Radsport

Radprofi Max Kanter: Acht Jahre Geduld für 200 Meter

Fast ein Jahrzehnt fuhr Max Kanter als Radprofi durch die halbe Welt, ohne je ein Worldtour-Rennen zu gewinnen. Dann kam Paris–Nizza – und 200 Meter, die alles veränderten.

Alexander Angierski
Alexander Angierski
9 Min
Völlig fertig: Max Kanter kann seinen ersten Worldtour-Sieg gar nicht fassen.

Völlig fertig: Max Kanter kann seinen ersten Worldtour-Sieg gar nicht fassen.

© Nico Vereecken/imago

60 Meter vor dem Ziel weiß Max Kanter, dass es reichen könnte. Seine Oberschenkel brennen. Das Dröhnen des Feldes um ihn herum ist wie ein einziges Rauschen, das alles verschluckt. Kanter ist im Tunnel: Nichts sehen, nichts hören, nur in die Pedale treten. Er spürt die Gegner in seinem Nacken, aber er lässt den Gedanken nicht zu. Den Gedanken, dass es vielleicht wieder nicht klappen könnte.

„Im Sprint kann auf dem letzten Meter noch jemand vorbeistecken“, sagt er im Gespräch mit der OAZ. Also Kopf runter, weitertreten. Erst als das Vorderrad die Linie überquert, lässt Kanter los und den Tränen im Ziel freien Lauf. Am 9. März 2026 gewinnt Max Kanter die zweite Etappe von Paris–Nizza, einem der prestigeträchtigsten Etappenrennen im Radsport. Sein erster Sieg auf der Worldtour, der höchsten Ebene des Profiradsports. Nach acht Jahren als Profi.

Zwei Wochen später sitzt Kanter in Pirna, wo er lebt und trainiert, und erzählt davon, als müsse er sich selbst noch überzeugen, dass es wirklich passiert ist. Die Wochen vor dem Rennen waren nicht gut. Krankheitsphasen, keine Form. „Meine Trainer haben Paris–Nizza eher als Aufbaurennen für die Frühjahrsklassiker gesehen“, sagt Kanter. Kein Rennen, bei dem man mit einem Sieg rechnet.

Dann der Tag der zweiten Etappe. Das Finale ist chaotisch, voller Kreisverkehre, technisch anspruchsvoll. Ein organisiertes Lead-out mit dem ganzen Team ist nicht möglich. Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte Kanters Anfahrer Mike Teunissen nur gesagt: „Wir müssen heute freestylen.“

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1,2 Kilometer vor dem Ziel übernimmt der erfahrene Niederländer dann die Führung und fährt seinen Teamkollegen in einer langen Anfahrt bis auf 200 Meter an die Ziellinie heran. Kanter startet den Sprint. Ein ungewöhnlich langer Antritt. „Ich bin null eingegangen“, sagt er. „Ich hatte krasse Beine an dem Tag.“ Die Erfahrung aus acht Jahren habe den Unterschied gemacht.

Cottbus: Wo der Radsport beginnt

Privat ganz nett: auf der Rennstrecke gelten aber andere Gesetze.

Privat ganz nett: auf der Rennstrecke gelten aber andere Gesetze.

© XDS Astana

Max Kanter, geboren am 22. Oktober 1997 in Cottbus, ist ein Kind des ostdeutschen Sportsystems. Beim RSC Cottbus lernt er ab 2008 das Rennfahren. Die Lausitzer Sportschule, die auch Bahnrad-Weltklasse wie Emma Hinze hervorgebracht hat, formt ihn. Hier wird nicht nur trainiert. Hier wird erzogen. „Wer schulisch nicht gepasst hat, wurde nicht zum Rennen mitgenommen“, erinnert sich Kanter. Die Disziplin ist streng, der Jahrgang stark. Nikias Arndt und Lennard Kämna kommen ebenfalls aus diesem System.

Doch die wenigsten schaffen von hier den Sprung in die Worldtour. „Den richtigen Spagat zu finden – bildungstechnisch in ein sicheres Standbein zu investieren, ohne den Anschluss im Training zu verlieren – das ist extrem schwer“, erzählt der 28-Jährige.

2014 und 2015 wird Kanter Deutscher Juniorenmeister in der Mannschaftsverfolgung auf der Bahn, dazu holt er Bronze im Omnium, dem Mehrkampf, bei der Junioren-WM. 2017 und 2018 folgen die U23-Meistertitel auf der Straße. Aber sein Ziel ist die Worldtour. Der Weg dorthin führt über das LKT Team Brandenburg, eine Art Brücke zwischen Nachwuchs und Profisport. 2016 wechselt Kanter dorthin, im selben Jahr wird er Stagiaire beim Team Sunweb – eine Art Praktikant oder Gastfahrer, der für wenige Wochen mit dem Profiteam mitfährt. Als 18-Jähriger steht er plötzlich neben Worldtour-Profis.

„Sunweb hatte damals bewusst einen deutschen Fokus“, erzählt Kanter. Das Team organisierte „Deutsche Talenttage“ und brachte begabten Nachwuchs aus dem ganzen Land zusammen. Lennard Kämna und Nikias Arndt schafften den direkten Sprung ins Profiteam. Kanter selbst fuhr zunächst mit Florian Stork im Nachwuchsteam von Sunweb. Eine Struktur, die funktionierte – und die es so heute nicht mehr gibt. Zwar existiert das Team unter dem Namen Picnic PostNL noch, aber ohne den bewussten deutschen Fokus.

Die fehlende zweite Liga

Es ist das Thema, bei dem Kanter am deutlichsten wird: In Deutschland fehlt ein starkes Pro-Kontinentalteam – eine zweite Liga, die Talenten den Übergang in die Worldtour ermöglicht. Sein ehemaliges Team LKT Brandenburg, die Brücke, die ihn einst in den Profisport brachte, existiert nicht mehr. „Das fehlt auf jeden Fall“, sagt er. In Ostdeutschland gibt es mit dem Thüringer Team Benotti Berthold nur noch ein einziges Continental-Team – und das sucht seit dem Ausstieg des langjährigen Partners P&S Metalltechnik nach neuen Sponsoren. In der deutschen Hauptstadt versucht das Team Standert, junge Talente aus Berlin und Brandenburg zu fördern – doch als Bundesliga-Team ist es schwer, Fahrer wirklich an die Profis heranzuführen.

Gleichzeitig hat sich das Scouting verändert. Worldtour-Teams beobachten heute schon 16- und 17-Jährige. Kanter selbst wurde erst mit 18 für Sunweb entdeckt. Wer sich nicht sofort beweist, fällt durchs Raster. „Heute gehen U19-Fahrer direkt in den Profibereich hoch“, sagt Kanter. Das Angebot für Jugendliche sei riesig, der Radsport müsse um Aufmerksamkeit kämpfen. Wer es schaffen wolle, brauche „den absoluten Willen“ – aber auch die Klugheit, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Denn die wenigsten schaffen es am Ende zum Profi. Den Spagat zwischen Ausbildung und Training zu halten, ohne den Anschluss zu verlieren, sei extrem schwer. Kanter selbst wurde mit 23 noch gefragt, ob die Worldtour nicht zu früh für ihn sei. Die neue Generation hat diese Frage längst beantwortet: Top-Fahrer kämpfen heute schon mit Anfang 20 um die ganz großen Siege.

Drei Teams, acht Jahre, kein Worldtour-Sieg

Das Team Sunweb im Jahr 2020: Hier lernte Max Kanter, wie man sich in der Worldtour bewegt.

Das Team Sunweb im Jahr 2020: Hier lernte Max Kanter, wie man sich in der Worldtour bewegt.

© Sirotti/imago

Von Sunweb, die sich zwischendurch in DSM umbenannten, ging es 2022 zu Movistar, wo der Durchbruch aber ausblieb. Nicht überraschend, bei einem spanischen Team, das vor allem mit starken Leistungen in den Bergen auffällt, nicht aber mit Sprint-Siegen. In den Medien nannten Kanter manche schon den „ewigen Zweiten“. Immer nah dran, immer Top-Platzierungen, aber nie der Sieg.

Nach zwei Jahren folgte der Wechsel zum Astana Qazaqstan Team. Der kasachische Rennstall existiert seit 2007, geführt wird er vom ehemaligen Jan-Ullrich-Teamkollegen Alexander Vinokurov. Seit vergangenem Jahr tritt das Team als XDS Astana auf.

Befreiungsschlag im Jahr 2024: Bei der Presidential Cycling Tour of Türkiye sichert sich Max Kanter seinen ersten Profisieg.

Befreiungsschlag im Jahr 2024: Bei der Presidential Cycling Tour of Türkiye sichert sich Max Kanter seinen ersten Profisieg.

© Harun Özalp/imago

Erst hier hat Kanter sein Zuhause gefunden. Das Team kennt seine Stärken und Schwächen, und der Cottbuser hat dort angefangen, Rennen zu gewinnen. 2024 sein erster Profisieg: eine Etappe bei der Presidential Cycling Tour of Türkiye. 2025 dann die Famenne Ardenne Classic. Starke Leistungen, aber noch nicht der ganz große Wurf auf Worldtour-Ebene. Punktetechnisch war 2025 trotzdem Max Kanters bestes Jahr als Profi.

Aber es hatte auch eine bittere Seite: Beim Giro d’Italia kam es im Sprint der vierten Etappe zu einer vieldiskutierten Kontroverse mit dem dänischen Top-Star Mads Pedersen: Kanter wurde nach einer Berührung im Finale deklassiert und erhielt eine Gelbe Karte. „Man muss die Entscheidung der Jury akzeptieren“, sagt er dazu nur. Es war ärgerlich, aber der Blick ging nach vorn.

„Veränderungen sind gut, aber nicht immer förderlich. Wenn man sich wohlfühlt, sollte man das beibehalten“, kommentiert Kanter die Verlängerung seines Vertrages bei Astana Ende letzten Jahres um weitere zwei Jahre. Er habe ein Standing im Team und wolle lieber an kleinen Stellschrauben drehen, statt alles auf Anfang zu setzen.

Moneyball im Peloton

Wenn es der Terminkalender zulässt: Max Kanter stattet der Bahn immer noch gerne einen Besuch ab.

Wenn es der Terminkalender zulässt: Max Kanter stattet der Bahn immer noch gerne einen Besuch ab.

© Arne Mill/imago

Diese kleinen Stellschrauben sind größer, als sie klingen. Im Winter 2025/26 hat sich bei Astana vieles verändert. Mehr Investition in Ernährung, Physiotherapeuten, Osteopathen. Aktivierungsroutinen vor jedem Rennen. Und vor allem: ein neuer Mitarbeiter aus dem IT-Bereich, der für jeden Fahrer ein individuelles Rennprogramm erstellt hat. Optimiert auf maximale Punkteausbeute. „So eine Art Moneyball“, sagt Kanter und grinst.

Das System hat funktioniert. Anfang 2025 befürchteten viele den Abstieg des Teams. In der zweiten Saisonhälfte punktete Astana dann massiv, die datengetriebene Planung hat aus begrenzten Mitteln das Maximum herausgeholt.

Auch Kanter selbst hat sich verändert. Die Ernährungswissenschaft im Radsport habe sich komplett gedreht, sagt er. Weg von Low Carb, hin zu maximaler Kohlenhydratzufuhr. Gleichzeitig sei er gelassener geworden. „Ich gönne mir auch mal ein Stück Kuchen“, sagt er. Diese Lockerheit helfe ihm. Er habe gelernt, den Schalter zwischen Rennmodus und Ruhe zu Hause besser umzulegen.

Pirna: Trainieren in der Sächsischen Schweiz

Diesen Schalter legt Kanter in Pirna um. Er lebt dort, und er ist dort glücklich, das merkt man. Die Sächsische Schweiz sei ideal zum Trainieren, wenig Verkehr, Berge in passender Länge. „Ich brauche keine Berge, die eine Stunde lang sind“, sagt Kanter. Als Sprinter reichen ihm die Anstiege der Region. Im Sommer sei das Wetter stabil und gut. Im Winter bleibt er im Flachland oder fährt auf der Rolle.

Ein Weltklasse-Sprinter, der in der Sächsischen Schweiz trainiert. Der morgens an der Elbe seine Grundlage fährt und zwei Wochen später in Südfrankreich um Worldtour-Siege sprintet. Man muss nicht nach Mallorca oder in die Alpen, um zu trainieren – Pirna reicht.

Max Kanter ist jetzt 28. Ein Sprinter erreicht seinen Zenit oft im Alter zwischen 28 und 32. Die besten Jahre könnten also noch kommen. Paris–Nizza hat gezeigt, dass Kanter auf diesem Niveau mithalten kann. Nicht als Lückenfüller, nicht als ewiger Zweiter, sondern als Sieger.

Was ihn von anderen unterscheidet, ist nicht die Explosivität in den Beinen. Es ist die Geduld: acht Jahre warten, drei Teams, hunderte Sprints, in denen es nicht gereicht hat. Und dann, an einem chaotischen Nachmittag in Südfrankreich: 200 Meter, die alles zusammenbringen. 60 Meter vor dem Ziel den Gedanken nicht zulassen, dass es wieder nicht reichen könnte. Und dann über die Linie fahren, als Erster.

„Im Sprint kann auf dem letzten Meter noch jemand vorbeistecken“, hat Max Kanter gesagt. An diesem Tag steckte niemand mehr vorbei.

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