Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Alexander Prinz, 1994 in Sachsen-Anhalt geboren, gehört zu jener noch kleinen Gruppe von Stimmen aus der Nachwendegeneration, die begonnen hat, sich in der Debatte über Ostdeutschland Gehör zu verschaffen. Sein eigener Weg macht ihn dabei zu einem besonders interessanten Fall: von der ostdeutschen Provinz hinein in einen weithin westlich geprägten bundesrepublikanischen Mainstream, in dem er sich als Kommentator des Zeitgeistes etabliert hat. Gerade deshalb ist es aufschlussreich, wie jemand mit dieser Erfahrung das Verhältnis von Ost und West deutet.
Mit „Oststolz“ legt Prinz ein Buch vor, das mehr sein will als ein persönlicher Erfahrungsbericht. Es ist der Versuch, sich als Stimme dieser Generation in die schwelende Ost-West-Debatte einzuschreiben – zugleich authentisch und erklärend, betroffen und anschlussfähig. Erzählerisch folgt das Buch weitgehend seiner eigenen Biografie: von Kindheit und Jugend in Sachsen-Anhalt über erste Erfolge als Metal-YouTuber bis hin zur Etablierung als politischer Kommentator im digitalen und medialen Raum, zeitweise auch eingebunden in das öffentlich-rechtliche Funk-Netzwerk. Diese persönlichen Erfahrungen werden fortlaufend mit größeren gesellschaftlichen Diagnosen verknüpft – über strukturschwache Regionen, fehlende Perspektiven, politische Entfremdung und das Verhältnis von Ost und West insgesamt.
Zwischen Holodomor, Gulag und DDR: das wichtige Werk von Autor Andreas Großmann
Apothekensterben: Warum der Protest eskaliert und die Sehnsucht nach DDR-Strukturen so groß ist
Prinz kennt die Milieus von innen
Man muss Prinz zugutehalten, dass seine Schilderungen der Nachwendejahre zu den plastischsten Passagen zählen, die in den vergangenen Jahren über Ostdeutschland geschrieben wurden. Bitterfeld, halb entleerte Plattenbausiedlungen, improvisierte Biografien, eine Jugend zwischen Langeweile, Gewalt und Eskapismus – all das wird mit einer Anschaulichkeit geschildert, die sich dem Leser unmittelbar einprägt.
Prinz kennt die Milieus, über die er schreibt, von innen. Er beschreibt prekäre Familienverhältnisse empathisch, ohne jene voyeuristische Distanz, mit der ostdeutsche Lebenswelten im westdeutschen Diskurs häufig als fremd und erklärungsbedürftig ausgestellt werden, und er hat ein feines Ohr für die Tonlagen einer Generation, die mit dem Gefühl aufgewachsen ist, dass die Zukunft anderswo stattfindet.
Umso ernüchternder ist, was geschieht, sobald der Erzähler zum Diagnostiker wird. Prinz’ zentrale These lautet, die Differenzen zwischen Ost und West seien im Kern keine kulturellen, sondern sozialstrukturelle. Ostdeutschland erscheint als zugespitzter Fall strukturschwacher Peripherie; entscheidend sei der Gegensatz zwischen „oben“ und „unten“, nicht der zwischen „Ost“ und „West“. Auch die Erfolge der Alternative für Deutschland deutet er primär als Folge ökonomischer Unsicherheit und daraus resultierenden Vertrauensverlusts in Institutionen.
Das ist nicht falsch. Aber es ist auffallend unvollständig. Und das eigentliche Problem liegt tiefer als in einzelnen Thesen: in einem systematisch verengten Kulturbegriff, der dem Buch zugrunde liegt, ohne je expliziert zu werden. Kultur erscheint bei Prinz im Wesentlichen in zwei Gestalten: als explizite Ideologie oder als folkloristisches Detail. Weil sich die Nachwendegeneration über gemeinsame Medien sozialisiert habe, folgert er, seien tiefere Differenzen weitgehend eingeebnet. Dabei spricht sein eigenes Material eine andere Sprache.
Wenn Eltern abwertend über „Wessis“ sprechen, wenn westdeutsche Kinderformate bewusst abgelehnt werden, wenn sich in strukturschwachen Regionen ein zynischer Pragmatismus und eine direkte, wenig diplomatische Kommunikationsweise herausbilden, dann sind das keine bloßen Randphänomene, sondern Hinweise auf stabile Deutungsmuster. Auch die geschilderte Anpassung im Studium – das Ablegen des Dialekts, das Erlernen anderer Umgangsformen – verweist auf implizite Erwartungen darüber, was als anschlussfähig gilt. All dies sind klassische Gegenstände kultursoziologischer Analyse; Prinz’ begrifflicher Apparat hat keinen Ort für sie.
Prinz schildert seine Jugend in Bitterfeld mit einer Anschaulichkeit, die sich dem Leser unmittelbar einprägt.
© Arnulf Hettrich/Imago
Eine zweite Blindstelle
Aus dieser Engführung folgt eine zweite Blindstelle. Prinz unterschätzt die Wirkung dessen, was man im akademischen Jargon Othering nennt – die öffentliche Markierung Ostdeutschlands als Abweichung. Dass diese Perspektive keineswegs randständig ist, sondern den gesamtdeutschen Diskurs seit Jahren prägt, hat zuletzt Dirk Oschmann pointiert herausgearbeitet. Zwar weist Prinz selbst auf die Dominanz westdeutscher Medien und die geringe Sichtbarkeit ostdeutscher Perspektiven hin; auch die Erfahrung, dass ostdeutsche Biografien erklärungsbedürftig bleiben, durchzieht das Buch. Doch diese Beobachtungen werden nicht systematisch zusammengeführt.
Dabei zeigt gerade ihr Zusammenspiel, wie solche Zuschreibungen wirksam werden: Was über Jahre in Leitmedien als Problemzone verhandelt wird, sedimentiert sich in Erwartungshaltungen, in der stillschweigenden Einschätzung, wer als kompetent, modern oder „passend“ gilt. Der Diskurs ist nicht bloß Oberbau; er strukturiert die impliziten Kategorien sozialer Wahrnehmung.
Eine weitere Verkürzung zeigt sich dort, wo Prinz die These zurückweist, Ostdeutsche könnten in westdeutsch geprägten Institutionen und Deutungsordnungen spezifische Formen von Diskriminierung erfahren. Er verwirft diese Möglichkeit in zwei dürren Sätzen und bestreitet dabei kurzerhand die empirische Grundlage entsprechender Diagnosen. Das wirkt erstaunlich apodiktisch für eine Frage, die in der jüngeren Ost-West-Debatte durchaus umstritten ist.
Saubere Kausalkette, die allerdings zu kurz greift
Umso bemerkenswerter ist, dass sein eigenes Material Beobachtungen enthält, die diese Sicherheit zumindest irritieren müssten. So deutet er selbst auf den Mangel ostdeutscher Führungskräfte in zentralen Institutionen hin, interpretiert dies aber ausschließlich als Folge regionaler Schwäche und nicht auch als mögliche Frage von Rekrutierungsmustern, Deutungsmacht oder Ausschlussmechanismen.
Ähnlich aufschlussreich ist seine Beobachtung, wie wenig ostdeutsche Erfahrungen und Symbole in die gemeinsame bundesrepublikanische Kultur eingegangen sind – bis hin zu seinem Hinweis, dass auch bei der Nationalhymne die ostdeutsche Tradition folgenlos blieb. Denn es sind genau solche Formen stiller, nicht intendierter Benachteiligung, die in der soziologischen Literatur als strukturelle Diskriminierung sowie als Formen symbolischer Gewalt beschrieben werden. Dass solche Mechanismen ohne offene Ausgrenzung funktionieren können, bleibt bei Prinz unterbelichtet.
Am deutlichsten wird die Engführung dort, wo Prinz politische Entwicklungen erklärt, insbesondere den Erfolg der AfD im Osten. Sein Modell ist schlicht: Strukturell benachteiligte Räume erzeugen Vertrauensverlust, Vertrauensverlust mündet in Protestwahl. Eine saubere Kausalkette – nur greift sie zu kurz. Denn die neuere Forschung spricht dafür, dass die Affinität zur AfD in erheblichem Maße kulturell geprägt ist – und zwar nicht bloß als Reflex sozialer Lage.
Zentral sind dabei Einstellungen zu Migration und Nation, Wahrnehmungen kultureller Bedrohung, anti-elitische Deutungen, politische Entfremdung sowie – gerade im ostdeutschen Kontext – spezifische Erfahrungen kollektiver Benachteiligung. Sozioökonomische Faktoren bleiben relevant, verlieren aber deutlich an Erklärungskraft, sobald diese kulturellen Dimensionen berücksichtigt werden.
Damit gerät auch die Vorstellung einer reinen Protestwahl ins Wanken. AfD-Wahlverhalten speist sich nicht nur aus situativer Unzufriedenheit, sondern ebenso aus relativ stabilen kulturellen Orientierungen; Protest und ideologische Passung treten typischerweise gemeinsam auf.
Hinzu kommt, dass diese Orientierungen nicht vollständig auf der Ebene expliziter Überzeugungen liegen. Politische Einstellungen werden auch durch tieferliegende, nicht immer artikulierbare Deutungsmuster geprägt, die bestimmen, wie soziale Lage überhaupt wahrgenommen und interpretiert wird. Wer allein auf ökonomische Bedingungen und artikuliertes Misstrauen blickt, erfasst daher nur einen Ausschnitt eines vielschichtigen, kulturell strukturierten Prozesses.
Die zweite Heimat: Die Arbeit und wie sie dem Osten verlorenging
„Wenn das Denken die Richtung ändert“: Ideologen sind immer die anderen
Eine Auseinandersetzung mit Bourdieu hätte nahegelegen
Hier zeigt sich pars pro toto der zentrale Schwachpunkt des Buches. Während „Oststolz“ im empirischen Material glänzt, bleibt der analytische Zugriff dahinter zurück. Gerade an den Stellen, an denen Prinz seine eigenen Beobachtungen deutet, hätte eine stärkere theoretische Fundierung gutgetan.
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu hätte nahegelegen, dessen Begriff des symbolischen Kapitals präzise jene Prozesse fasst, die Prinz beschreibt, aber nicht begrifflich einholt: die ungleiche Verteilung von Anerkennung und die Frage, welche Biografien, Sprechweisen und Bildungswege als selbstverständlich oder legitim gelten.
Ebenso hätte ein Blick in die jüngere kognitive Kultursoziologie, etwa zu Stephen Vaisey und Omar Lizardo, geholfen, die implizite Ebene kultureller Orientierungen sichtbar zu machen – genau dort, wo Prinz mit seinem ideologiezentrierten Kulturverständnis nicht hinschaut.
Offensive Formulierung
Und schließlich hätte auch eine stärkere Auseinandersetzung mit jüngeren Beiträgen zur Ost-West-Debatte selbst dem Buch gutgetan – etwa mit Arbeiten von Steffen Mau, Katja Hoyer oder Dirk Oschmann, die auf sehr unterschiedliche Weise genau jene Fragen nach sozialer Spaltung, kultureller Entwertung und symbolischer Hierarchie verhandeln, in die Prinz sich einschreibt.
So bleibt „Oststolz“ ein ambivalentes Buch, das auf begrifflich-analytischer Ebene seinem eigenen empirischen Material einiges schuldig bleibt. Wer strukturelle Probleme in den Vordergrund rückt und kulturelle Differenzen relativiert, nähert sich einem Deutungsmuster, das im westdeutschen Diskurs seit langem präsent ist: der Verbindung aus Anerkennung struktureller Defizite und der Erwartung, dass individuelle Anstrengung sie zumindest teilweise ausgleichen mögen. Prinz formuliert dies offensiv als „Oststolz“, als Impuls zur Selbstermächtigung. Man kann darin eine emanzipatorische Geste sehen. Man kann aber auch feststellen, dass sich seine Kritik damit geschmeidig in bestehende westdeutsche Deutungsrahmen einfügt, statt sie zu irritieren.
Dass es sich so ergibt, überrascht vielleicht nicht: Prinz hat selbst genau jenen Weg zurückgelegt, den seine Argumentation implizit empfiehlt – aus der ostdeutschen Provinz in den westlich geprägten Mainstream, den er nun, ob gewollt oder nicht, affirmiert. Ob es ihm mit dieser Argumentationsfigur gelingen wird, sich als Sprachrohr der ostdeutschen Nachwendegeneration zu etablieren, wird sich zeigen.
Andreas Tutić ist Professor an der Universität Bergen und ehemaliger Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine Arbeit ist geprägt vom Bestreben, eine Brücke zwischen soziologischer Theorie und empirischer Forschung zu schlagen.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]