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Zwei Staaten, zwei Logiken: Der Nahostkonflikt im Spiegel des geteilten Deutschlands

Die DDR und die BRD bewegten sich in unterschiedlichen moralischen und politischen Koordinatensystemen. Das lässt sich auch an der Haltung zur PLO festmachen.

Stefan Piasecki
8 Min
Erich Honecker und Yasser Arafat bei einem gemeinsamen Dinner im Jahr 1982

Erich Honecker und Yasser Arafat bei einem gemeinsamen Dinner im Jahr 1982

© Schulze/Imago

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Die Toten und Verletzten des Bombenanschlags auf die West-Berliner Diskothek La Belle in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1986 wurden Opfer der Zuspitzung geopolitischer Konflikte um Einflusssphären im Nahen und Mittleren Osten, an denen auch die DDR Anteil hatte und die beide deutsche Staaten nie nur aus der Ferne betrachtet haben. Für die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland war die Haltung etwa zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) stets auch ein Spiegel der außenpolitischen Selbstverortung im Kalten Krieg. Dies gilt besonders ab 1973, dem Jahr, in dem die DDR in die Uno aufgenommen wurde und die Ölkrise die Welt zur Neubesinnung zwang.

Für die DDR bedeutete dies eine Annäherung an den Iran und dessen Schah – schlicht, weil man das Öl brauchte. Dass dieser Gewaltherrscher in der sozialistischen DDR trotz einer Einladung Erich Honeckers keinen Staatsbesuch machte, lag an der persischen Verstimmung nach der Besetzung der iranischen Botschaft in Ost-Berlin durch West-Berliner Aktivisten 1978 und der bald folgenden Islamischen Revolution 1979, die mit der Flucht des Schahs endete.

Zur Sicherstellung der Ölverhandlungen hatte die DDR sogar die zu ihr geflohenen iranischen Kommunisten der Tudeh-Bewegung zum Schweigen verdonnert. Die BRD musste daher ihre Kontakte zur islamischen Welt stets auch im Kontext ihres Verhältnisses zum ostdeutschen Staat betrachten.

Kaum eine Figur verkörperte Spannungen und Orientierungsversuche deutlicher als Yasser Arafat – Revolutionär, Diplomat und Symbol einer säkularen Bewegung, deren internationale Wahrnehmung zwischen Befreiungskampf und Terror schwankte.

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Durch die Linse von Sicherheitspolitik und Gewalt

Die DDR verstand sich seit den 60er-Jahren als Teil einer globalen antiimperialistischen Front. Die Unterstützung der PLO war folgerichtig, denn sie galt als legitime nationale Befreiungsbewegung gegen Kolonialismus und westliche Hegemonie. Die DDR bot politische Anerkennung, diplomatische Plattformen und – in begrenztem Umfang – praktische Unterstützung. Selbstverständlich war sie auch an Handelsbeziehungen zu Staaten interessiert, die sich aus dem Kolonialismus befreien konnten.

Die Bundesrepublik hingegen bewegte sich in einem anderen moralischen und politischen Koordinatensystem. Ihre Außenpolitik war durch die historische Verantwortung gegenüber Israel geprägt. Diese inoffizielle Staatsräson, konkret ausgesprochen erst 2008 durch Kanzlerin Merkel vor der Knesset, führte zu einer grundsätzlich israelfreundlichen Haltung, die eine offizielle Annäherung an die PLO lange ausschloss. Zugleich war die BRD spätestens seit den 70er-Jahren mit internationalem Terrorismus konfrontiert – mit dem Olympia-Attentat in München 1972 und der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 durch ein vornehmlich palästinensisches Kommando.

So entstand eine doppelte deutsche Perspektive: Während Ost-Berlin die PLO als politischen Partner behandelte, betrachtete Bonn sie und andere Staaten wie Libyen primär durch die Linse von Sicherheitspolitik und Gewalt.

1974: Arafat in Ost-Berlin

Der erste Besuch Arafats in der DDR im Jahr 1974 fiel in eine Phase, in der sich die PLO international neu positionierte. Kurz zuvor hatte er vor der UN-Generalversammlung gesprochen und seine Organisation als legitime Vertretung des palästinensischen Volkes etabliert. Der Empfang in Ost-Berlin war daher mehr als symbolisch: Er markierte die Einbindung der PLO in das diplomatische Netzwerk der Staaten des Warschauer Vertrages.

Für die DDR war dieser Besuch ein außenpolitischer Erfolg. Er unterstrich ihren Anspruch auf internationale Souveränität und als Unterstützer antiimperialistischer Bewegungen. Zwar reagierte Bonn offiziell zurückhaltend, doch wurde die Nähe der DDR zur PLO im Kontext des Ost-West-Konflikts und eigener Erfahrungen mit palästinensischen Gruppen kritisch registriert.

Nach dem Attentat auf israelische Sportler fordern Menschen den Abbruch der Olympischen Sommerspiele in München 1972.

Nach dem Attentat auf israelische Sportler fordern Menschen den Abbruch der Olympischen Sommerspiele in München 1972.

© Sammy Minkoff/Imago

1985: Staatsbesuch im Spätstadium des Kalten Krieges

Der zweite Besuch Arafats 1985 in der DDR hatte einen anderen Charakter. Es handelte sich um einen offiziellen Staatsbesuch – ein Akt politischer Anerkennung auf höchstem Niveau. Die DDR inszenierte den Empfang als Ausdruck internationaler Solidarität und als Bestätigung ihrer außenpolitischen Linie im gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung. Arafat bemühte sich, die Organisation politisch zu moderieren und international anschlussfähig zu machen, sie wurde aber weiterhin mit militanten Aktionen assoziiert.

In der Bundesrepublik hingegen fiel die Bewertung deutlich nüchterner aus. Die Nähe der DDR zu einer Organisation, die zumindest teilweise mit Gewaltakten in Verbindung gebracht wurde, verstärkte bestehende Vorbehalte.

Auswirkungen auf das innerdeutsche Verhältnis

Die DDR nutzte ihre Nahost-Politik, um sich von der Bundesrepublik abzugrenzen und moralische Überlegenheit zu reklamieren. Die BRD wiederum sah in der DDR-Politik ein Beispiel für die problematische Nähe des Ostblocks zu militanten Bewegungen. Die deutsch-deutsche Annäherung der 70er- und 80er-Jahre, etwa im Rahmen der Ost-Politik, wurde durch die Nahost-Frage allerdings nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Ein weiterer Aspekt, der insbesondere im Rückblick an Bedeutung gewonnen hat, betrifft die sicherheitspolitische Wahrnehmung des Arafat-Besuchs von 1985. In westdeutschen Sicherheitskreisen nährte der demonstrative Empfang in Ost-Berlin damals den Verdacht, dass antiwestliche Gruppen zumindest indirekt von Strukturen im Ostblock profitieren könnten. Diese Einschätzungen blieben zunächst spekulativ, erhielten jedoch nachträglich unerwartet neue Nahrung.

1986: Ein Jahr der Eskalation

Das Jahr 1986 markierte eine Phase erhöhter sicherheitspolitischer Spannungen. Der Anschlag auf die Diskothek La Belle in West-Berlin sowie weitere Anschläge in Europa verstärkten die Wahrnehmung eines globalen Terrornetzwerks aus dem Nahen Osten. Auch wenn die PLO nicht direkt für diese Taten verantwortlich gemacht wurde, geriet sie erneut unter Druck, sich klar von Gewalt zu distanzieren. Gleichzeitig tauchte ein neuer Name auf: Abu Nidal, Gründer der palästinensischen Fatah, lange ein Phantom und in Irak, Syrien, Libanon und Libyen aktiv.

Zudem boten diese Länder untergetauchten RAF-Terroristen Unterschlupf, und auch um die DDR rankten sich solche Gerüchte, die sich jedoch erst ab 1990 bestätigten. Wenngleich das Puzzle erst nach dem Ende des Kalten Krieges vollständig wurde, bestätigten diese Ereignisse bestehende Sicherheitsbedenken der BRD wegen einer Verstrickung beider deutscher Staaten in geopolitische Konflikte.

Die Karten Libyens im Konfliktquartett

Libyen drängte seit 1980 auf vertiefte Kontakte zur Bundesrepublik, die insbesondere Jürgen Möllemann (FDP) aktiv propagierte. Die damalige Bundesregierung um Helmut Schmidt (SPD) zögerte. Auch Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi war im Ostblock gern gesehen und entsprach dem Stereotyp arabischer Potentaten.

Bereits Anfang bis Mitte der 80er-Jahre hatten sich die Beziehungen zwischen den USA und Libyen stark verschlechtert. Die amerikanische Regierung unter Ronald Reagan warf dem Regime Gaddafis vor, internationale Terroranschläge zu unterstützen. Ein zentraler Eskalationspunkt war der Konflikt im Golf von Sidra, den Libyen als eigenes Hoheitsgebiet beanspruchte. Die USA erkannten diesen Anspruch nicht an und führten dort wiederholt militärische Manöver durch. Im März 1986 kam es schließlich zu direkten militärischen Zusammenstößen zwischen amerikanischen und libyschen Streitkräften.

Anfang April 1986 erfolgte, wie zu Beginn bereits erwähnt, ein Bombenanschlag auf die West-Berliner Disco La Belle, bei dem drei Menschen starben und zahlreiche andere verletzt wurden, vor allem US-Soldaten. Er wurde später libyschen Agenten zugeschrieben, unter anderem auf Basis abgefangener Funkkommunikation. Details zu Transportwegen des Sprengstoffs blieben jedoch unklar.

Erst nach der Wiedervereinigung konnten Ermittler in Archiven des MfS Hinweise dazu finden, dass libysche Diplomaten in Ost-Berlin beteiligt gewesen waren und somit die DDR eine Rolle als logistischer Durchgangsort gespielt hatte. Die USA ihrerseits reagierten noch im April 1986 mit neuen Luftangriffen auf Libyen. Libysche Agenten sprengten 1988 ein Passagierflugzeug über dem schottischen Lockerbie und hielten die Spirale der Gewalt aufrecht.

Mit einer Gedenktafel wird an den Anschlag auf die Diskothek La Belle, bei dem drei Menschen ums Leben kamen, erinnert.

Mit einer Gedenktafel wird an den Anschlag auf die Diskothek La Belle, bei dem drei Menschen ums Leben kamen, erinnert.

© Joko/Imago

Historische Lasten und gegenwärtige Wahrnehmung

Die Geschichte der PLO ist untrennbar mit Gewalt verbunden, muss aber andererseits im Kontext des antiimperialistischen und antikolonialistischen Kampfes gelesen werden. Auch Libyen sah sich dem verpflichtet. Flugzeugentführungen, Anschläge auf zivile Ziele oder die Beteiligung an internationalen Terrornetzwerken haben das Bild nicht nur der PLO, sondern des Nahen und Mittleren Ostens insgesamt geprägt. Auch wenn Arafat später politische Wege der Vertretung palästinensischer Anliegen suchte – etwa im Rahmen der Oslo-Verhandlungen –, blieb diese Vergangenheit wirksam.

Die Bundesregierung musste einer Internationalisierung des für sie traumatischen RAF-Terrorismus zusehen, die DDR positionierte sich offiziell gegen Terrorismus, brach andererseits aber die politischen Beziehungen auch zu gewalttätigen Bewegungen nicht ab. Diese Ambivalenz ist bis heute in Deutschland erkennbar.

1986: Ein Jahr mit hoher sicherheitspolitischer Brisanz

Die öffentliche Wahrnehmung der palästinensischen Sache ist von Skepsis geprägt. Historische Verantwortung gegenüber Israel, sicherheitspolitische Erfahrungen und mediale Bilder von Gewalt überlagern politische und humanitäre Aspekte. In diesem Sinne tragen Arafat und die PLO eine Mitverantwortung für diese Wahrnehmung. Die Teilung Deutschlands spaltete den Blick auf den Nahostkonflikt.

1986 hatten sich dieser und andere Konflikte international zugespitzt. Der Stellvertreterkrieg zwischen UdSSR und USA in Afghanistan und der westlich initiierte Irak-Iran-Krieg loderten weiter. Freiheitskämpfer und Diktaturen gingen zu asymmetrischer Kriegsführung über und trugen ihren Kampf in westliche Städte. Der Anschlag auf die Disco La Belle war Ausdruck dieses Wandels. Außenpolitik war nie nur Gegenwart, sondern ist immer auch Geschichte.

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik.

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