Slavs and Tatars rückt Kunst zwischen der Berliner und der Chinesischen Mauer ins Rampenlicht.
Das Kunstkollektiv Slavs and Tatars feiert 2026 sein zwanzigjähriges Bestehen. 2006 als Lesegruppe von Payam Sharifi und Kasia Korczak gegründet, beschäftigt sich das Kollektiv seither mit dem Raum „östlich der ehemaligen Berliner Mauer und westlich der Chinesischen Mauer“: Eurasien. Eine Region, in der sich Sprachen, Religionen, Kulturen und Geschichten überlagern, widersprechen und gegenseitig beeinflussen.
Installationen, Bücher, Performances und Forschung gehören ebenso zur Praxis von Slavs and Tatars wie wiederkehrende eurasische Motive. Was zunächst selbstironisch und vertraut wirkt – etwa saure Gurken, Samoware oder Monobrauen – offenbart auf den zweiten Blick komplexe Wechselwirkungen zwischen Symbolen, Sprachen und politischen Ordnungen.
Die Installation „Samowar“ in der Londoner Hayward Gallery.
© Slavs and Tatars
Die Installation „Samowar“ des Künstlerkollektivs ragt wie ein überdimensionierter aufblasbarer Wasserkocher mit Teekanne und Serviertablett aus der Fassade der Hayward Gallery in London. Das humorvolle Werk greift den Samowar auf – ein seit dem 18. Jahrhundert verbreitetes Teegefäß, das heute in weiten Teilen Osteuropas und des Nahen Ostens genutzt wird. Indem die Künstler dieses Symbol einer traditionsreichen Teekultur in London monumental vergrößern, verweisen sie auf die Bedeutung von Tee für die britische Identität, die Kolonialgeschichte sowie den Austausch zwischen den Kulturen.
Slavs & Tatars: Stan de Natris, Payam Sharifi und Kasia Korczak vor ihrem Studio in Berlin-Moabit.
© Felix Brüggemann für EST.
Herr Sharifi, Frau Korczak, Sie sprechen stellvertretend für alle Mitglieder von Slavs and Tatars. Wie verbinden Sie die Menschen und Kulturen dieser riesigen Region, Eurasien?
Traditionen wie das Fermentieren oder Figuren wie der Simurgh ermöglichen es uns, die Region jenseits nationaler Identitäten zu denken.
Der Simurgh ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Dieses mythologische Vogelwesen mit Ursprung in Persien ist ein Grenzgänger, der sich durch Sprachen, Traditionen und Kulturen bewegt und neue Bedeutungen annimmt, statt einer einzigen Geschichte oder Nation anzugehören.
Berliner Künstler bei Neudeutsch Art auf der Kunstmesse
Museen für den Feed: Wie soziale Medien den Blick auf Kunst verändern
Über die Jahre haben wir ein visuelles Vokabular entwickelt: Wie Essiggurken, Samoware und die Monobraue ist der Simurgh ein Ausgangspunkt für unerwartete Beziehungen zwischen Kulturen: Das Objekt ist nie das Ziel, sondern der Anfang eines Gesprächs.
Im Westen gilt der Adler meist als Symbol für Macht, Imperium und Eroberung, fast als Sinnbild einer bestimmten Form von Männlichkeit. In unserer Region hingegen ist der Simurgh die maßgebliche Vogelfigur: Er ist nicht-binär statt machohaft, seine Kraft eher mystisch als nationalistisch. Übersetzung betrifft also nicht nur Sprache, sondern auch, wie sich Symbole und ihr Verständnis zwischen Kulturen verändern.
Ihr Kollektiv will die Kunstszene inklusiver machen. Wie gehen Sie das an?
Der Gedanke der Umverteilung beschäftigt uns zunehmend, sowohl als intellektuelles Konzept als auch als konkrete Praxis im Kunstbetrieb. Uns treibt die Frage um, welche Kunst von wem gefördert wird, warum und wie wir das ändern können. Branchenübergreifend, auch im Kunstbetrieb, ziehen die großen Akteure immer mehr Mittel und Aufmerksamkeit an sich, während für alle anderen weniger übrig bleibt.
Weder Kommunismus noch politischer Islam, weder Kolonialismus noch Imperialismus: Statt des Adlers weht die Flagge des Simurghs über dem Schaffen von Slavs and Tatars.
© Slavs and Tatars
Nach 20 Jahren sind wir in der Kunstszene etabliert; wir zeigen drei oder vier Einzelausstellungen jährlich. Doch wenn wir 5.000 Euro brauchen, um eine junge Aktivistin aus Zentralasien oder einen Schriftsteller aus Belarus einzuladen, ist das Interesse plötzlich sehr gering. Deshalb müssen wir den Institutionenaufbau selbst in die Hand nehmen.
Mit dem Residenzprogramm, das Kunstschaffende nach Berlin bringt, und der Pickle Bar, einem „slavic aperitivo bar-cum-project space in Berlin-Moabit“ unterstützen Sie gezielt den Austausch zwischen Kunstschaffenden ihrer Region und fördern insbesondere neue Stimmen. Was wollen Sie damit erreichen?
Newsletter • Jeden Freitag um 12:00
Mode, Stil und Genuss aus über 60 Ländern - wöchentlich kuratiert in Ihrer Inbox.
Wir haben uns immer gegen die Vorstellung gewehrt, die Region von Osteuropa bis Zentralasien sei instabil oder verfüge über keine tragfähigen Institutionen. Uns interessiert, was die Menschen verbindet, statt was imperiale Zentren wie Moskau oder Riad vorgeben. Wir arbeiten nicht mit Flaggen, sondern mit Sprachgemeinschaften statt mit Nationen. Regionalismus ist großzügiger als nationale Grenzen, weil er danach fragt, was Menschen verbindet, nicht was sie voneinander trennt.
Viele der von uns geförderten Kunstschaffenden kehren anschließend in ihre Länder zurück. So entsteht eine Kontinuität, die sich in unserer kuratorischen Arbeit fortsetzt und in die Herkunftsländer zurückwirkt
„Simorgh Solidarność“, 2011oben „Triangulation (Not Moscow Not Mecca)“, 2012
© Wolfgang Stahr
Ihre Arbeiten sind inhärent politisch. Wie bringen Sie die Freude an der Kunst und die ernsteren Inhalte zusammen, ohne in den Aktivismus abzurutschen?
Unsere Arbeit vermittelt genug Freude, um für sich zu sprechen. Statt politisch aufzutreten, schaffen wir Räume für unterschiedliche Ideen und Stimmen. Wir verbinden Ernsthaftigkeit und Humor: Menschen wollen die Welt verstehen, brauchen aber auch Leichtigkeit, ganz gleich, wie dunkel die Zeiten sind.
In zwanzig Jahren gemeinsamer Praxis haben wir das Wort Dekolonisierung wahrscheinlich nur einmal benutzt. Stattdessen haben wir es die ganze Zeit einfach getan. Wir stellen unsere politische Haltung nicht demonstrativ zur Schau, wir praktizieren sie.
Was in Galerien und Museen zu sehen ist, macht nur etwa die Hälfte der Arbeit von Slavs and Tatars aus. Die andere Hälfte umfasst Vorträge, kuratorische Projekte, ein Residenzprogramm, die Pickle Bar und Publikationen. Unter anderem stellte das Kollektiv in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Istanbul Modern aus. Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist derzeit ihr großformatiger Wollteppich „Mother Tongues and Father Throats“ zu sehen.
Mehr Informationen: slavsandtatars.com
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]
Lesen Sie mehr zum Thema