So schnell sieht man sich wieder. Als sich Neil Young vor fast genau einem halben Jahr im ICC mit einer finalen Interpretation von "Rockin' in The Free World" verabschiedet hatte, war nicht damit zu rechnen gewesen, ihn so schnell wieder in Berlin besichtigen zu dürfen. Aber was ist bei Neil Young schon final. Er scheint sich jetzt auch auf so einer Art never ending tour zu befinden, heute hier, morgen da und vorgestern in Spandau. Der Wirtschaftshof der Zitadelle war am Dienstag mit gut 5 000 Schaulustigen gefüllt, die dem drohenden Gewitterguss zum Trotz einen Blick auf den letzten Mohikaner werfen wollten. Wie immer wurde Neil Young von einem geschnitzten Häuptling sekundiert, der am Bühnenrand postiert über die Seele des Blutsbruders wacht.Es geht los. "Hey, Hey, My, My". Rock'n'Roll wird niemals sterben. Es ist besser zu verbrennen als zu verschwinden. Neil Young betritt nicht einfach die Bühne, er trifft ein, wie eine Prophezeiung. Ein Helfer hilft ihm in die Gitarre, die er sich nicht bloß umhängt, sondern einverleibt. Er trägt einen schwarzen Anzug mit Farbklecksen, darunter ein weißes Hemd, aber keinen Hut mit Kerzen drauf. Sein Haarkranz flattert im Wind. Knistern, atmosphärisches Rauschen, dann von fern der erste Akkord, dumpf wie ein Schlag in den Magen. Nach fünf Minuten fällt das Gemälde "Out Of The Blue" um, mit dem der Eröffnungssong angekündigt worden war. Weggeblasen, von einer Böe, vom Sound, man weiß es nicht. Der Häuptling kann sich entspannen, die Seele seines Mannes ist auf einem guten Weg.Nie wieder altmodischNeil Young wird bei seinem Sommerkonzert von "his electric band" unterstützt, wie es annonciert war. Diese Bezeichnung ist nicht so dahingeschrieben. Bisher hatte Young noch jeder seiner Begleitbands einen Namen gegönnt. Ob Bluenotes, Stray Gators oder Shoking Pinks. Bei Crazy Horse hatte er stets darauf wertgelegt, als ein Teil dieser Formation wahrgenommen zu werden. Diesmal ist er tatsächlich der Solist. Die Band mit Rick Rosas am Bass, Chad Cromwell am Schlagzeug und Ben Keith an diversen Gitarren tritt hinter ihn zurück, nicht nur optisch sondern auch im Zusammenspiel.Das Repertoire der Veranstaltung ist gut durchmischt, Hits und Raritäten, nur vier Songs sind mit der Setlist vom Februar identisch. Mit "Everybody Knows This Is Nowhere" und "I've Been Waiting For You" greift Neil Young gleich zu Beginn auf die ganz frühe Periode zurück. Aber die Begriffe von früh und spät, alt und jung, gut und schlecht, greifen bei ihm ja ohnehin nicht. Er war immer alt und immer jung. Auch deshalb scheint Neil Young, obwohl gegen Modernismen imprägniert, nie wieder altmodisch zu werden. Diese Zeit ist vorbei, es war in den achtziger Jahren, als er zum letzten Mal versucht hatte, technologisch Anschluss zu halten."Powderfinger" wirkt eher wie ein Song aus dem 19. Jahrhundert, archaisch, braunstichig, unheilvoll. "Look out, Mama, there's a white boat comin' up the river." Ein Schiff wird kommen, es verheißt nichts Gutes. Als würde er sich unter der Last seiner Erzählung krümmen, stampft Neil Young mit hängenden Schultern über die Bühne. Er zieht das Kabel seiner Gitarre hinter sich her wie ein Treidel. Erlösung findet die Geschichte allenfalls zwischen den Strophen, wenn sich Neil Young in seinen Gitarrenexzessen verliert.Aufgenommen wird das Bild des am Horizont erscheinenden Schiffes kurz darauf noch einmal in dem Epos "Cortez The Killer". Neil Young fantasiert darin die Eroberung des Aztekenreiches durch den spanischen Conquistador Hernan Cortés. "He came dancing across the water, with his galleons and guns." Mit seinen Worten berichtet er fast wie ein Reporter vom Untergang einer Zivilisation, die Bilder der Zerstörung zeichnet sein Gitarrensound. Neil Young fragmentiert seinen Song, er gräbt die Toten aus, lässt ihre Geister sprechen, die Schüsse von Musketen hallen über das Gelände, das zum Schlachtfeld wird. Der Ausruf "what a killer" wird ihm hier zum Mantra auf ein den Menschen bewohnendes Verbrechertum. So, wie Neil Young den Song in Berlin interpretiert, findet er im Kanon der zeitgenössischen Kunst direkt neben Picassos "Guernica" Platz.Malerei ist überhaupt ein Thema des Abends, im Laufe des Konzertes fabriziert ein unbekannter Künstler im Bühnenhintergrund einige Werke, über deren Qualität sich nichts weiter sagen lässt, da sie nach Vollendung fortgeschafft wurden.Wenn man so will, trägt Young im akustischen Teil seines Konzertes Pastelltöne auf. Seine Stimme ist so fistelig wie ehedem und dennoch berührend. "Helpless" klingt noch etwas schütter, "Unknown Legend" schon besser und "Heart Of Gold", was man eigentlich gar nicht hören wollte, gerät zu einer wehmütigen Klage auf was auch immer.Neil Young ist ja prinzipiell mehr, als die Summe seiner Teile. Es geht bei ihm nicht nur um Text, Musik und Stimme, es geht ums Ganze. Als er zum Finale die ersten Töne von "Cowgirl In The Sand" produziert, kann man sich nicht vorstellen, wohin das führen wird. Allmählich gerät sein Körper unter Strom, bis er nur noch ein Wiegen und Zucken ist. Nach jedem Refrain stürzt er sich in den Strudel des Sounds. Und taucht überraschend immer wieder auf. Jetzt ist es Neil Young, der übers Wasser tanzt.Als Zugabe gibt es ein Stück der Beatles. "A Day In The Life". Dieser Tag in diesem Leben ist auf jeden Fall ein sehr schöner gewesen.------------------------------Foto: Rock'n'Roll wird niemals sterben. Jedenfalls nicht, solange Neil Young seine prophetische Fistelstimme erhebt.
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