Reportage

Usedom am Scheideweg: 30 Jahre Tourismusindustrie stehen auf dem Spiel

An der Ostseeküste floriert der Tourismus wie selten zuvor. Doch das ist der Scheitelpunkt eines Booms. Hoteliers, Gastronomen und Gründer fürchten um das, was sie seit der Wende mühsam geschaffen haben.

16 Min
Logenplatz am Meer: Die neue Seebrücke in Koserow (eröffnet 2021) zieht schon im Frühjahr täglich Hunderte Besucher an.

Logenplatz am Meer: Die neue Seebrücke in Koserow (eröffnet 2021) zieht schon im Frühjahr täglich Hunderte Besucher an.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Auf dem Schild steht: „Udo’s Fischbrötchen, Räucherware ab 10 Uhr.“ Es ist kurz nach zwölf. Aber kein Rauch, kein Buchenholzduft, kein Udo. Nur drei Nebelkrähen, die Krallen tief im nassen Sand. Hinter ihnen liegen zwei Holzboote unter Planen. Die Ostsee schiebt flache Wellen an den Strand. Eine Joggerin taucht auf, Kapuze tief im Gesicht, läuft durch das Bild und ist wieder weg.

Nichts deutet an diesem Märzmorgen auf das hin, was in wenigen Wochen über die Küstenorte von Usedom hereinbrechen wird. Im Hintergrund schrauben, streichen und rechnen bereits ganze Kolonnen an den Vorbereitungen für die Hochsaison. Doch was drei Jahrzehnte lang verlässlich funktionierte und Wachstum brachte, könnte schneller kippen, als es derzeit den Anschein hat – selbst in einer Region, die bislang als vergleichsweise krisenfest galt. Betriebe, die der nächsten Generation übergeben werden sollen. Fachkräfte, die der Branche den Rücken kehren. Und ein Nachbar im Osten, der rasant aufholt.

Der Mythos Usedom

Schon im 19. Jahrhundert entdeckte die Berliner High Society die Insel als ihr Seebad. Die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin wurden zu Synonymen für mondäne Sommerfrische – weiße Villen, Seebrücken, Strandkörbe in der Abendsonne.

In der DDR verwandelte sich Usedom dann in einen Sehnsuchtsort der anderen Art: Millionen Urlauber strömten an die Küste, zahlreiche Kombinate und Unternehmen wie die Wismut AG unterhielten in Zinnowitz ihre eigenen Ferienstandorte, Betriebsferienheime säumten die Promenaden. Die Sehnsucht blieb – über die Wende hinaus.

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Heute stehen hinter diesem Ausnahmegefühl handfeste Zahlen. Jeder zweite Arbeitsplatz der rund 38.000 Einwohner auf deutscher Seite hängt am Tourismus. 2024 wurden auf der Gesamtinsel mehr als sieben Millionen Übernachtungen gezählt. Usedom hat einen eigenen Flughafen mit Sommerverbindungen nach Zürich und Luxemburg – rund 20.000 Fluggäste pro Jahr. Die Schweizer Klientel, heißt es unter Hoteliers, sei sehr willkommen und zahlungskräftig.

Mehr als 40 Kilometer Sandstrand und eine 150-jährige Bädertradition bilden eine Grundlage, auf die kaum eine andere deutsche Destination zurückgreifen kann.

Dieser Schatz ist in Gefahr. Im Fundament klaffen immer größer werdende Risse. Wer auf Usedom mit Unternehmern spricht, hört Geschichten von Aufbruch und Beharrlichkeit – aber auch von einer Insel, die sich entscheiden muss, wie viel vom Mythos sie in die Zukunft retten will.

IHK-Präsident und Hotelier Krister Hennige kennt die Herausforderungen der Branche und fordert größeren Spielraum von der Politik.

IHK-Präsident und Hotelier Krister Hennige kennt die Herausforderungen der Branche und fordert größeren Spielraum von der Politik.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Ostdeutsches Atlantis

Krister Hennige steht auf der Seebrücke in Koserow und blickt auf die Ostsee. Irgendwo dort draußen, so will es die Sage, liegt Vineta – die versunkene Stadt, das ostdeutsche Atlantis. Einst soll Vineta die größte und prächtigste Handelsstadt an der Ostseeküste gewesen sein, reich durch den Handel mit fernen Ländern, berühmt für ihre goldenen Tore und ihre Türme, die im Sonnenlicht glänzten.

Doch Hochmut und Verschwendung brachten den Untergang: Über Nacht, so erzählt die Legende, versank Vineta in den Fluten. Wer bei ruhiger See genau lausche, könne noch heute die Glocken läuten hören.

Was der Präsident der Industrie- und Handelskammer des Bezirks Neubrandenburg heute in Ansätzen in seiner Branche beobachtet, ist eine andere Art des Verschwindens als die von Vineta.

„Es wird ganz viele leise Abgänge geben. Tür zu, Geschäft geschlossen, Räume zu verkaufen“, sagt Hennige. Dabei gehe es nicht um Insolvenzen, betont der 59-Jährige. Ein Drittel der kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern könnte in den nächsten 15 Jahren aufgeben – weil Nachfolger fehlen. Und mit ihnen sterbe ein Stück Urbanität: Menschen, die sich in Vereinen engagieren, in Kirchengemeinden, in der Feuerwehr. „Wir brauchen den Ruck durch Deutschland, den Bundespräsident Roman Herzog einmal angesprochen hat.“

Henniges Unternehmen ist nach der Vineta-Legende benannt: die Vineta Hotels Usedom, gegründet 1992, zwei Standorte, 60 Mitarbeiter. Am Standort Zinnowitz an der Promenade stehen drei Häuser in alter Bäderarchitektur, im kleinen Fischerort Zempin zehn Appartementhäuser mit einem Ausflugslokal direkt am Achterwasser – eine beliebte Adresse für Hochzeiten und Feiern.

Wir waren in der Gastronomie schon immer kosmopolitisch.

Krister Hennige

In den Gästebüchern finden sich Namen wie der von James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan, Gregor Gysi, der Band Keimzeit oder der Moderatorin Kim Fisher. 40 Prozent der Besucher sind Stammgäste.

Auch seine eigenen Häuser spüren den Wandel. Seit Corona hat Hennige zehn Köche an eine Gartenbaufirma im Ort verloren. „Die haben in der Pandemie gemerkt, wie es ist, wenn man aus dem Rhythmus der rollenden Woche herauskommt“, erklärt der Hotelchef. Restaurants auf der Insel öffnen oft erst ab 17 Uhr. Wer abends essen gehen will, muss reservieren – nicht, weil es zu wenig Plätze gibt, sondern weil Personal fehlt.

Wunsch nach Raum für Eigenverantwortung

Doch der Unternehmer hat früh gegengesteuert. Seit 2017 holen er und seine Mitstreiter systematisch Arbeitskräfte aus Vietnam auf die Insel – ein Projekt, das er persönlich in Hanoi und Saigon anstieß. Daraus sind mittlerweile rund 300 vietnamesische Beschäftigte geworden.

„Wir waren in der Gastronomie schon immer kosmopolitisch“, sagt er. In seinen Häusern arbeiten zehn Nationalitäten. Auch eine neue Bundesregelung zur kurzfristigen kontingentierten Beschäftigung, die es ermöglicht, ausländische Arbeitskräfte für acht Monate ohne langwierige Anerkennungsverfahren einzustellen, sieht er als Schritt in die richtige Richtung.

Sein Grundsatz: mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Unternehmer. Hennige verweist auf die Brandschau, die alle sechs Jahre in Hotels stattfindet – ein Beamter kontrolliert Feuerlöscher, Melder und Feuerwehrpläne. Der Hotelier zahlt dafür rund 2000 Euro.

„Ich habe doch ein Eigeninteresse, meine Gäste und mein Hab und Gut zu schützen“, sagt er. Statt teurer Kontrollen plädiert er für digitale Selbstzertifizierung mit Sanktionen bei Falschangaben. „Wenn wir überall Kontrollstellen einrichten, haben wir eine Staatsquote von 50 Prozent.“

Der Wust an Regularien schränke den Willen des Unternehmers ein, meint Hennige. Dabei würde die Abstimmung mit der Landesregierung zumeist gut funktionieren. „Die Ursachen liegen eher in Berlin und Brüssel.“

Jungunternehmer Tizian Queisner lebt gerne auf dem Land, ist seit zweieinhalb Jahren Mitglied der Geschäftsführung des Familienhotels.

Jungunternehmer Tizian Queisner lebt gerne auf dem Land, ist seit zweieinhalb Jahren Mitglied der Geschäftsführung des Familienhotels.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Der Ruf der Heimat

Der Jungunternehmer Tizian Queisner hat sich entschieden, zu bleiben – und Verantwortung zu übernehmen.

Geboren in Greifswald und aufgewachsen auf Usedom, könnte er wie viele seiner Freunde längst in einer Großstadt arbeiten – in Rostock, Hamburg oder Berlin. Stattdessen sitzt er an einem Dienstagmittag im Café seines Familienhotels in Zinnowitz, bestellt einen Cappuccino und erzählt von zwei Baustellen, die ihn nachts wachhalten: einem Schwimmbad und einer Bäckerei.

Zinnowitz, der Ort, in dem Queisner mit seiner Freundin lebt und arbeitet, hat für seine etwa 3800 Einwohner eine ausgesprochen gute Infrastruktur: ein Theater, ein Kino, Tennisplätze. Queisner selbst ist gelernter Hotelfachmann, absolvierte seine Ausbildung bei einem Hotel in Ahrenshoop auf dem Darß, arbeitete an der Rezeption und hinter dem Bartresen. Dann rief sein Vater an. „Ich habe auf den Ruf aus der Heimat gewartet“, erinnert er sich. „Ich bin das klassische Landei“, sagt er stolz. „Ich mag die Ruhe. Die weite Landschaft. Die unendlich langen Horizonte.“

Seit zweieinhalb Jahren ist Tizian Queisner als Prokurist Teil der Geschäftsführung von Casa Familia, einem Familienhotel mit 189 Zimmern, 106 Mitarbeitern und einer Jahresauslastung von mehr als 80 Prozent. Zwei Drittel der Gäste sind Wiederkehrer – von der alleinerziehenden Mutter bis zum Rechtsanwalt. Das einzige Marketing: eine „Flaschenpost“, Newsletter via E-Mail, die dreimal im Jahr verschickt werden.

Dafür brauchst du einen Abschluss in Förderwissenschaft.

Tizian Queisner

Was Queisner von vielen Kollegen unterscheidet: Personalprobleme kennt er kaum. „Alle hier verdienen deutlich über dem Mindestlohn“, sagt er. Die Belegschaft sei bewusst überbesetzt – kaufmännisch eigentlich unklug, aber die Mitarbeiter seien nicht gestresst, hätten ihre freien Tage und könnten Urlaub nehmen.

Das Team ist international: Viele Mitarbeiter stammen aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Südostasien. „Ich freue mich über jeden deutschen Bewerber“, sagt Queisner. „Aber ich freue mich genauso über jeden Kollegen aus dem Ausland.“ Das Rezept sei kein Geheimnis: „Was die Leute wollen, sind ein fairer Lohn und faire Arbeitsbedingungen.“

Der Bagger muss warten

Nebenbei gründet er mit seinem Küchenchef die Bäckpomm GmbH, ein Lebensmittel-Start-up auf dem Gelände einer ehemaligen Fleischerei in Wolgast. Die Produkte sind etabliert, die Warteliste an Kunden ist lang. Doch Bäckereibetriebe gelten bei Banken und Förderinstituten als Hochrisikogeschäft.

„Hätte unser Bäckermeister als Privatmann diese Idee gehabt, hätte er im Leben niemals die Finanzierung bekommen“, sagt Queisner. „Im Prozess bis dorthin wäre er privatinsolvent gewesen.“ Nur die bestehende Infrastruktur des Hotels mache das Vorhaben möglich. Die Anforderungen der Ämter kommen hinzu: „Dafür brauchst du eigentlich einen Abschluss in Förderwissenschaft.“

Was vielen Unternehmen an der Küste zusetzt, ist die Langsamkeit mancher Stellen. Für das geplante Schwimmbad am Hotel – mehr als 1500 Quadratmeter, ein Projekt zur Saisonverlängerung – begann die Planung nach der Pandemie.

Anderthalb Jahre dauerte allein die Baugenehmigung. „Dann kriegst du die Genehmigung und stolperst über Sachen wie: Ach, ihr wollt noch eine Baustraße? Hat der Forst gesagt, dass das okay ist?“

Für Planung und Genehmigung hat das Unternehmen deutlich mehr als eine Million Euro ausgegeben – ohne dass ein Stein bewegt wurde. Queisners Forderung: verbindliche Deadlines, auch für Behörden. Er wünscht sich außerdem, dass in den Schulen mehr Wert auf ökonomische Bildung gelegt würde.

„Wenn junge Leute nie lernen, wie Unternehmertum funktioniert, wie Finanzierung läuft– dann darf man sich nicht wundern, dass so wenige den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.“

Was der Jungunternehmer erlebt, ist ein Grundmuster, das den Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern prägt: eine Branche auf hohem Niveau, gebremst durch Strukturen, die mit dem Elan ihrer Unternehmer oft nicht Schritt halten.

Türmchen, Holverzierungen, Fachwerk-Anklänge: Klassische Bäderarchitektur aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert prägt die Promenade von Zinnowitz.

Türmchen, Holverzierungen, Fachwerk-Anklänge: Klassische Bäderarchitektur aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert prägt die Promenade von Zinnowitz.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

„Der Mittelbau hat das Entscheiden verlernt“

Lars Dittrich beobachtet einen Wandel in der „Industrie“, wie er die Branche wegen ihrer Bedeutung für die Region nennt. Seit rund 15 Jahren ist der Berliner Gründer in der Tourismusbranche auf Usedom aktiv, betreibt heute 56 Apartments in Ahlbeck und Heringsdorf. Dort kaufte er das traditionsreiche Hotel Stadt Berlin, das er ebenfalls in Ferienapartments umwandeln will.

Dahinter steht für ihn eine klare Entwicklung: „Es gibt eine Sehnsucht nach Ferienwohnungen. Viele Leute haben Lust auf eine private Situation. Gerade mit Kindern, die im Hotel meistens zu Kompromissen führen.“ Hinzu komme, dass viele beruflich ohnehin häufig in Hotels unterwegs seien und im Urlaub bewusst etwas anderes suchten.

Im Schnitt blieben seine Gäste sieben bis zehn Tage. Weiteres Potenzial für die Nutzung der Apartments sieht Dittrich nun auch jenseits der klassischen Saison: längere und preisgünstigere Aufenthalte von Oktober bis April, etwa für Familien oder Gäste der Generation 60+, die entsprechend mehr Zeit mitbringen und gezielt nach Vertrautheit suchen.

Uns fehlt ein Ombudsmann, der vor Ort pragmatische Entscheidungen treffen kann.

Lars Dittrich

Radtouren, Wandern oder Aktivitäten in Sportgruppen könnten so in der Nebensaison für Leben sorgen – und neue Chancen für die Gemeinden auf Usedom eröffnen.

Auch Dittrich kennt die Reibungsverluste mit den Behörden, formuliert aber eine eigene Forderung: „Uns fehlt ein Ombudsmann, der vor Ort pragmatische Entscheidungen treffen kann.“ Zwischen Bundes-, Landes- und Kommunalebene werde vieles hin- und hergeschoben, „der Mittelbau hat das Entscheiden verlernt“.

Trotz aller Hürden bleibt sein Blick optimistisch. Globale Unsicherheiten, steigende Flugpreise und zunehmend heiße Sommer im Süden führten zu einer Rückbesinnung auf den Urlaub im eigenen Land. „Wir schaffen Arbeitsplätze für den Mittelstand“, betont er – und sieht Usedom gut positioniert für die Zukunft.

Am Wasser in Zempin: Barbetreiber und Strandkorbvermieter Andreas Schmidt steht auf Buhnen, von denen einige durch das Eis im vergangenen Winter verschoben worden sind.

Am Wasser in Zempin: Barbetreiber und Strandkorbvermieter Andreas Schmidt steht auf Buhnen, von denen einige durch das Eis im vergangenen Winter verschoben worden sind.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Mehrere tausend Euro Strafe für eine Strandschaukel

Auf dem Papier sind die Aussichten blendend, an vorderster Front getrübt. Das erlebt Andreas Schmidt fast jeden Tag. Der Zimmermann aus Zempin – gebräunt, Bart, Basecap, Zehensandalen trotz Märzkälte – arbeitete als Surflehrer schon in Südafrika und auf den Kanaren, bevor er auf die Insel zurückkehrte. Nach seiner Rückkehr baute er mit eigener Muskelkraft ein Haus, lebt dort heute mit seiner Familie, vermietet ein paar Ferienwohnungen.

Die Gäste bestellen einen Aperol, und ich muss sagen: Steht bitte auf.

Andreas Schmidt

Seit zehn Jahren betreibt er zwei Strandstandorte auf Usedom: Surfschule, Bar, Strandkorbvermietung. Ein Saisongeschäft, das ihn jedes Frühjahr aufs Neue wochenlang in Schwerstarbeit stürzt – Container an den Strand schleppen, Kabel verlegen, Inventar und Körbe aufstellen. Alles mit eigenem Gerät, auf eigene Rechnung und mit eigenem Risiko. „Ich bin jetzt 47“, sagt er und fasst sich an die Schulter. „Beim Arzt war ich gerade.“

Für eine Holzschaukel in Strandnähe – zwei in den Sand gesetzte Pfähle – sollte er mehrere tausend Euro Strafe zahlen. Fehlende Baugenehmigung. In Thailand, sagt Schmidt, stehe alle 200 Meter so eine Schaukel. Die Genehmigung in Zempin erlaubt den Betrieb nur bis 20 Uhr. „Im Juni ist es um 22 Uhr noch taghell. Die Gäste bestellen einen Aperol, und ich muss sagen: Steht bitte auf.“

In Trassenheide zahlt er 20.000 Euro Jahrespacht. Für jede Livemusik-Veranstaltung zusätzlich 100 Euro an die Gemeinde – bei insgesamt sechs erlaubten Abenden pro Saison. Wenn 500 Begeisterte feiern und sich über das Angebot freuen, aber zwei Beschwerden bei der Kurverwaltung eingehen, würden die Beschwerden überproportional stark ins Gewicht fallen, beschreibt er seinen Eindruck.

Schmidt wird Trassenheide wohl verlassen. In Kölpinsee, 15 Kilometer weiter östlich, hat ihn die Gemeinde eingeladen, ein leer stehendes Gebäude an der Promenade zu übernehmen – feste Wände, Strom, Wasser, eine Wohnung für Saisonkräfte. Die Umnutzungsgenehmigung beantragte er im vergangenen Spätsommer. Mitte März lag noch kein Bescheid vor. Er kenne Kollegen, die Medikamente nähmen, weil sie wegen der ungewissen Zukunft nachts nicht mehr schlafen könnten. Trotz allem sagt er hoffnungsvoll: „Tourismus wird hier weiter funktionieren.“

Arbeitgeberpräsident Lars Schwarz vor dem Leuchtturm in Rostock-Warnemünde: „Schaut nicht nur auf die Übernachtungszahlen.“

Arbeitgeberpräsident Lars Schwarz vor dem Leuchtturm in Rostock-Warnemünde: „Schaut nicht nur auf die Übernachtungszahlen.“

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Das Portemonnaie bleibt zu

In der Lobby des Hotel Neptun in Rostock-Warnemünde sitzt, das Jackett über dem Rollkragenpulli, Lars Schwarz, Arbeitgeberpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und Dehoga-Landeschef. Er warnt vor einem verbreiteten Missverständnis: „Bitte guckt nicht allein auf die Übernachtungszahlen.“

Der Umsatz im Gastgewerbe liege noch immer 18 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Die Gäste kämen, aber sie gäben weniger aus. Zehn statt 14 Tage Urlaub. Beim Dessert werde gezögert. „Den Banker interessiert nicht der Übernachtungsrekord. Den interessiert der Umsatz“, sagt er mit leichtem plattdeutschem Einschlag.

Schwarz sieht die Branche in den „herausforderndsten und anspruchsvollsten Zeiten, die wir jemals hatten“ – von der Corona-Pandemie über die Energiekrise bis zur derzeitigen Konsumzurückhaltung. „Die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent für Speisen ist deshalb ein wichtiges politisches Signal“, formuliert er es diplomatisch.

Mit 64 Metern ist das 1971 errichtete Hotel Neptun Rostocks drittgrößtes Gebäude.

Mit 64 Metern ist das 1971 errichtete Hotel Neptun Rostocks drittgrößtes Gebäude.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Fundament der Wirtschaft

Tatsächlich ist der Tourismus in kaum einem Bundesland so bedeutend wie in Mecklenburg-Vorpommern. Rund 160.000 Menschen verdienen hier direkt oder indirekt ihren Lebensunterhalt durch die Branche, der Bruttoumsatz liegt bei mehr als fünf Milliarden Euro – das sind etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt.

Seit 1992 stieg die Zahl der Übernachtungen um das Dreieinhalbfache auf zuletzt knapp 33,29 Millionen im Jahr 2025 – das zweitbeste Ergebnis seit der Wiedervereinigung, nur übertroffen durch das Vor-Corona-Jahr 2019. Die Tourismusintensität – 19 Übernachtungen pro Einwohner und Jahr – ist die höchste aller Bundesländer.

Wir stehen im scharfen Wettbewerb.

Lars Schwarz

Auch jenseits der Küste zeigt der Trend in Mecklenburg-Vorpommern nach oben: Schwerin, die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands mit 98.000 Einwohnern, meldete im vergangenen Jahr mit mehr als 443.000 Übernachtungen einen historischen Rekord.

Der Nachbar schließt auf

Als ernsthafte Konkurrenz sieht Schwarz die Kreuzfahrtbranche – 399 Euro für eine Woche Halbpension auf einem Schiff mit zypriotischen Arbeitsverträgen und sechs Euro Stundenlohn. „Die Reedereien stellen ein neues Schiff nach dem anderen in Dienst. Das ist knallharte Konkurrenz für das Gastgewerbe.“

Hinzu kommt die aufgewertete Küste des Nachbarn: Polen erhält jährlich EU-Fördermittel im zweistelligen Milliardenbereich. Selbst wenn nur wenige Prozent davon in die touristische Entwicklung an der Küste fließen, kommen schnell hohe Millionenbeträge zusammen. „Wir sind nicht allein auf einer Insel. Wir stehen im scharfen Wettbewerb.“

Polen baut seinen Ostseetourismus in einem Tempo aus, das deutsche Unternehmer staunen lässt. In Swinemünde, das mitsamt Umgebung zuletzt mehr als zwei Millionen jährliche Übernachtungen zählte, entstand ein Tunnel zum Festland: vier Jahre Bauzeit. Die Installation eines Kreisverkehrs auf der deutschen Seite brauche genauso lang, raunen Kritiker.

Dennoch sehen Akteure auf der Insel auch die guten Seiten der Entwicklung: Swinemünde und die deutschen Kaiserbäder rücken näher zusammen – etwa durch die grenzüberschreitende Europapromenade, die Gästen schon heute einen Zwei-Länder-Urlaub ermöglicht. „Das ist nicht nur Wettbewerb, das ist auch eine gemeinsame Chance“, sagt dazu Krister Hennige. „Ruhe und Qualität auf deutscher Seite, Dynamik und Investitionskraft auf der polnischen.“ Wenn beides zusammenwirke, könne sich die gesamte Insel als internationale Modellregion positionieren.

Rund 2500 polnische Arbeitskräfte pendeln täglich auf die deutsche Seite – unverzichtbar in Gastgewerbe, Handwerk und Gesundheitswesen. Denn die Demografie hierzulande ist schon länger ein Standortnachteil: Mecklenburg-Vorpommern hatte einst knapp 30.000 Schulabgänger pro Jahr. Heute sind es um die 11.000.

Aus Vietnam und Indonesien kommen Azubis, die auf eigene Kosten Deutsch lernen, bevor sie an die ostdeutsche Küste reisen. „Die kommen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen“, sagt Schwarz. „Und das merkt man. Wir sind ein weltoffenes Bundesland.“

Vom Erholungs- zum Erlebnisort

Einen Schlüssel für die Zukunft sehen alle Beteiligten in der Internationalisierung. Und das nicht nur bei den Kunden, die neben der Schweiz zunehmend auch aus Skandinavien, Polen oder den Niederlanden kommen.

Die Stammgäste werden älter. Deren Kinder und Enkel aber wollen Erlebnis: Kletterparks, ausgebaute Radwege, regionale Kulinarik. Immer mehr Unternehmer setzen deshalb auch auf naturverträglichen Aktivtourismus, ein wachsendes Wellness-Segment und ganzjährige Angebote. Hennige nennt das den Wandel „von der Erholungswelt zur Erlebniswelt“ und fordert mehr gestalterischen Spielraum, etwa beim Küsten- und Naturschutz: „Der Mensch gehört auch zur Natur.“

Zurück in Zinnowitz. Als der Jungunternehmer Tizian Queisner seinen Laptop zuklappt und aus dem Café tritt, blickt er auf die Freifläche hinter seinem Hotel. Hier soll irgendwann das Schwimmbad stehen. Er zuckt die Schultern, grinst und sagt: „Kommt schon noch.“ Dann geht er hinein. In der Küche wird das Mittagsmenü vorbereitet, an der Rezeption klingelt das Telefon. Buchungen für die Osterferien. Die Saison beginnt.

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