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Eher aus Pflicht, denn aus Neigung unternahm mein Vater Gustav Schmahl seine alljährlichen Konzertreisen durch die DDR-Provinz, um in den Kulturhäusern der Arbeiter- und Bauernmacht die Violinsonaten von Beethoven, Brahms und César Franck zu spielen. Viel lieber gastierte er mit großem Orchester in Dresden und Leipzig als mit seinem Pianisten in Pritzwalk, Kyritz und Rathenow.
Nach dem Studium hatte er sich für die DDR entschieden, weil er es besser machen wollte als die bürgerliche Klasse, aus der er herstammte, und die ihm mitschuldig schien am Dritten Reich. Ein Eliteversagen nannte er die Tatsache, dass die Brücke zwischen den Gebildeten und den Bildungsfernen so tragisch abgerissen war. Man hatte einander nicht mehr getraut und zugehört. Die-da-oben waren so wenig von den Straßenparolen erreichbar gewesen, wie Die-da-unten den Argumenten der Gebildeten zugehört hatten. Als er Kind war, glaubte man es sich in höheren Kreisen leisten zu können, auf den „braunen Pöbel“ nur verächtlich herabzublicken. Worauf die „braunen Horden“ über alles herfielen, das nach Bildungsbürgertum roch.
Das durfte seiner Meinung nach nicht noch einmal passieren. Deshalb bequemte er sich, mit seiner gut verpackten Guadagnini-Geige in der Wartburg-Limousine winters über die Dörfer zu juckeln – zur „Stunde der Musik“ und dem „Konzertwinter auf dem Lande“. Danach berichtete er dann überrascht, wie man ihm auf dem flachen Lande so viel dankbarer zugehört habe, als es das verwöhnte städtische Konzertpublikum tat.
Menschen beim Sommerkonzert im Kloster Chorin, 1983
© imago stock&people
Von Wolf Biermann bis Veronika Fischer
In den mehr als zweitausend Kulturhäusern der DDR gab es diverse Zirkel schreibender, malender, musizierender Arbeiter und Bauern unter sachkundiger Anleitung; es gab Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Volkskunst und Hochkultur, Hochzeiten und Gedenkstunden, Jugendweihen, Frauentags-Feiern, die Ensembles der Betriebe, die Singeklubs der FDJ. Der jazzende Manne Krug, die rockende Vroni Fischer hatten hier ihre Bühne. Günter de Bruyn, Erwin Strittmatter und Volker Braun lasen vor großem Publikum. Der Hafenarbeitersohn Wolf Biermann und der Bergarbeitersohn Stephan Krawczyk gewannen in den Kulturhäusern der Arbeiterklasse erste Lorbeeren und wurden alsbald wieder aus ihnen ausgesperrt. Hier debütierten Künstler, die später mit einem politisch bedingten Arbeitsverbot in den Westen umziehen mussten.
Diese Häuser mit ihren Bibliotheken und Bildungsreihen hatten ein hohes Ideal und ein enges politisches Korsett, dennoch haben sie auch Brücken gebaut zwischen denen, die mehr wissen wollten und denen, die mehr wussten. Die so genannten einfachen Leute ernst zu nehmen: Das war ein anderes Konzept, als sie mit bunter Werbung und Bildzeitungen aller Art abzufüttern. Was ja kein Konzept, sondern eine Art von Ignoranz ist.
Niemand sollte nur den Verdauungssäften des Kapitals ausgeliefert bleiben. Die Wirtschaft braucht uns weder als gute noch als glückliche Menschen. Schon gar nicht als zufriedene, denn Zufriedenheit ist die Todsünde des Kapitalismus. Wenn es im öffentlichen Raum nichts anderes gibt als die Darmzotten der Ökonomie, nichts das mich herausfordert als Mensch – dann ist mir das zu wenig.
Auch Schriftsteller wie Günter de Bruyn lasen in den Kulturhäusern vor großem Publikum.
© Brigitte Friedrich/imago
Die Kulturhäuser fehlen als Kommunikationszentren in Stadt und Land, sie sind abgerissen, umgewidmet worden. Eines der letzten erst vor kurzem: Das Kulturhaus von Ahlbeck, das in seiner repräsentativen Verlorenheit als Baudenkmal einige Berühmtheit erlangt hatte und nun endlich auch geldwert umgenutzt werden darf.
Das waren ja keine Schlösser. Eher die „Salons der Sozialisten“ (so der Titel eines lesenswerten Bildbandes zum Thema). Da wurde also eher die bürgerliche als die Adelskultur beerbt: Das alte sozialdemokratische Projekt der „Volkshäuser“ realsozialistisch gedeutet. Ich fand es ganz normal, in diesen Häusern Menschen aus allen Klassen und Schichten zu begegnen, gleichrangig, wenn auch etwas unterschiedlich fein gekleidet. Es gab da kein Herabschauen auf, kein hinaufschauen zu den Anderen.
Den Künstlern, die in der DDR reüssierten und es dort auch bis zuletzt aushielten, kann man manches nachsagen. Was man ihnen nicht vorhalten kann: Dass sie sich an ein elitäres Publikum richteten. Das war nicht vorgesehen: Nischenkunst, Kunst für Kunstkenner, für Spezialisten. Tendenziell sollten immer alle angesprochen werden. Auch wenn das für die Vielen herausfordernd war: Diese Herausforderung war Konzept und trug eine humane Entwicklungschance in sich.
Ein Ort für Hochzeiten und Bandproben
Die Kulturhäuser waren keine Kunst-Konsumtempel, sie waren stets Angebot und Aufforderung, mitzutun, sich in der Kunst, der Sphäre des höheren Menschseins zu erproben und zu bilden. Auch eine Art von Kirchenersatz. In einem Kulturhaus habe ich geheiratet. Habe mich dort in der Schubert-Liedbegleitung geübt und mit der städtischen Singakademie das Mozart-Requiem einstudiert. Das waren feierliche Räume mit niedriger Schwelle. Wenn man hier abends zum Essen ging, begegnete man vielleicht den jungen Leuten auf dem Weg zur Band- oder Ballettprobe. Und immer hingen ein paar farbfrische Bilder an der Wand. Im „Haus der DSF“ (der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft), haben wir als Schüler die aktuellen Songs von Bob Dylan, Joan Baez und den Beatles gesungen, bis ein Aufpasser auf die Idee kam, die pazifistischen Texte zu beanstanden. Wir waren der Pflicht-Kulturteil am wöchentlichen Tanzabend.
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Die „geheime“ Ortspolitik der DDR: Sich dagegen zu wehren, war ausgeschlossen
Die Kulturhäuser von einst gibt es nicht mehr. Wo sie noch existieren, gastiert zumeist die immer gleiche Bespaßung. Interessanter sind jetzt die kleinen Kulturorte, die ohne das Geld, aber auch ohne die Gängelung einer Staatspartei auskommen. Sie gründen sich auf Vereine, Privatinitiativen, werden auch kommunal gefördert. Und scheinen lebendiger, wandlungsfähiger als die offizielle, hoch subventionierte Kulturszene.
Initiativen von unten, die nicht im Plan standen, hat die Staatspartei als Eigenmächtigkeit und Wildwuchs grundsätzlich beargwöhnt. Das Misstrauen des Staates gegenüber kulturellen Unternehmungen ist geschwunden, allerdings auch das staatliche Interesse an „Kultur- und Bildungsplänen“ in den Betrieben, an „kulturellen Masseninitiativen“ wie den jährlichen Arbeiterfestspielen.
Graswurzelei in entwidmeten Telefonzellen
Ein Myzelium von Kontakten und Synergien lässt nun allerorts die Projekte wie Pilze austreiben. Statt des einen zentralen Kulturpalastes gibt es viele kleine Kulturstuben, -garagen, -scheunen, -kirchen, -fabriken. Ich erlebe Musiker, Vorlesende auf vernachlässigten Parkbänken, in leerstehenden Innenstadtgeschäften. Entwidmete Telefonzellen als Buchtauschzentren und Erstveröffentlichungsorte für die Druckwerke namenloser Autoren. Graswurzeleien, meist ohne Geld und öffentliche Aufmerksamkeit. Oft kurzlebig, aber lernfähig und beim dritten Versuch dann tatsächlich Wurzeln schlagend.
Die ehemals zuständigen Institutionen gibt es nicht mehr. Aber die entleerte Einkaufsstraße gibt es, den vernachlässigten Park, die alte Scheune, den ungenutzten Bahnhof, das Gasthaus mit dem prächtigen verstaubten Tanzsaal. Das heruntergekommene Gutsschloss.
Ein Mann liest vor einer Bücherbox.
© Sonja Marzoner/dpa
Theater im ehemaligen Kaufhaus
Das hab ich schon selbst erlebt, das kenne ich aus eigener Erfahrung: Gut besuchte Lesungen mit Regina Scheer oder Ingo Schulze in der ehemaligen Schule des Fünfhundert-Seelen-Dorfes Wittbrietzen, die von zwei Berliner Künstlerinnen bewohnt und für aller Art Kunst geöffnet ist. In der Stadtrandgemeine Kleinmachnow haben die ansässigen Künstler aus einem ungenutzten Landarbeiterhaus ihre Galerie gestaltet, in der Remise werden Kurse angeboten. In Petzow und Meßdunk, wurden Kirchen umgewidmet und dienen nun den Künstlern der Umgebung mit ihrer besonderen Atmosphäre. In Werder wird das ehemalige Kaufhaus als Theater genutzt und als nahezu mondänes Café, das an zwei Abenden der Woche Tanz und eine für jedermann offene Bühne bietet. Im Kunsthaus Koldenhof, mitten im wunderschönen Nirgendwo der mecklenburgischen Seenplatte, hat auch Katja Lange-Müller schon gelesen. In einer ehemaligen Pferdekutschen-Remise der Potsdamer Innenstadt hat sich ein Galerie-Café eingenistet mit Life-Musik, Lesungen, wechselnden Ausstellungen. Der Kulturort liegt inzwischen in einer teuren Wohngegend, hier begegnen sich alte Genossen und zugezogene „Westler“, man toleriert oder befreundet sich.
Kunst aus der DDR: In Jena gibt es eine Ausstellung der Superlative
Es verwächst sich. Statt der namhaften Staatskünstler, statt der vielgelesenen kritischen Autoren der DDR, statt der Künstlerikonen gibt es nun zu viele von ihnen, um sich auch nur die Namen merken zu können. Diversifikation. Im Osten hat man gelernt, sich selbst zu organisieren. Kleinteilig, mühselig, aber ohne jene Machtgebärde, die eine gültige Kultur von einer feindlich-negativen scheidet. Eine inoffizielle Gruppendynamik stellt sich ein, denn ab einer bestimmten Teilnehmerzahl würde der Ton wie von selbst offiziös.
Das ist nun weit entfernt von der Dramatik und öffentlichen Aufmerksamkeit, die Lesungen in Zeiten des Kalten Krieges haben konnten, Säle, die von der Stasi besetzt oder versperrt wurden, drängende Massen, Angst vor Verhaftung, wie sie von Christa Wolf, Stefan Heym oder Freya Klier berichtet wurden. Der Überdruck ist raus aus der ostdeutschen Kultur, was ich jetzt erlebe, ist wohl so etwas wie eine kulturelle Normalität. Ohne die sozialistische Bildungsambition und Gängelung.
Die historische Dorfkirche in Petzow dient nun Künstlern der Umgebung mit ihrer besonderen Atmosphäre.
© Ina Hensel/imago
Wirtschaft ist Mittel, Kunst ist Zweck, das ist so ziemlich außer Betracht geraten. Die Existenzbedingungen deutscher Künstler sind im Durchschnitt so erbärmlich, dass sie sich entbehrlich fühlen könnten. Tendenziell ist ihre Arbeit kein privates Hobby, ihre Hervorbringungen sind kein Zierrat, sondern verantwortlich für das Bild des Zeitgenossen mit seinen Versehrungen und seinem utopischen Glanz, nach dem ich immer wieder auf der Suche bin, wenn ich die Galerien durchstreife und mich über die Büchertische beuge. Die Effizienz der Künste lässt sich weder messen noch in Zahlen ausdrücken. Doch mein Menschenbild wäre zur Unkenntlichkeit verwischt, unkenntlich wäre ich mir selbst als Zeitgenosse ohne die Künste.
Martin Ahrends, 1951 in Berlin geboren, war zwischen 1986 und 1994 Redakteur und freier Mitarbeiter der Wochenzeitung Die Zeit. Seither arbeitet er als freier Autor. Neben publizistischen Arbeiten schreibt er auch literarische Texte: Seine Erzählungen, Essays, Romane u. a. sind bei bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, bei Wallstein in Göttingen und im Aufbau Verlag Berlin erschienen.
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