Wer ein Anliegen hat, muss sich eine Strategie überlegen, mit der er es lanciert. Eine Möglichkeit, sich Autorität zu verschaffen, besteht in einer Rhetorik der Progressivität: Man munitioniert sein Programm mit lauter Signalwörtern, die Aufbruch und unbedingten Veränderungswillen suggerieren. Jedes Schlagwort wird aufgegriffen, das dem, der es im Munde führt, bescheinigt, auf der Höhe der Zeit zu sein. Einer solchen Strategie liegt eine Geschichtsphilosophie zu Grunde, für die die katastrophale Gegenwart das Resultat von Beharrungskräften ist, die sich aus Mangel geistiger Beweglichkeit einer überfälligen Modernisierung entgegenstemmen und in überholten Denkmustern weiterwursteln.Diesen Weg hat Michael Daxner eingeschlagen. Daxner war bis 1998 Präsident der Oldenburger Universität. Seither kümmert er sich mit viel Engagement im Auftrag der UNO um den Wiederaufbau des Hochschulsystems im Kosovo ("Berliner Zeitung" vom 20. Juli). Im letzten Jahr erschien von Daxner ein Buch, das seine Erfahrungen als Oldenburger Präsident resümiert und zugleich die Vision einer Universität der Zukunft proklamiert. Schon der Titel lässt keinen Zweifel, dass sich hier einer für die Rhetorik des Fortschritts entschieden hat: "Die blockierte Universität. Warum die Wissensgesellschaft eine andere Hochschule braucht" (Campus Verlag, Frankfurt/New York 1999, 192 S., 29,80 Mark). Die Universität, sagt dieser Titel, ist in der Krise, und der Verfasser wird kein Blatt vor den Mund nehmen, um diese Krise beim Namen zu nennen. "Blockiert" ist sie nämlich, weil es Strukturen oder Personen gibt, die sich der notwendigen Weiterentwicklung dieser Institution entgegenstemmen. Anders der Verfasser, der die Zeichen der Zeit erkannt hat, denn die stehen auf "Wissensgesellschaft". Und weil der Verfasser von großem Gestaltungswillen getrieben ist, fordert er nicht mehr und nicht weniger als eine "andere Hochschule". Auf den folgenden Seiten wird Daxner dann leistungsabhängige Bezahlung des Lehrpersonals und schnellere Berufungsverfahren fordern, Risikobereitschaft einklagen, die Gruppenuniversität und den Verwaltungsapparat attackieren, den Globalhaushalt verteidigen und sich für "Academic Leadership" einsetzen. Daxner schließt sein Buch mit dem Satz: "Die selbstbewusste, sensible, umweltorientierte Gesellschaft braucht zu ihrer Zivilität gute Hochschulen." Man sieht: Eine mächtige Morgenröte in der Reformwerkstatt Deutschland.Die Idee der UniversitätAber um sich in der Diskursgesellschaft Autorität zu verschaffen, kann man auch die entgegengesetzte Strategie einschlagen. Dann argumentiert man aus einem Weltbild heraus, dass in der traurigen Gegenwart das Resultat einer schleichenden Degeneration sieht: Für diese Strategie hat sich Arnd Morkel, einst Präsident der Universität Trier, entschieden. Sein Leitbegriff ist die Jasper sche "Idee der Universität". Diese wäre von gleichsam taufrischer Jugendlichkeit, hätte der Zeitgeist sie nicht systematisch entstellt und sie eingespannt als bloßes Mittel seiner gesellschaftspolitischen Utopien. Wer also an der Zukunft der deutschen Universität interessiert sei, der müsse den Mut aufbringen, zurückzukehren zur Humboldt schen Idee der Universität. Folgerichtig heißt Morkels Buch "Die Universität muss sich wehren. Ein Plädoyer für ihre Erneuerung" (Primus Verlag, Darmstadt 2000, 181 Seiten, 34 Mark).Wo sich Michael Daxner seiner Schlagwörter-Diarrhöe hingibt, pflegt Morkel das Genre der unzeitgemäßen Betrachtung. Wo Daxner auf Programme setzt, baut Morkel auf intellektuelle Eigenwilligkeit. Er hat damit das ungleich anziehendere Buch verfasst, dessen Redlichkeit auch darin liegt, sich nicht in ein Aktionsprogramm ummünzen zu lassen. Denn für Morkel steht und fällt die Universität mit den Persönlichkeiten, die sich ihr verschreiben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]