Chemieindustrie

Energiekrise und Iran-Krieg: Wie Leuna ums Überleben kämpft

Der Chemiepark Leuna steht vor einer existenziellen Krise: Die Folgen des Iran-Kriegs gefährden Arbeitsplätze und die Industrie.

OAZ
4 Min
Hat spätestens seit 2022 mit zahlreichen Krisen zu kämpfen: Der Chemiepark in Leuna.

Hat spätestens seit 2022 mit zahlreichen Krisen zu kämpfen: Der Chemiepark in Leuna.

© Olaf Döring/IMAGO

Der Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt, einst ein Symbol industrieller Stärke und des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, steht vor einer existenziellen Krise. Die Insolvenz des dort ansässigen Unternehmens Domo Chemicals zeigt, wie verwundbar die europäische Chemiebranche in Zeiten steigender Energiekosten und globaler Unsicherheiten ist. Mit der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten droht sich die Lage weiter zu verschärfen.

Die Insolvenz von Domo Chemicals, einem belgischen Unternehmen, das Nylon aus Benzol herstellt, kam für den Geschäftsführer des Chemieparks, Christof Günther, laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg überraschend. Während der Ukrainekrieg und die steigenden CO₂-Preise in der EU bereits die Energiekosten in die Höhe getrieben hatten, verschärfen die jüngsten US-amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran die Situation weiter. Die Gaspreise in Europa verzeichneten den stärksten Wochenanstieg seit der Energiekrise 2022, und die monatlichen Gasrechnungen für den Chemiepark sind laut Günther von sechs Millionen Euro vor dem Ukrainekrieg auf mittlerweile 17 Millionen Euro gestiegen.

„In der Praxis werden wir die Stilllegung von Chemieanlagen erleben“, sagt Günther. Dies gefährdet nicht nur die 500 Arbeitsplätze bei Domo, sondern auch die Zukunft des gesamten Chemieclusters. „Die chemische Industrie und die energieintensiven Branchen in Deutschland befinden sich in einem akuten Notstand.“

Gefährlicher als die Krise im Automobilsektor

Der Chemiepark Leuna, ein Jahrhundertprojekt mit über 150 Kilometern Infrastruktur, ist ein Paradebeispiel für die engen Verflechtungen innerhalb der Chemieindustrie. Die Unternehmen am Standort teilen sich Energieerzeugung, Abfallentsorgung und Infrastruktur – ein System, das effizient ist, aber in Krisenzeiten anfällig. Fällt ein Betrieb aus, geraten die anderen unter Druck, ihre Kosten zu decken. Günther und der vorläufige Insolvenzverwalter konnten eine Notfinanzierung des Landes Sachsen-Anhalt sichern, um eine unkontrollierte Stilllegung zu verhindern. Doch die staatlichen Mittel sind nur bis Ende März zugesichert, und die Suche nach einem Investor gestaltet sich schwierig.

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Die Probleme von Domo sind Teil eines größeren Trends: Seit dem Ukrainekrieg haben sich die Insolvenzen in der deutschen Chemiebranche verdoppelt. Laut einer Studie im Auftrag des Branchenverbands Cefic sind die Investitionen in den Sektor um mehr als 80 Prozent eingebrochen. Dies gefährdet die gesamte deutsche Industrie, die auf chemische Vorprodukte angewiesen ist. „Die Bedrohung für die Chemieindustrie ist für Deutschland gefährlicher als die Krise im Automobilsektor“, warnt Joachim Ponseck, Restrukturierungsexperte bei Baker McKenzie.

Auch der geopolitische Konflikt im Nahen Osten hat direkte Konsequenzen für die europäische Chemiebranche. Die EU hat eine Energie-Taskforce eingerichtet, um mögliche Störungen in der Öl- und Gasversorgung abzufedern. Doch schon jetzt ist klar, dass die Branche tiefgreifende Veränderungen durchmachen muss, um langfristig bestehen zu können. Die Abhängigkeit von russischen und nahöstlichen Energieressourcen erweist sich in der neuen geopolitischen Situation als Achillesferse. Die Hälfte der weltweiten Chemieumsätze findet mittlerweile in China statt – ein Zeichen dafür, dass sich der globale Schwerpunkt nach Osten verlagert.

Alles steht in Flammen

Trotz der düsteren Aussichten gibt es aber auch Lichtblicke: Neuinvestitionen wie die des Start-ups MicroHarvest oder der Biochemiesparte von UPM-Kymmene könnten mittelfristig für Stabilität sorgen. Zudem haben Bund und Länder 1,2 Milliarden Euro für ein Forschungsinstitut in der Nähe von Leipzig zugesagt, das die Branche nachhaltiger machen soll. Doch bis diese Projekte Früchte tragen, bleibt die Lage in Leuna brisant.

Für die Menschen in der Region, die seit Generationen von der Chemieindustrie leben, bedeutet die Krise einen tiefen Einschnitt. „Die im Nahen Osten getroffenen Ölraffinerien sind unsere Lebensadern“, sagt Manuela Grieger, die seit 1977 im Chemiepark arbeitet. „Grundsätzlich glaube ich, dass aus Zerstörung Neues entstehen kann. Aber im Moment sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels.“ „Ich habe mir die Zeit nach der Wiedervereinigung anders vorgestellt“, sagte sie laut Bloomberg. „Alles steht in Flammen, und es gibt keinen Lichtblick – das bin ich nicht gewohnt.“

In einer Region, in der die AfD laut Umfragen fast 40 Prozent erreicht, wird die Krise auch politisch zum Pulverfass. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Leuna sich erneut als Symbol für den Wiederaufbau erweisen kann – oder ob der Chemiepark zu einem weiteren Opfer der globalen Energiekrise wird.

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