Keine Angst vor den Maschinen: Geumhyung Jeongs Cyborg-Roboter
Das Gemälde zeigt einen Geschlechtsakt im Unterholz. Wir sehen eine nackte Frau mit gespreizten Beinen, die von einem wolfsähnlichen Wildtier bestiegen wird. In der Linken hält sie einen Zauberspiegel. Laut Märchen reflektiert er ihre innersten Wünsche. Schaut man genauer, wirkt es, als guckte sie in einem Winkel auf den Spiegel, der ihr wiederum das Biest zeigt, das hier missionarisch hechelt. Ist der Spiegel Mittel der Transgression? Ein spezienübergreifendes Sex-Toy?
Die Wochenendausgabe
Am 5./6. Juni 2021 im Blatt:
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte
Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld
Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht
Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel
https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe
Oder sind es nicht eigentlich wir, die hier in den Spiegel schauen? Die in Rousseaus Gemälde die Natur als Sehnsuchtsort wiedererkennen – als Ort, wo Eros und Thanatos, Symbiotisches und Zerstörerisches zwischen Mensch und Natur versinnbildlicht werden? Genauso wie die kolonialen Phantasmen zwischen Wildheit und Fragilität zur Entstehungszeit des Gemäldes, die ja bis heute nachwirken?
Rousseaus Gemälde hängt in einer luftdichten Glasvitrine, vor Pamela Rosenkranz’ in giftgrünem Neon erleuchteten Werk „Infection“. Rosenkranz hat Kubikmeter kegelförmiger aufgetürmter Erde mit dem Calvin-Klein-Parfum „Obsession for Men“ versetzt, einem Duft, der Sexuallockstoffe von Katzen enthält und zur Anlockung von Raubkatzen eingesetzt wird. Angeblich werden auch Menschen, die mit der von Katzen übertragenen Infektionskrankheit Toxoplasmose infiziert sind, von diesem Duft angezogen. Welch prägnantes Bild für die wechselseitige Beziehung von Sexualität und Infektion, Mensch und Natur, Mensch und Tier und – natürlich – Mensch und Klima.
Selten werden im Kunstbetrieb Altes und Neues so eindrücklich konstelliert, werden Fährten gelegt zwischen scheinbar unverbundenen Epochen und Ausdrucksformen, die uns wie Spürhunde das Gemeinsame ausfindig machen lassen. Neben Sicht- und Riechbarem gibt es hier auch etwas zu hören: Im Hintergrund erklingt „ZURE“, ein Stück des Komponisten Ryūichi Sakamoto. Es ist der Sound eines Konzertflügels, der den Tsunami von 2011 in Japan überstand. Der Klang wirkt wie eine Warnung vor der Gewalt der Natur. Oder wie ein Ausblick auf eine Welt, wo Technisches zu Natürlichem wird, wo Natur nicht mehr nur die zeitlose Bühne bietet, auf der der Mensch Fortschritt inszeniert.
Diese Ausstellung ist voll solcher kleiner Sensationen: etwa auch Pierre Huyghes Aquarium-Biotop, Rachel Roses futuristische Glasskulpturen oder Monira al Qadiris knallbunter Film über Oktopusse. Wie auch immer man zur Natur steht: Man sollte sich die Schau nicht entgehen lassen.
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
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