Zwei Sänger der ersten Stunde sind dem Schöneberger Chor bis heute treu

Alte Knaben

Birgitt Eltzel
4 Min

SCHÖNEBERG. "Berliner Jungs" und "Auf Wiedersehen" könnten Lutz Geissler und Horst Fiera jederzeit anstimmen. Selbst wenn sie mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf gerissen würden. Wohl mehr als tausend Mal haben sie diese Lieder vor Publikum gesungen und noch viel öfter geübt. Jeder Ton musste sitzen, denn Gerhard Hellwig, der Gründer der "Schöneberger Sängerknaben", war streng."Streng, aber gerecht", sagen Geissler und Fiera einhellig. Der 77-jährige Hellwig leitet noch heute den 1947 gegründeten Chor. Lutz Geissler und Horst Fiera, Sängerknaben der ersten Stunde, sind trotz ihrer jahrelangen Chormitgliedschaft keine professionellen Musiker geworden. Geissler (63), der frühere Flugkapitän der Lufthansa, trainiert heute Piloten am Flugsimulator in Frankfurt und in Schönefeld. Der ein Jahr ältere Fiera beköstigte als Konditor und Patisseur unter anderem im feinen Savoy-Hotel in London auch die Queen und die Beatles. Jetzt lebt er als Rentner im brandenburgischen Großbeeren.Seit mehr als zehn Jahren sind die Schulfreunde wieder bei jedem großen Auftritt der Sängerknaben dabei. Meist als Gäste im Publikum, manchmal aber auch als Sänger. Sie waren dabei, als der Chor zum ersten Mal in Ost-Berlin auftrat, am 1. Mai 1990 im Palast der Republik, sie sangen zum 50. Gründungsjubiläum des Chores 1997 und zur Festveranstaltung im Rathaus Schöneberg im November 2002 anlässlich des 55-jährigen Bestehens. Am Sonntag werden die alten Knaben neben den jungen stehen: Dann feiert der Chor Weihnachten nach, diesmal im Hotel Intercontinental an der Budapester Straße. "Das ist traditionell: Weihnachten war für den Chor immer erst im Januar", erinnert sich Horst Fiera. Denn in der Adventszeit sind die Sängerknaben immer zu Konzerten unterwegs.Horst Fiera war bereits beim allerersten Auftritt des Knabenchores dabei: am 12. November 1947 vor Alten und Kranken im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. "Viele, viele Auftritte folgten, auch in der Deutschen Oper und in der Waldbühne", sagt er. Seinen Freund Lutz Geissler hat er etwa zwei Jahre später geworben, als er dessen Sologesang im Musikunterricht hörte. Bis 1954 sangen beide im Chor - ein Schöneberger Sängerknabe kann man bis zum Stimmbruch sein. Immer standen sie vorn an der Seite zusammen, denn sie sangen den zweiten Sopran: "Hell, aber nicht glockenhell", sagt Geissler. Damals habe der Chor noch vierstimmig gesungen. "Jetzt bringt er die Lieder leider nur noch einstimmig", sagt Fiera. Sie führen das auf ein Nachwuchs-Problem zurück: "Heute ist das Chorsingen für Kinder wahrscheinlich nicht mehr so interessant, die haben so viele andere Freizeitmöglichkeiten."Als Botschafter des freien West-Berlins hatte Chorgründer Hellwig die "Schöneberger Sängerknaben" immer verstanden. Doch für Fiera und Geissler zog dieser politische Anspruch kaum. "Der Chor war vor allem unsere Familie", sagt Fiera. Und Chorleiter Hellwig war der Ersatzvater. "Viele von uns Kriegskindern kannten doch gar keinen." Bis heute sind sie dem Chorleiter dankbar: "Bei ihm haben wir nicht nur Singen gelernt, sondern auch Wichtiges für das Leben, nämlich Disziplin und Verlässlichkeit", sagt Geissler. Pünktlich zu den zweimal wöchentlich stattfindenden Proben zu erscheinen, Extra-Übungen in kleinen Gruppen und die regelmäßigen Auftritte - "das hat zusammengeschweißt".Sogar kleine Reichtümer konnte man als Sängerknabe erwerben, erinnert sich Fiera: "Bei den Auftritten gab s manchmal als Dankeschön Schokolade - eine Rarität seinerzeit." Später bekamen sie auch Geld: "2,50 Mark für einen Opernauftritt", weiß Geissler noch. Er sparte und kaufte sich davon sein erstes Fahrrad. In dicken Alben haben die Freunde Fotos aufbewahrt: Die ersten Konzertreisen nach Westdeutschland, in der traditionellen Sängerknaben-Kluft: kurze dunkle Hose, weißes Hemd und dunkle Weste mit Emblem. Mehr als 50 Jahre sind seitdem vergangen, aus den schmächtigen Blondschöpfen sind würdige Herren mit grauem Haar geworden. Aber sie werden mit einstimmen, wenn der Chor am Sonntag seine Weihnachtsfeier traditionell mit dem Lied "Berliner Jungs" beginnt. Zwar nicht mehr mit hellen Stimmen wie damals und auch nicht ganz vorn, sondern dezent im Hintergrund. "Wir sind halt die alten Knaben", sagt Fiera.PRIVAT Die Schöneberger Sängerknaben Horst Fiera (1. Reihe l. ) und Lutz Geissler (dahinter) bei einem Auftritt unter der Freiheitsglocke 1951. . .BERLINER ZEITUNG/WULF OLM . . . und 2003: Horst Fiera (r. ) und Lutz Geissler.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner