Zur ersten langen Nacht im Botanischen Garten kamen 8 000 Besucher

Mit Musik durch Riechbeete

Ina Brzoska
3 Min

Die Tür geht auf und Henriette Jocht steht im Regenwald. Ethnoklänge rieseln auf die Dame mit dem weißen Haar herab, große grüne Palmen, knorrige Äste und Kakteen ragen bis unter das Dach des Gewächshauses. Vor fünfzig Jahren hat Jocht Safaris quer durch Afrika und Mittelamerika unternommen, nun kommentiert sie einige exotische Exemplare für die Familie. Dem Enkel rät sie, nicht an der Yukkapalme zu rütteln. "Da kommen manchmal Vogelspinnen raus", sagt sie.Wie Jocht sind trotz des Nieselwetters rund 8 000 Menschen zur ersten langen Nacht im Botanischen Garten gekommen. Berliner, Brandenburger, Touristen aus Spanien oder Italien. Sie schlendern durch Gewächshäuser, Blumengärten und Gemüsebeete. 43 Hektar groß ist das Areal, 22 000 Pflanzen wurden hier kultiviert. Mit seiner 300-jährigen Tradition zählt der Botanische Garten in Dahlem zu den bedeutendsten der Welt.Mit Bratwurst in der Hand und der Digitalkamera um den Hals bestaunen Gäste die Pracht, besonders die Exoten in den Gewächshäusern. Darunter echte Wunderwerke der Evolution, die angepasst an klimatische Bedingungen wie Hitze und Dürre oder tropische Feuchte bizarre Farben und Formen annehmen. Die Säulen der Kakteen tragen wollige Spitzen, aus anderen poppen pinke Blüten, es gibt bläulich schimmernde Aloepflanzen, der Goldkugelkaktus sieht aus wie ein überdimensionierter Ballon. "Ein dickes Ding", wie Safari-Fan Henriette Jocht treffend bemerkt.Je später der Abend, desto bunter leuchtet der Botanische Garten. 7 000 Lichter setzen ihn in Szene, sie spenden grüne, blaue oder rote Farbtupfer in der Nacht. Ein Pärchen sitzt mit Austern und Champagner auf einer Bank und blickt auf einen kleinen Teich, auf dem Seerosen blühen.Zwei Lehrerinnen nahmen zuvor an einer Lesung aus Darwins Tagebüchern und an einem Vortrag Humboldts botanischer Erforschung Südamerikas teil. Nun wollen sie das musikalische Aufgebot testen. Hundert Künstler spielen für die Besucher Jazz, Swing, Tango oder Klassik. Die Lehrerinnen entscheiden sich für Klassik, nehmen bei französischen Musette-Walzern Platz. "Man riecht, man guckt, man hört, es ist ein Fest für alle Sinne", sagt Hilde Steckmann.Andere verbinden in der Nacht das Schöne mit dem Nützlichen. "Ich sammle Ideen für meinen Vorgarten", sagt eine Seniorin. Sie streift akribisch durch Riechbeete mit Duftgeranien, Oregano und Basilikum. "Majoran, das könnte ich mal ausprobieren", sagt sie und möchte mit Heinz Borkinsky, einem Mann mit Schirm und Kordjacket ein wenig fachsimpeln. Der mäkelt über den hohen Eintrittspreis. 40 Euro hat er für Abendkasse und Programmheft bezahlt. "Ziemlich happig", sagt er.------------------------------Foto: Gesang im Garten: Das half, den Nieselregen zu vergessen.

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