Sie ist zurückgekehrt - Wer? Die Ewigkeit", droht Arthur Rimbaud in einem seiner berühmtesten Gedichte. Die Ewigkeit diente schon immer als Ausrede, als Utopia irgendwo jenseits der Endlichkeit. Die Perspektive der Ewigkeit auf die Gegenwart anzuwenden hieße, die eigenen Konzepte und Taten der Kritik der Nachhaltigkeit auszusetzen. In Zukunft aber waren wir noch nie so richtig gut, weil wir immer von der Gegenwart ausgegangen sind, ohne die eigene Vergangenheit und die der anderen in die Rechnung mit einzubeziehen.Das Ensemble des Maxim Gorki Theaters hat sich mit "Ökonomie des Lebens" ein Thema gesetzt, das sich mit Abrechnungen unserer Prognosen beschäftigt. Die Hypotheken auf die Zukunft, wie sie zum Beispiel Antonio, der Kaufmann von Venedig, aufnimmt, sind genauso Risikogeschäfte des Lebens wie der Versuch von Goethes Charlotte, "Wahlverwandtschaften" gegen die Liebe zu organisieren. Diese Texte als Techniken zu lesen, die Möglichkeiten des Zusammenlebens auszuprobieren, ist für das Maxim Gorki Theater die Aufgabe dieser Spielzeit. Gerade im Jubiläumsjubeljahr müssen die Bohrungen in der Geschichte fortgesetzt werden, denn die Konfrontation mit der eigenen Disposition zum Fehler ist die Voraussetzung dafür, ehrlich an so etwas wie Zukunft zu denken."GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT"Jean Paul Sartres Drama "Geschlossene Gesellschaft" scheint wie kaum ein anderer Text für dieses Thema geschrieben. Drei Menschen treffen in einem Raum ohne Fenster und Spiegel aufeinander. Sie haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Verbunden sind sie allein durch ein kleines, aber entscheidendes biografisches Detail: sie sind tot. Garçin, Estelle und Inés sind in der Hölle angekommen. Deren Schrecken äußert sich nicht in Feuer und danteschen Qualen und Strafen. Nur ein einziges Kennzeichen aus dem Katalog der bekannten Höllenbilder ist geblieben: die Ewigkeit. Unter der Laborbedingung der ausgeschalteten Zeit sind die drei Insassen auf sich selbst im anderen geworfen. Der Journalist Garçin, der seiner eigenen Schwäche nicht mehr aus dem Weg gehen kann, die Intellektuelle Inés, die ihre Stärke zum Prinzip des Überlebens erhebt, und die vermögende Ehefrau Estelle, die mit ihrem Kind auch die Zukunft ausgelöscht hat. Fern von Angst und Hoffnung suchen sie im Gegenüber die eigene Bestätigung. Der Blick und die Gegenwart des anderen provozieren die persönliche Abrechnung. In einer Zeit der Orientierungslosigkeit fordert Sartre die Freiheit zu selbstbestimmtem Handeln jenseits von Determination und Flucht ins Schicksalhafte. Die Ewigkeit erscheint als Drohung: was wäre, wenn wir nicht auf die Erlösung durch die eigene Endlichkeit hoffen dürften? Was, wenn wir gezwungen wären, Konsequenzen aus dem Entdecken der Wahrheit zu ziehen? Martin Heidegger, von dessen Philosophie Sartre entscheidend beeinflusst war, formulierte in seinem Jahrhundertbuch "Sein und Zeit": "Daß es 'ewige Wahrheiten' gibt, wird erst dann zureichend bewiesen sein, wenn der Nachweis gelungen ist, dass in alle Ewigkeit Dasein war und sein wird. Solange dieser Beweis aussteht, bleibt der Satz eine phantastische Behauptung, die dadurch nicht an Rechtmäßigkeit gewinnt, dass sie von Philosophen gemeinhin 'geglaubt' wird." In seinem Stück macht Sartre den Versuch. Er lässt die Ewigkeit als Experiment in die säkulare Welt zurückkehren. Mit dem Tod ist die Geschichte nicht zu Ende. Rimbaud: "Elle est retrouvée. Quoi ? - L'Eternité./C'est la mer allée/Avec le soleil."P. S.Erst im Nebeneinander von Humor und Tragödie wird Erkenntnis möglich: im Dezember treffen im Maxim Gorki Theater französische Philosophie und Berliner Weisheit aufeinander. Kurz nach der Premiere von "Geschlossene Gesellschaft" tischt das Ensemble am Silvester-Tag die legendäre Inszenierung von Hauptmanns "Der Biberpelz" auf: in einer Doppelvorstellung mit Uschi Werner als Mutter Wolfen. Ein Silwestern mit doppeltem Boden und ohne alle guten Vorsätze. Kluge Weihnachten.------------------------------Geschlossene Gesellschaftvon Jean-Paul Sartre.Regie: Felicitas Brucker.Bühne: Ulrike Siegrist, Kostüme: Sara Schwartz, Video: Isabel Robson.Mit Julischka Eichel, Anja Schneider; Robert Kuchenbuch, Johann Jürgens.PREMIERE am 18. Dezember.Der Biberpelzvon Gerhart Hauptmann.Regie: Ronny Jakubaschk und Armin Petras.Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Hanne Günther.Mit Anika Baumann, Britta Hammelstein, Ursula Werner; Tim Hoffmann, Wolfgang Hosfeld, Michael Klammer, Horst Kotterba, Robert Kuchenbuch, Andreas Leupold, Gunnar Teuber.Doppelvorstellung am 31. Dezember um 16 und 19.30 Uhr.Maxim Gorki Theater BerlinAm Festungsgraben 2, 10117 BerlinKarten und Informationen unter Telefon: (030) 20 22 11 15www.gorki.de------------------------------Foto: Ewigkeit als Experiment in der säkularen Welt: Mit dem Tod ist die Geschichte nicht zu Ende. Felicitas Brucker inszeniert Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" mit Anja Schneider, Johann Jürgens, Julischka Eichel und Robert Kuchenbuch. Premiere ist am 18. Dezember.
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