Fußball

Zwangsabstieg von 1860: Warum nur Lok den Platz in der 3. Liga verdient hätte

Nach dem Zwangsabstieg von 1860 München hätte allein der 1. FC Lok Leipzig das moralische Recht, den freien Platz in der 3. Liga einzunehmen. Doch der DFB tickt ganz anders.

Andreas Baingo
5 Min
Nach verlorener Relegation: Der 1. FC Lok Leipzig verpasst den Aufstieg in Liga drei zum dritten Mal.

Nach verlorener Relegation: Der 1. FC Lok Leipzig verpasst den Aufstieg in Liga drei zum dritten Mal.

© Sven Sonntag/imago

Ob die Spieler des 1. FC Lokomotive Leipzig jemals Frieden mit dem Fußball-Gott schließen werden, darauf sollte spätestens seit Anfang dieser Woche lieber niemand wetten. Fast fühle ich mich ein wenig an alte Zeiten erinnert, als die Männer aus Probstheida immer mal wieder drauf und dran waren, in der DDR-Oberliga den großen Coup zu landen, am Ende aber höchstens Zweiter wurden, so wie 1967, 1986 und am dramatischsten 1988, als bei Punktgleichheit mit dem BFC Dynamo die Tordifferenz um acht Treffer schlechter war. Damals hatten die Gelb-Blauen den Dauer-Meister aus Berlin-Hohenschönhausen zum erbitterten Gegner. Jahrzehnte später regiert der aus dem Hessischen, heißt Deutscher Fußball-Bund und will partout keinen Weg finden, damit alle Meister der Regionalligen aufsteigen. Das ist sportliches Mittelalter.

Kaum jemand kennt die Gefühle zwischen den Extremen, die der 1. FC Lok nun schon zum dritten Mal mit dem Titel im Nordosten, aber dem Scheitern, wenn es tatsächlich um die Wurst geht, erlebt, besser als Sportdirektor Toni Wachsmuth. Vor zehn Jahren hatte er als Spieler auf der Seite der Sieger gestanden. Mit dem FSV Zwickau hatte er die Hölle Aufstiegsspiele gegen den SV Elversberg zum guten Ende gebracht. Nach dem 1:1 im Saarländischen hatte Wachsmuth als Kapitän der Westsachsen mit seinem Tor zum 1:0 die Tür zur Dritten Liga endgültig aufgestoßen. Schon damals wies Elversbergs Trainer Michael Wiesinger auf die Ungerechtigkeit dieser Spiele hin: „Meine Jungs so niedergeschlagen zu sehen, obwohl sie alle eine grandiose Saison gespielt hatten, ist eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte. Es trifft auf jeden Fall ein Team, das den Aufstieg verdient gehabt hätte.“

Das ist damals wie heute wahr, interessiert in einem Konstrukt, das als größter Sportverband der Welt vor allem den vielen Millionen Amateuren verpflichtet sein sollte, nicht wirklich. Probleme werden benannt, auch werden seit Jahren Vorschläge gemacht, um sie dann doch immer wieder zu zerreden. Es ist ein Spiegelbild dessen, woran das Deutschland des 21. Jahrhunderts krankt und auch in anderen Bereichen nur wenig und dazu nur schleppend zuwege bringt.

1860 München: Die Löwen erhalten für die kommende Saison keine Drittligalizenz.

1860 München: Die Löwen erhalten für die kommende Saison keine Drittligalizenz.

© Schäfer/imago

1860 München muss nach 2017 erneut absteigen

Bei allem Ärger und aller Wut über die noch immer anachronistische Regelung des Aufstiegs in die Dritte Liga kommt 1860 München ins Spiel. Spätestens jetzt heißt es: Willkommen im Wahnsinn. Die „Löwen“ haben durchaus was. Auch mich haben sie in meiner Jugendzeit, als die Bundesliga startete und die „Blauen“ im Gegensatz zum FC Bayern zu den Gründungsmitgliedern gehörten, angesprochen. In Zwickau, wo ich größtenteils aufwuchs, empfingen wir über den Sender Ochsenkopf das Programm des Bayerischen Rundfunks und holten uns die Bundesliga ins Wohnzimmer. Noch vor Franz Beckenbauer und Gerd Müller hießen die Stars deshalb Petar „Bin i Radi, bin i König“ Radenkovic, Rudolf Brunnenmaier, Otto Luttrop, Manfred Wagner, Wilfried Kohlars und auch Trainer Max Merkel.

Nun aber ist der Turn- und Sportverein München von 1860 die Skandalnudel schlechthin. Diesmal schrieben die „Löwen“ ihr neuestes Kapitel der üblen Taten erst deutlich nach Beendigung der Saison. Weil die Münchner für die Lizenzerteilung eine Finanzierungszusage von 2,7 Millionen Euro nicht leisteten, lautet das Urteil: Zwangsabstieg! Es ist der zweite nach 2017, als die „Sechzger“ nach ihrem Abstieg aus der 2. Bundesliga keine Drittligalizenz erhielten und schon einmal in der Regionalliga landeten.

Aber, und das macht die Sache unappetitlich: Es geht um die Lizenz für die neue Spielzeit! Deshalb folgt dem einen Skandal der nächste auf dem Fuß. Nicht der 1. FC Lok Leipzig darf nach oben, sondern der TSV Havelse darf bleiben. Vorerst. Jenes Team, das sich vor einem Jahr gegen die „Loksche“ behauptete, nun aber wieder nach unten musste. Zumindest sportlich, als noch kaum jemand ahnte, dass es 1860 München erwischen könnte. Zudem haben sie beim TSV Havelse ihr Stadion, das für das Drittligajahr mit Stahlrohrtribünen aufgemotzt worden war, wieder zurückgebaut. Na gut, sie kriegen es auch wieder andersherum.

Manche DFB-Statuten ähneln denen einer Bananenrepublik

Nur: Kaum wurde die Rückstufung der Münchner publik, meldete sich auch Havelses Sportvorstand Florian Riedel und versicherte: „Als Sportler glauben wir an einen Fußball, in dem Sieg und Niederlage sowie Aufstieg und Abstieg auf dem Platz entschieden werden.“ Von dieser hehren Aussage wird wohl nichts bleiben. Nur ist man beim FC Erzgebirge kaum besser. Auch in Aue kann man sich vorstellen, als Drittletzter den Platz einzunehmen.

Es wird immer bunter und verrückter. Ist man gutmütig und will keinen Stress, dann soll jeder um seine Chance kämpfen und versuchen, durch eine Hintertür ins vermeintliche Glück zu rutschen. Ist man aber knallhart und legt es darauf an, dann hat das was von Geschacher auf Kosten anderer. Das einzige Team, das es nach aktueller Lage verdient hätte, nach sportlichen Kriterien in die Dritte Liga zu kommen, wäre allein der 1. FC Lokomotive. Aber das wird in einem Verband, bei dem manche Statuten denen einer Bananenrepublik ähneln, wohl nicht passieren.

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