Zurück auf null

Boris Herrmann
3 Min

Es war Frühling in Berlin. Der Bauch kribbelte, das Herz klopfte, das Bier schäumte. Für einen Moment war nichts unmöglich. Am 11. Mai 2009 strömten knapp 72 000 Menschen ins Olympiastadion, um sich ein Fußballspiel zwischen Hertha BSC und dem VfL Bochum anzuschauen. Hertha gegen Bochum, da herrscht normalerweise gepflegtes Desinteresse, in der U-Bahn und im Oberring hat man freie Sitzplatzauswahl, in den Kneipen läuft Bremen oder Dortmund. Dieser Frühling aber war kein normaler Frühling. Es war der Frühling, als Marko Pantelic und Andrej Woronin wie Helden besungen wurden, als an Josip Simunic die Gegner abprallten und Dieter Hoeneß mit Lucien Favre um die Wette tanzte. Das Frühlingsgefühl hat sogar ein paar Zuschauer aus dem Osten nach Charlottenburg geweht. Die ganze Hauptstadt träumte von einem Hauptstadtmeister. Nun, gut vier Monate später, muss man feststellen: Es ist erstaunlich schnell Herbst geworden in Berlin.Innerhalb kürzester Zeit hat sich Hertha BSC vom Titelanwärter zum Abstiegskandidaten dilettiert, das Glück vom Mai wirkt aus heutiger Sicht geradezu naiv, die Architekten des Aufschwungs sind über alle Berge. Woronin, Pantelic und Simunic konnte oder wollte der Klub nicht halten, Hoeneß wurde vom Hof gejagt, und Lucien Favre, der selbst im Angesicht des Niedergangs noch so schauen konnte, als habe er einen großen Geheimplan in der Tasche, dieser Lucien Favre ist seit gestern auch beurlaubt. Hertha BSC legt damit ein Tempo im Selbstzerstörungsmodus vor, das fast schon wieder meisterlich ist. Alles, was bei diesem Klub in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut wurde, ist mit einem Mal Makulatur. Hertha BSC ist zurück auf null.Wer die Gesetze der Branche (in Deutschland) kennt, der weiß wie kurz der Weg von der Ergebniskrise zur Trainerentlassung ist. Aber jeder, der diese Hertha in den zurückliegenden 27 Monaten beobachtet hat, der ahnt auch, dass dieses Team ohne seinen Schöpfer Lucien Favre noch weniger lebensfähig sein dürfte. Mag sein, dass es an der ein oder anderen Stelle falsch zusammen gestellt worden ist. Mag sein, dass sich der dickköpfige Favre und der unerfahrene Manager Preetz am Wühltisch im Sommerschlussverkauf vergriffen haben. Gleichwohl bleibt richtig, dass die Personalpolitik Favres stets einer Haltung, einer Überzeugung, einer Idee von modernem Fußball folgte. Deshalb ist seine Beurlaubung auch keine gewöhnliche Trainerentlassung, sondern eine Zäsur.Nach der Abkehr vom Hertha-Internats-Fußball ist das Ende vom Favre-Fußball die zweite hektische Windung der Klubgeschichte binnen weniger Jahre. Im Gegensatz zu Vereinen wie Hoffenheim oder Bremen, die auch in schwierigen Zeiten ihrem Grundkonzept treu bleiben, präsentiert sich Hertha BSC damit einmal mehr im Einklang mit jenem Image, das im Rest der Republik so gerne verspottet wird: als gesichtslose Tante, die beim leichtesten Seegang freiwillig über Bord geht.------------------------------Foto: Wo sind all die guten Freunde hin? Herthas Manager Michael Preetz.

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