Zwischentöne

Christian Esch
2 Min

Walter Linse wurde am 25. August 1903 in Chemnitz geboren. Nach dem Jurastudium flüchtete er 1949 aus der DDR." Mit dieser merkwürdig gerafften Biografie - hat der Mann denn ewig studiert? - beginnt ein Faltblatt des Fördervereins der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Es kündigte im Sommer einen "Walter-Linse-Preis" an, zu vergeben alle zwei Jahre, der zur "kritischen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur" und der politischen Justiz der DDR anregen solle. Der Namensgeber war Feind und prominentes Opfer dieser Diktatur: Die Stasi ließ Linse 1952 aus West-Berlin entführen, er wurde in Moskau erschossen.Was aber hatte Linse getan, bevor er Opfer wurde? Das hat den Förderverein nicht so interessiert - wohl aber den Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Martin Gutzeit. Er las in einer im selben Sommer erschienen Linse-Biografie, dieser sei zu NS-Zeiten in der Handelskammer Chemnitz für die Arisierung zuständig gewesen. Dann aber tauge er nicht als Namenspatron, wenn es um Diktatur-Unrecht gehe, warnte Gutzeit.Wie recht er hatte, kann man jetzt erst so recht ermessen. Eine "Kurzexpertise", die der Historiker Klaus Bästlein in Gutzeits Auftrag erstellt hat, korrigiert Benno Kirschs Linse-Biografie Punkt für Punkt. Nun stellt sich alles als noch viel schlimmer heraus: Linse war nicht nur unter anderem mit Arisierungen betraut - es war bis 1941 seine ausschließliche Arbeit. Es war in Chemnitz auch tatsächlich die IHK - und damit Linse - , die de facto die "Entjudung" betrieb. Das traf viele kleine jüdische Textilunternehmen. Linse habe auch nicht einen jüdischen Ingenieur vor der Deportation gerettet, wie Kirsch behaupte, sondern diesen bei der Gestapo angeschwärzt. Und die Widerstandsgruppe, in der Linse gewesen sein soll, gab es wohl nicht - dafür aber war Linse seit 1940 in der NSDAP.Der Förderverein, der schon im August eine Überprüfung des Namens angekündigt hatte, fühlt sich von Gutzeit überrumpelt, ebenso Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte und Mitglied der Preis-Jury. Er zeigt sich von einer ungewohnten Seite. Derselbe Mann, der sonst moralisch so scharf urteilt, mahnt nun zur Milde: Man müsse doch Linses Absichten und Haltung prüfen. Überhaupt komme ihm die neue Expertise interessengeleitet vor; Kirschs Linse-Biografie aber, wiewohl literarisch angehaucht, lasse auch Raum für Zwischentöne. Wir ahnten nicht, dass ausgerechnet Knabe Zwischentöne schätzt.

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