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Sie kennen die DDR-Geschichte nicht: Theaterveteran Siegfried Wein geht mit Rezensenten hart ins Gericht

Die Kritiken zu „On Air On Fire“ im Theater an der Parkaue bleiben an der Oberfläche der Gegenwart kleben. Ist es Nichtwissen oder Nichtwissenwollen? Eine zornige Randnotiz.

Siegfried Wein
5 Min
Ilona Raytman in „On Air On Fire“ im Theater an der Parkaue

Ilona Raytman in „On Air On Fire“ im Theater an der Parkaue

© Martin Müller/Imago

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Vor wenigen Tagen hatte das Spiel „On Air On Fire“ nach dem Text von Marion Brasch am Theater an der Parkaue seine Premiere. Rezensenten verschiedener Zeitungen schenkten dieser Arbeit ihre Aufmerksamkeit. Es geht um die letzten Tage des Jugendsenders DT64 und um die Proteste gegen seine Schließung.

In den Kritiken wird die Aktualität der damaligen Ereignisse hervorgehoben, zumal auch heute wieder Jugendeinrichtungen, sofern sie nicht der Kriegsertüchtigung dienen, von Kürzungen und Schließungen bedroht sind. So weit, so gut – oder auch nicht. Erstaunlich aber ist, wie sich selbst die offensichtlich gut gemeinten Berichte dem offiziellen DDR-Bild unterordnen. Ist es Nichtwissen oder Nichtwissenwollen, wer kann das schon unterscheiden?

So erfährt der erstaunte ehemalige DDR-Bürger von Katja Kohl in der taz, dass DT64 als „Junge Welle von Radio DDR“ gegründet worden sei. Aha! Dass dieser Sender, wie aus seinem Kürzel eigentlich unverkennbar, 1964 anlässlich des letzten Deutschlandtreffens in Berlin entstand, scheint dieser Journalistin entgangen zu sein. Mit einer kleinen, unaufwendigen Recherche hätte sie erfahren können, dass DT64 ursprünglich zum Berliner Rundfunk gehörte und dessen Jugendstudio war. Dabei hätte sie möglicherweise auch gelesen, weshalb die Unterstützung der Hörer für diesen Sender „schier unglaublich war“.

Das klingt so herrlich nach Diktatur

Nebenbei notiert Frau Kohl die Gründung des Theaters als „Theater der Freundschaft“ am 16. November 1950, also vor fast genau 75 Jahren. Aber wer hat es gegründet, wie kam es dazu und warum trägt es nicht mehr diesen Namen? All das scheint sie nicht zu bewegen.

Saal im Theater an der Parkaue

Saal im Theater an der Parkaue

© Thomas Trutschel/dpa

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In ihrer Besprechung auf Nachtkritik.de zum gleichen Stück berichtet Elena Philipp, dass das DT64, diese „Power von der East Side“, selbstverständlich mit dem klaren Ziel gegründet worden sei, die „Jugend im Sinne des Sozialismus zu indoktri-, Pardon, informieren“. Für sie ist DT64 (natürlich kann auch sie mit diesem Namen wenig anfangen) Teil des „DDR-Staatsfunks“, dessen Abwicklung sie erst gar nicht hinterfragt. Auch sie verweist auf den 75. Jahrestag der Gründung des Theaters, die in „einem anderen Land“ erfolgte und das „Teil eines Pionierhauses für die DDR-Jugend“ gewesen sei. Das klingt so herrlich nach Diktatur. Wenigstens vermeidet sie die vor einiger Zeit im ZDF getroffene Bezeichnung von einem „Hauptquartier der Jungen Pioniere“.

Tatsächlich aber war das Theater an keinem Tag Teil des Zentralen Pionierhauses. Es war von Beginn an ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater und gehörte zur ASSITEJ, der internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche.

Das muss man vielleicht nicht unbedingt wissen. Bezeichnend aber ist, dass in keinem der genannten Artikel der Name des Gründers des „Theaters der Freundschaft“ genannt und ebenso wenig berichtet wird, warum und wann aus dem international anerkannten „Theater der Freundschaft“ erst das „Carrousel-Theater“ und dann das Theater an der Parkaue wurde.

Die Idee eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters

Theatergründer ist der Kommunist und Jude Hans Rodenberg. Er setzte sich, zurückgekehrt aus der Emigration in der Sowjetunion, für dieses Theater ein und wurde dessen erster Intendant. Da das Theatergebäude noch nicht fertig geworden war, hatte die Eröffnungsinszenierung „Du bist der Richtige“, ein Stück von Gustav von Wangenheim, eben am 17. November 1950 Premiere im heutigen Palais am Festungsgraben.

Rodenberg folgte mit der Idee eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters, bisher gab es das in Deutschland nicht, Natalia Saz, die er in Moskau kennen und möglicherweise auch lieben gelernt hatte. Ihr, all das kann man in den „Novellen meines Lebens“ nachlesen, wurde von dem Volkskommissar Anatoli Lunatscharski, da war sie noch ein junges Mädchen, Aufbau und Leitung eines solchen Theaters übertragen.

Professor Hans Rodenberg, Mitglied des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Stellvertreter des Ministers für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik, 1961

Professor Hans Rodenberg, Mitglied des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Stellvertreter des Ministers für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik, 1961

© Bundesarchiv, Peter Heinz Junge via wikimedia commons

Was war falsch an „Freundschaft“?

Sie, Jüdin, Tochter eines bekannten Komponisten, befreundet mit Albert Einstein, Max Reinhardt und Otto Klemperer, war es auch, die Sergei Prokofjew zu der musikalischen Erzählung „Peter und der Wolf“ anregte.

Selbstverständlich haben diese Geschichten in einer aktuellen Theaterrezension keinen Platz. Wenn aber von der Gründung dieses Theaters gesprochen wird, sollte an seinen Gründer gedacht werden, gleich wie man heute sein Leben be- oder auch verurteilt.

Es sollte ebenso nicht verschwiegen werden, dass das Theater mit dem Übergang von dem einen in das andere Land gezwungen wurde, seinen Namen „Freundschaft“ abzulegen. Bereits damals, als man offiziell noch russischen Staatslenkern dafür dankte, die deutsche Einheit ermöglicht zu haben, war den Vertretern des Senats dieser Name und damit möglicherweise der Gedanke an eine Freundschaft mit Russland, mit russischer Kultur anrüchig, nicht „vermittelbar“.

Und wie nun bewältigen die Heutigen diese Geschichte? Am besten verschweigen, ein wenig denunzieren und genüsslich von der Ex-DDR und ihren unaushaltbaren Zuständen sprechen.

Siegfried Wein war von 1983 bis 1985 Chefdramaturg am Theater der Freundschaft, von 1985 bis 1990 Intendant an diesem Theater, 1990 wiederum Intendant am Theater im Palast. Von 1990 bis 2000 brachte er sich als Mitgründer und Intendant am Theater im Palais (Palais am Festungsgraben, Unter den Linden) ein.

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