Zwei Kieze, 20 Schauplätze: Theaterleute machen ganz normale Berliner Wohnungen zu Bühnen

Frau Seidel, die Küche und der Regisseur

Marcel Gäding
3 Min

Frau Seidel hat eine schöne Wohnung: Jeder Raum erstrahlt in einer anderen Farbe, vor allem die Küche fällt auf. Die Wände sind knallig Orange, an den Wänden hängen Bilder von Katzen, in der Mitte steht eine Anrichte. Und wer Frau Seidel danach fragt, woher sie all die schönen Dinge, die bunten Tassen und die hölzernen Zeitschriftenhalter her hat, dann sagt sie: "Alles von Ikea." Frau Seidel ist stolz auf ihre Wohnung, vor allem auf die Küche. Und weil sie für jeden Spaß zu haben ist, wird sie jetzt auch noch Teil eines Projekts."X Wohnungen" haben die Theaterleute vom Hebbel am Ufer das Projekt genannt, das am Donnerstag beginnt. In 20 Wohnungen in Lichtenberg und Kreuzberg werden Regisseure Theater machen. Da wird das Wohnzimmer zur Bühne und die Küche zum Schauplatz. Prominentester Regisseur ist Fatih Akin ("Gegen die Wand"), der in einem Plattenbau an der Frankfurter Allee inszenieren wird. Das Prinzip ist ganz einfach: Die Zuschauer kaufen sich für eine Tour Karten und ziehen zu zweit los. Sie klingeln, die Tür öffnet sich. Was dann geschieht, bleibt offen. "Wir wollen die Kieze und ihre Bewohner einbeziehen in die Kurzinszenierungen", sagt Projektleiter Sven Heier. Ein solches Projekt gab es vor zwei Jahren schon einmal in Duisburg. Oftmals wirkten die Wohnungsinhaber mit, waren Teil der Inszenierungen. In einigen Fällen wurden aber auch Schauspieler engagiert. In Berlin ist die Wohnung für zehn, manchmal 15 Minuten Kulisse für ein kurzes Stück Alltag. Auch hier wird teils unverfälschte Wirklichkeit gezeigt. In Kreuzberg gewähren ältere Damen Einlass in ihre liebevoll gestalteten Wohnungen im sozialen Wohnungsbau, in Lichtenberg Bewohner von Plattenbauten. "Das Theater ist eine Blackbox, aus der wir während des Projekts ausbrechen", sagt der Hamburger Dramaturg Arved Schultze. Die Wohnung von Manuela Seidel passt ins Konzept. Sie liegt an der Hauptstraße in Rummelsburg. Vor allem ältere Leute, die einst Arbeit im Kraftwerk oder drüben im Knast hatten, wohnen hier. Noch weiß die 39-Jährige nicht, was sie von morgen an erwartet. Bis zum ersten Treffen mit den kroatischen Theatermachern Bobo Jelcic und Natasa Rajkovic wusste sie noch nicht mal, dass sie in das Stück einbezogen wird. Eine ältere Dame wollen die beiden Künstler noch mitbringen, sie ist gewissermaßen Frau Seidels Schauspiel-Kollegin. "Und dann sollen wir unsere jeweilige Geschichte erzählen." Die von Frau Seidel passt gut, hat sie sich doch erst vor einigen Monaten von ihrem Mann getrennt, ihrer Jugendliebe wegen. Doch der Mann will mit ihr kein gemeinsames Leben anfangen. Dabei hätte doch für Frau Seidel, die am liebsten Udo Jürgens und Antenne Brandenburg hört, alles so schön werden können . Gestern sagten ihr die beiden Theatermacher, dass es noch "ein paar Veränderungen" geben könnte. Sie soll jetzt "Miss Lichtenberg" spielen. In ihrer Küche. Auf dem Hometrainer."X Wohnungen", 3./4. Juni ab 17.30 Uhr, 5./6. Juni ab 15.30 Uhr, Karten für 15 Euro nur im Vorverkauf im HAU2 am Halleschen Ufer 32, Tel. 25 90 04 27.------------------------------Foto: Manuela Seidel sitzt in ihrer Küche. Ab morgen erzählt sie dort ihre Geschichte vor Publikum. Sie war selbst noch nie im Theater, sagt sie.

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