Zweieinhalb Jahre nach dem 11. September zeigt sich Hollywood von seiner schlechtesten Seite

Die bleierne Zeit

Thomas Klein
4 Min

Meine Reaktion auf den 11. September 2001," so erklärte Jack Nicholson kürzlich einer britischen Filmzeitschrift, "war die Entscheidung, keine Filme zu machen, die traurig oder kritisch sind. Ich habe beschlossen, kein Geld damit zu verdienen, Leute zu deprimieren oder unwohl nach Hause zu schicken." Nicholsons Äußerung spiegelt die Mentalität der amerikanischen Filmindustrie seit den Terroranschlägen vom 11. September recht treffend. Das traumatische Ereignis wird in den USA zwar reflektiert: Die Buchhandlungen füllen sich weiter mit Verschwörungstheorien, mehr oder minder seriösen Islam-Studien oder Abrechnungen vergrätzter Bush-Mitarbeiter. Das Fernsehen bedient Terrorismus-Paranoia ("24") ebenso, wie es vermeintlich seriöse Dokudramen zum Thema sendet ("DC 9/11: Time of Crisis"). Das Theater leistete seinen Teil zur Aufarbeitung, und Popmusiker wie die Dixie Chicks versuchen sich an milder Bush-Kritik. Selbst in der Comic-Szene findet eine erstaunlich vielseitige Auseinandersetzung mit 9/11 und den Folgen statt. Nur das Kino schweigt.Zwischen dem neuen Patriotismus der moral majority und den eher plumpen Attacken konservativer Hardliner einerseits und den dominanten Erfordernissen der globalen Filmmärkte andererseits richtet sich das eigentlich als linksliberal verschriene Hollywood mit der Angst ein. Die inhaltliche Verbotsliste, wie sie den Entscheidungsträgern der Filmstudios vorliegt, sieht wohl so aus: Keine Auseinandersetzung mit 9/11, der Präsidentschaftswahl 2000, den Kriegen in Afghanistan und im Irak. Keine Aufnahmen von Ground Zero, keine Bombenanschläge; keine Geschichten, in denen Feuerwehrleute oder US-Militärs schlecht wegkommen. Arabische Protagonisten sind ebenso inakzeptabel wie Thriller, in denen die Geheimdienstarbeit kritisch hinterfragt wird. Und das Weiße Haus ist, ob als Spielort oder Handlungselement, komplett tabu. Was dem Mainstream-Kino (abgesehen von Ausrutschern wie "Der Anschlag") angesichts der vielen No-Themen bleibt, sind romantische Komödien, melancholische Einzelfallstudien, matte Actionspektakel und alle Formen von Eskapismus mit Piraten und Cowboys. Folgerichtig zeigt sich Hollywood zweieinhalb Jahre nach dem 11. September von seiner schlechtesten Seite: meinungsschwach, langweilig, staatstragend. Begründet liegt das auch in der Konvergenz der Eigentumsverhältnisse: Die amerikanischen Filmstudios sind heute fast durchweg Teil multinationaler Konzerne, denen schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht daran liegt, "unamerikanisch" zu wirken. Zudem befindet sich Hollywood seit längerem im Fadenkreuz nicht nur konservativer Medienkritiker. Immer wenn von Werten und Familie die Rede ist und der Saubermann-Zeitgeist der 50er-Jahre heraufbeschworen wird, läßt sich die Filmindustrie bereitwillig gängeln. So übt sich Hollywood schon länger in freiwilliger Selbstkontrolle - um nicht explizit zensiert zu werden.In den späten 90er-Jahren sah das noch anders aus. Auch das Mainstream-Kino äußerte freimütig Kritik: an profitgierigen Konzernen ("Erin Brockovich", "Zivilprozess"), schmutzigen Geheimdienstpraktiken ("Staatsfeind Nr.1", "Bourne Identity") und am Weißen Haus. Ob nun Klamotte ("Dave") oder Polit-Thriller ("Mord im Weißen Haus") - in der Clinton-Ära waren der Präsident und seine Mitarbeiter für Filmemacher angreifbar. In Clint Eastwoods "Absolute Power" ist der Präsident ein jähzorniger Mordgeselle, in "Das Kartell" von Phillip Noyce gar ein größenwahnsinniger Egomane, der ohne Not einen Privat-Krieg anzettelt. Kein Wunder, dass Barry Levinsons Mediensatire "Wag the Dog" heute weit umstürzlerischer wirkt als zur Premiere 1997: Dass ein US-Präsident einen militärischen Konflikt inszenieren lässt, um seine Wiederwahl zu sichern, kann man glauben oder nicht. Aber im Kino wird man so etwas heute ebenso wenig zu sehen bekommen wie David O. Russells bitterböse Golfkriegssatire "Three Kings". Auch der mit französischem Geld finanzierte Omnibus-Film "11'09''01" wurde in den USA nur als Sondervorführung gezeigt. Und "Buffalo Soldiers", eine schwarze Komödie um gelangweilte G.I.s, die im Sommer 1989 nahe Stuttgart die Zeit mit Drogen und Schwarzmarkt-Geschäften totschlagen, wurde erst vor wenigen Wochen verschämt in US-Kinos gestartet. Das Dilemma verdankt sich jedoch nicht nur den Filmfirmen, sondern auch den Filmemachern. Was Hollywood heute fehlt, ist nicht allein kritisches Bewusstsein, sondern auch Offenheit und künstlerische Neugier. Wirklich beunruhigend ist, dass zweieinhalb Jahre nach 9/11 weder Starregisseure noch die vermeintlich unabhängige Filmszene nennenswerte Reflexionen zur Lage der amerikanischen Nation und zur neuen Weltordnung beigetragen haben. Einzig Spike Lee hat sein Drama "25 Stunden" anspielungsreich mit Ground Zero-Bildern versetzt. Selbst Oliver Stone, das selbsternannte enfant terrible des US-Kinos, verschanzt sich lieber hinter einem Historienepos. Bleibt nur noch Michael Moore, der aus seiner Systemkritik längst eine lukrative Karriere gemacht hat: ein Pausenclown, mit dessen Hilfe die Filmindustrie ihre Unabhängigkeit beschwört - was sie sich gern mal einen Oscar kosten lässt.Wenn auf der Leinwand der Wilde Westen und das antike Griechenland wiederauferstehen und demnächst eine ganze Welle von Bibel-Epen im umsatzkräftigen Fahrwasser von Mel Gibsons "Die Passion Christi" in die Kinos kommt, ist das ein Erfolg für das konservative Amerika. Ob sich Hollywood von seiner Selbstbeschränkung erholen kann, wird sich zeigen, im Irak, im Sommerkino und bei den Präsidentschaftswahlen im November.------------------------------Hollywood fehlt nicht nur kritisches Bewusstsein, sondern auch künstlerische Neugier.------------------------------Foto: U.S.-Soldaten haben das Gold des Feindes erobert. Szene aus David O. Russells Golfkriegssatire "Three Kings" (1999).

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