dichter, Zeichner und Maler, ist tot. Der 1930 in Schlesien Geborene hatte sich in den 50er Jahren und Anfang der 60er in Ost-Berlin als Lehrer ernährt. Gleichsam in einem zweiten Leben nebenher entwickelte er sich zum Wort- und Bildkünstler, der 1963 wegen "besonders gefährlicher" Bilder und Texte eingesperrt, 1964 von der Bundesrepublik aus dem Gefängnis und 1971 aus der DDR herausgekauft wurde. Seither lebte er im Westen der Stadt. Am 4. November erlag er in seiner Atelierwohnung im Märkischen Viertel einem Herzschlag. Abrupt brach sein Lebensweg ab, kaum daß sich der Künstler der späten Ehrung, die ihm durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes zuteil wurde, so richtig hätte bewußt werden können. Nun wird der für den 8. November geplante Empfang aus Anlaß der Ehrung zur Totenfeier.Dieser Szenenumbau, von einer unerbittlichen Schicksalregie bestimmt, scheint, wie makaber das auch klingen mag, Loewig beinahe wie auf den Leib geschrieben. Ein Gespür für das Unheimliche des menschlichen Ausgeliefertseins an irdische Mächte und schließlich an die allerletzte Macht war ihm eigentümlich. Daraus folgte ein seismographisch empfindsamer Sinn für den Schmerz von Gewalterfahrungen, der sein Wesen und seine Kunst geprägt hat. Helmut Börsch-Supan spricht von einer "Balance von Leidensdruck und künstlerisch-moralischem Gegendruck". Zuvorderst waren es die Naziverbrechen, die nicht aus Roger Loewigs Gedächtnis wichen; wie kaum ein anderer deutscher Künstler hat er hier Mitleiden artikuliert und Schuld eingeklagt. Aber er übersah auch nicht, daß "neue Tode auf die Weltbühne" sprangen. Die Niederschlagung des Ungarnaufstandes hat er sogleich verurteilt. Qualvoll lange währte seine Trauer wegen der schlimmen Grenze quer durchs deutsche Land, das er trotz allem stets als "sein Land" betrachtet hat.Loewigs Kunst, in der sich ein leidenschaftlicher Formungsdrang mit hoher Sensibilität verbindet, tritt gegen das Vergessen an. Sie ist zugleich Selbstzeugnis und Geschichtszeugnis. Bei aller poetischen Überhöhung ist sie von geradezu dokumentarischer Eigenart und reicht kraft ihrer Emotionalität Erinnerung weiter. Seinem Tode vorausdenkend, sagte Roger Loewig in einem Gedicht: "Wie habe ich gewollt / daß wenigstens ein Stein / von meiner Brücke / nach dem Sturze / doch am Wege bliebe " Angesichts des Todes des Künstlers ist festzustellen, daß viele Steine von seiner Brücke des Aufhebens vom Wege und der Pflege wert sind.Gedenkveranstaltung für Roger Loewig am 8. November, 16 Uhr, im Rathaus Köpenick.
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