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Zwischen Sportpolitik und Außenhandel: Die DDR und Afrika im Schwarzatal

Die 1926 gegründete Sportschule im thüringischen Bad Blankenburg war einst ein Zentrum der turnschuhdiplomatischen Auslandsbeziehungen des DDR-Sports.

Daniel Lange
8 Min
Das Handball-Frauennationalteam der Volksrepublik Kongo, die im Februar 1980 in Bad Blankenburg ein Trainingslager absolvierte.

Das Handball-Frauennationalteam der Volksrepublik Kongo, die im Februar 1980 in Bad Blankenburg ein Trainingslager absolvierte.

© Archiv Daniel Lange

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Einst von Turnern gegründet, wurde am 30. Mai 1926 in Bad Blankenburg eine der wohl bedeutendsten deutschen Sportschulen gegründet. Könnten Mauern sprechen, wüsste die historische Tribüne des für Athleten, Wettkämpfe, Verbandsseminare, aber auch für Klassenfahrten und Touristen modern eingerichteten Sportkomplexes aus den vergangenen zehn Dekaden viel zu berichten.

Zu den faszinierendsten Facetten der Geschichte dieses verwunschenen Sportortes am Rande des Schwarzatals gehört, dass er viele Jahre ein außenpolitischer Seismograf der DDR war, als oft Sportler und Funktionäre aus aller Welt zu Lehrgängen und Trainingslagern hierher reisten.

Hatten hier nach 1945 das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund Übungsleiter und Lehrwarte des Betriebssportes ausgebildet, war Bad Blankenburg ab 1957 zur Zentralschule des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) geworden. Bald fanden dort auch Lehrgänge für ausländische Partner statt.

So erhielten 1964/65 198 kubanische Übungsleiter eine fünfmonatige Fortbildung, was 1967 gar auf dem Parteitag der SED zur Sprache kam. Doch rasch erreichten den stetig erfolgreicher werdenden DDR-Sport viel mehr solcher Anfragen aus dem Ausland nach Trainingslagern, als er bewältigen konnte. Dass dies auch Bad Blankenburg betraf, zeigte spätestens 1973 ein drängender Wunsch aus Westafrika.

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Ins Amt geputscht, die DDR anerkannt

Ghanas Staatschef Ignatius Kutu Acheampong hatte sich 1972 ins Amt geputscht, die DDR anerkannt und sich selbst zum Sportminister ernannt. Das Außenministerium der DDR konstatierte: „Oberst Acheampong betrachtet die Entwicklung des Sports (insbesondere des Leistungssports) als einen beachtlichen Faktor zur Stärkung seines Regimes.“

Er wandte sich an SED-Generalsekretär Erich Honecker und hoffte, die DDR würde ghanaische Sportlehrer und Trainer ausbilden. Doch mit Günther Heinze mahnte der im DTSB für Auslandsfragen zuständige Vizepräsident im Oktober 1973 an, dass der DDR ein internationales Trainingszentrum fehle, „solange nicht der endgültige Ausbau der Sportschule Bad Blankenburg erfolgt“. Zumal Schulungen für ausländische Gäste „nicht an unseren zentralen Trainingsstätten erfolgen können“, was dem wachsenden Eigenbedarf des DDR-Sports geschuldet war, aber auch hieß, dass man die Strukturen und Methoden des eigenen Spitzensporterfolgs bei aller stets offensiv postulierten Solidarität auch den damals jungen Nationalstaaten nicht auf einem Präsentierteller frei Haus servieren wollte.

Somit war der abgeschiedene Standort Bad Blankenburg von Vorteil, die Debatte um seinen Ausbau hatte aber einen langen, deutschlandpolitischen Vorlauf. Denn nachdem 1966 die Olympischen Sommerspiele für 1972 nach München vergeben worden waren, intensivierte der westdeutsche Sport seine Afrika-Aktivitäten.

Erreicht hatte die DDR damals schon den Start mit ihrer eigenen Mannschaft bei Olympischen Spielen ab 1968. Doch um ihren noch nicht vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) genehmigten Olympiaauftritt mit eigener Nationalhymne und Staatsflagge ausgerechnet in München zu verhindern (was bekanntlich scheiterte), warben Bonner Funktionäre im Doppelpass mit dem Auswärtigen Amt um Zustimmung für ihre Position im internationalen Sport. Wobei sie die Gunst der damaligen Dritten Welt mit Angeboten für Trainingslager oder Auslandstrainern genauso zu erringen versuchten wie mit intensivierter Entwicklungshilfe. Dennoch gelang es der Bundesrepublik, mit ihrer Hallstein-Doktrin die DDR in weiten Teilen der Welt diplomatisch zu blockieren, was auch im Sport weiter deutlich werden sollte.

Der DTSB sah darin im Spätsommer 1966 eine „reaktionäre Außenpolitik“, um Entwicklungsländer für sich einzunehmen. Es drohe „eine neue Offensive“ gegen den DDR-Sport, die mit energischer internationaler Lobbyarbeit abzuwehren sei, um die BRD im Weltsport als „Hauptstörenfried zu entlarven“. Zudem sollten sich Auswahlteams junger Nationalstaaten vor den Münchner Spielen ebenso „in der DDR akklimatisieren“ können. Moderne Sportstätten waren also gefragt.

Bad Blankenburg, Blick von der Landessportschule auf Burg Greifenstein

Bad Blankenburg, Blick von der Landessportschule auf Burg Greifenstein

© KH/imago

Eröffnungsfeier in Lagos mit DDR-Know-how

Da Sportschulen wie die in Kienbaum oder Grünau meist den eigenen Nationalmannschaften vorbehalten waren, griff man auf die Trainingsstätten in Güstrow und Bad Blankenburg zurück. So fand im Thüringischen im August 1971 ein Trainingslager für afrikanische Länder in Kooperation mit dem Weltboxverband statt, während im Mai 1971 im Mecklenburgischen Nigerias Auswahl im Feldhockey trainierte.

Beide Initiativen waren strategischer Natur. Erstere war eingebettet in die sich damals intensivierende Zusammenarbeit mit dem Obersten Afrikanischen Sportrat, mit dessen Hilfe als Kontinentalverband die DDR in Afrika speziell bei dortigen Nationalen Olympischen Komitees ebenso um politische Sympathien buhlte und dessen Präsident Abraham Ordia Nigerianer war. In seiner Heimat fanden 1973 die Allafrika-Spiele statt, weshalb wie im zweiten Fall kurzzeitig gar ostdeutsch-nigerianische Sportbande geknüpft wurden. Die Eröffnungsfeier der Allafrika-Spiele in Lagos wurde dann auch mit DDR-Know-how konzipiert und vor Ort einstudiert. Aufgrund von sich zuspitzenden Kapazitätsengpässen übernahm das sogar die Armeesportvereinigung Vorwärts.

Denn die sich im deutsch-deutschen Widerstreit gegenseitig hochschaukelnde Auslandsarbeit brachte den DDR-Sport an seine Belastungsgrenzen, aber auch Veränderungen mit sich. Ende 1969 entstand im DTSB ein Stab für nichtsozialistische Länder, das Staatliche Komitee für Körperkultur erhielt eine Auslandsabteilung, der Internationale Trainerkurs der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) wurde erweitert und 1972 das DHfK-Institut für Ausländerstudium gegründet.

Durch solche Entwicklungsschritte ging der DDR-Sport monetär auf dem Zahnfleisch, da 1972/73 neben den Olympischen Sommerspielen in München auch die Olympischen Winterspiele im japanischen Sapporo, die Allafrika-Spiele in Nigeria und die Weltfestspiele der Jugend in Ostberlin mit ihren Sportfesten anstanden. Im April 1971 hatte der DTSB Probleme, „den Gesamtumfang der sportlichen Beziehungen aufrechtzuerhalten und weitere Sportfachkader in Nationalstaaten zu entsenden“.

Prioritäten mussten her. Während der Ausbau der Sportschule Güstrow vorgezogen wurde, wurde Bad Blankenburg 1978 zum internationalen Zentrum. Nicht zuletzt, da dort das bisherige Studienangebot der DHfK auslief und die örtliche Kinder- und Jugendsportschule im Zuge von Konzentrationsmaßnahmen im Nachwuchsleistungssport nach Jena verlegt wurde.

Trainingslager als Produkte des Außenhandels

Im Außenministerium der DDR wurde der Sport nach ihrer internationalen Anerkennung staatlicherseits nicht mehr benötigt und deshalb und aus Kostengründen aus dem Repertoire der Diplomaten gestrichen. Ausländische Sportanfragen (so aus Guinea, Äthiopien, Sudan, Nigeria, Ghana, Libyen, Algerien) waren ab 1975 meist Sache des DTSB, der dafür von der SED-Spitze zusätzliche Ressourcen erhielt. Zum Beispiel eine zweite Auslandsabteilung, jährliche Etats des DDR Solidaritätskomitees für kostenfreie Sportgeräte für die Dritte Welt („Solidaritätsendungen“) oder den Ausbau der Sportschule Bad Blankenburg.

Der DTSB schulte hier auch seine Funktionäre (um ihre „marxistisch-leninistischen Kenntnisse und sozialistischen Grundüberzeugungen zu vertiefen“), aber wichtiger war dort nun die „internationale sportpolitische Tätigkeit“. Einerseits, um mit Fortbildungen für strategisch wichtige Kontinental- und Weltverbände die globale Vernetzung des DDR-Sports weiter zu forcieren. Und andererseits, um Seminare und Trainingslager „für Kader aus dem Ausland als Äquivalent für Maßnahmen dieser Länder für unsere Sportler“ durchzuführen.

Damit war klar, dass auch Trainingslager und Schulungen in Bad Blankenburg für die chronisch klamme DDR zu Produkten ihres Außenhandels wurden (hier kam der Außenhandelsbetrieb intercoop zum Einsatz). Diese sollten Devisen einbringen oder in Tauschgeschäften dafür sorgen, dass Klima- und Höhentrainingslager des Leistungssports in Afrika (etwa in Algerien und Äthiopien) weiter möglich wurden.

Beschwerden über den Theorieunterricht

Immer mehr Entwicklungsländer hatten zuvor oft kostenfreie (und als solidarisch markierte) Sportleistungen der DDR nun immer teurer zu bezahlen, was manch Enttäuschung hervorrief. Hätte die DDR ihre Trainingslager in Afrika in Devisen bezahlen müssen, hätte sie dazu jährlich rund 650.000 Valutamark benötigt. Die Kehrseite: Um Sportstudienplätze, Trainereinsätze oder Trainingslager vermarkten zu können, mussten diese Produkte erst einmal bereitgestellt werden – ein Aufwand, der jährlich mit 4,5 Millionen DDR-Mark zu Buche schlug.

So kam es, dass sich bis 1989 etwa 4000 Trainer, Sportler oder Sportfunktionäre aus Asien, Lateinamerika und oft aus Afrika in der thüringischen Provinz die Klinke in die Hand gaben. Nicht selten erschien ihnen ihr erster Besuch in Europa viel lukrativer zu sein als der sportliche Anlass der Reise. Andere absolvierten dort Kurse als Schiedsrichter oder ihre Vorbereitungen auf die Olympischen Sommerspiele 1980 und 1988.

Stattfindende Wettkämpfe waren immer auch ein interkulturelles Nadelöhr der Begegnung. So kamen die Handballerinnen der Volksrepublik Kongo 1980 nach Bad Blankenburg und gewannen alle ihre Testspiele gegen regionale Betriebssportgemeinschaften.

Manchmal feilschten Länder im Wissen um die Interessen der DDR knallhart um die Aufenthalte in Bad Blankenburg, wie 1983 etwa Äthiopien. Funktionäre aus Angola indes beschwerten sich 1980 über marxistisch-leninistischen Theorieunterricht, den sie doch schon aus ihrer Heimat zur Genüge kannten. Gleichwohl blieb auch in Angola die Reise nach Thüringen gefragt. Als die DDR und Angola noch nach dem Fall der Berliner Mauer ihre letzte Sportkooperation am 22. November 1989 in Luanda unterzeichneten, wurden erneut Trainingslager für Handballer und Leichtathleten in Bad Blankenburg vereinbart. Die Geschichte machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Daniel Lange ist Sportwissenschaftler und Historiker und Vorstandsmitglied der Deutsch-Namibischen Gesellschaft. Zuletzt ist von ihm der Band „Turnschuhdiplomatie“ über die Auslandsarbeit des DDR-Sports in Afrika (1955–1990) erschienen.

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