Lieber Jan,
setz dich. Trink etwas. Tee, Wasser, lauwarmen Qymaq Chai: Was auch immer du gerade in der Tasse hast. Alkohol hoffentlich nicht, wir bleiben hier schön halal. Ich mache das kurz, versprochen. Du hast ja zu tun. Vermutlich lässt du gerade wieder ein Foto unscharf machen, damit es nach NDR-Panorama aussieht und nicht wie Archivfotografie mit Bart.
Ich fange vorne an. Für alle, die am gestrigen Freitag etwas Besseres vorhatten – also für die meisten Menschen mit einem funktionierenden Sozialleben. Du hast eine halbe Stunde lang ein Foto präsentiert. Ein schwarzer Mercedes. Bonner Kennzeichen. Zu sehen war ein bärtiger Mann auf dem Beifahrersitz, der freundlich winkt. Nicht in die Kamera. In deine Kamera.
Dein Team und du als GröHiJo des ZDF, Ihr habt das Foto heimlich gemacht, während es irgendwo zwischen Liebfrauenweg und Waschsalon geparkt hat. Du hast tatsächlich gesagt, ihr habt nebenan gewartet und Wäsche gewaschen. Das ist großartig. Investigativjournalismus mit Feinwaschgang.
Magazin Royale: ZDF-GröHiJo Böhmermann will Skandal erklären – und landet wieder nur bei Hitler
Der Mann heißt Said Mustafa Hashimi. Er ist Konsul des afghanischen Generalkonsulats in Bonn. Und er ist Taliban. Echt jetzt. Ein Vertreter eines Regimes, das Frauen mit Bonbons vergleicht. Ein eingepacktes Bonbon, ein sauberes Bonbon. Ich habe den Originalclip gesehen, den du eingespielt hast, und kurz überlegt, ob ich Bonbons je wieder anders sehen kann. Spoiler: Nein. Die Sahnebonbons meiner Oma haben jetzt eine politische Dimension.
Soweit, so gut, soweit, alles verdienstvoll. Wirklich. Das meine ich ohne Augenrollen. Es ist ein Skandal. Eine deutsche Bundesbehörde, das BAMF in Bonn, öffnet vier Stunden lang ihre Türen für einen Vertreter eines Terrorregimes, damit dieser die Identität von Menschen feststellt, die anschließend in einem Charterflug nach Kabul ausgeliefert werden. 25 Männer allein diese Woche. 138 unter der aktuellen Bundesregierung. Verpflegung müssen sie selbst mitbringen. So steht es in der Vorladung. Ihr letztes Schnitzel auf deutschem Boden – und tschüss.
Das Böhmermann-Prinzip: Unschuldsvermutung erklären, Schuldgefühl liefern
Bevor ich zur Sache komme, Jan, kurz ein Wort zu deinem Auftakt: Der Vibecheck wird im YouTube-Transkript mit „Weibcheck“ übersetzt. Da ist mir der Schreck in die Glieder gefahren. Hast du die Sendung wirklich mit einem „Weibcheck“ eröffnet? Hast du das Wort einfach so durch die Gegend geworfen, als wäre es 2003 und wir säßen bei Stefan Raab? Das sind Zeiten, an die sich kaum jemand gerne erinnert.
An dieser Stelle dachten wir kurz, Youtube sei von den Taliban gekapert worden.
© ZDF/ Screenshot
Da dachte ich: Machst du zu Beginn einer Sendung über Frauenunterdrückung einen „Weibcheck“, als wärst du Peter Pussy vom ZDF und würdest über eine 16-jährige Miss Rhein-Ruhr herziehen? Sprichst du über ein Regime, dessen Vertreter Frauen wie Bonbons mit oder ohne Folie behandeln, und machst Frauen selbst zu einem Funktionsgegenstand? Aber gut. Selbstironie, kann ja sein. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe meiner Frau letzte Woche gesagt, ihre neue Frisur sei „mutig“. Seitdem reden wir über vieles, aber nicht mehr über die Frisur.
Die eigentliche Pointe ist nicht die Pointe
Du verbringst die halbe Sendung damit, dich an dem Wort „technische Kontakte“ abzuarbeiten. Alexander Dobrindt sagte in einem Bild-am-Sonntag-Grillinterview auf einem Tiefgaragendach – ich liebe diesen Medienbetrieb –, es gebe „technische Kontakte“ nach Afghanistan. Und du machst daraus zehn Minuten Aufdeckungs-Theater. Sehr gut. Sehr richtig. Sehr verdient. Wer das Wort „technisch“ benutzt, um zu sagen: „Wir reden mit Mörderbanden“, gehört auseinandergenommen.
Aber, Jan, hier wird’s interessant.
Du wütest gegen den Gedanken, dass Deutschland mit den Taliban redet. Du nennst es Heuchelei. Du nennst sie Verbrecher. Du nennst sie Mörderbande, kriminelle islamistische Wahnsinnige. Alles korrekt.
Und gleichzeitig willst du, dass Deutschland die Menschen, die vor genau diesen Mördern geflohen sind, nicht abschiebt. Auch das ist korrekt.
Aber dann frage ich dich, in aller Freundschaft, Habibi: Wie soll das gehen? Wie schiebt man Menschen in ein Land ab, in dem die Regierung nicht anerkannt ist, ohne mit dieser Regierung zu reden? Die ehrliche Antwort wäre: Man schiebt nicht ab. Aber das sagst du nicht. Du sagst es jedenfalls nicht klar. Du sagst stattdessen: Skandal, Pop-up-Botschaft, Casting, Mercedes, winkender Bart.
Das ist rhetorisch elegant. Es ist aber argumentativ ein Fluchttunnel. Du fütterst dein Publikum mit Empörung und überlässt die Frage, was Deutschland eigentlich tun soll, dem Abspann.
Wer eigentlich verantwortlich ist, bleibt offen
Du wirfst das BAMF, das Auswärtige Amt, die Bundespolizei und das Bundesinnenministerium in einen Topf, rührst kräftig um und nennst das Ganze „Berlin“. Das ist gute Comedy. Es zeugt jedoch von schlechtem Verwaltungsverstehen.
Das BAMF stellt einen Raum zur Verfügung. Die Bundespolizei führt vor. Das Innenministerium will. Das Auswärtige Amt schwitzt im Hintergrund und formuliert Sätze mit dem Wort „technisch“ darin. Vier Akteure, vier Logiken, eine Schauseite. Du verkaufst es als monolithische Heuchelei der Ampel-Regierung. Es ist aber, sehr deutsch, ein Versagen mit klaren Zuständigkeiten.
Wenn du jemanden in der Bundesregierung dafür verantwortlich machen willst, müsstest du auch das Auswärtige Amt benennen. Das tust du nicht. Vielleicht, weil du dann erklären müsstest, wer es lange Zeit geführt hat und nun Halbmarathons in New York läuft und sich auf Instagram inszeniert. Vielleicht, weil es in deine Erzählung gerade nicht passt. Ich weiß es nicht. Ich frage nur.
Der Taubenschlag mit Litani: Während du in Bonn vor dem Waschsalon stehst und Transporter zählst, hat Israel laut dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte im Südlibanon innerhalb weniger Stunden 30.000 Menschen vertrieben. Eine Million im Libanon insgesamt. Zwei Millionen sind es im Iran nach den US-Bombardements im Juni. Fast die gesamte Bevölkerung in Gaza, 5,27 Millionen Menschen in der Region wurden vertrieben. 1,85 Millionen davon sind Kinder.
Und in Deutschland streiten wir über 138 Abschiebungen
Ich sage nicht, dass diese 138 Menschen nicht wichtig sind. Sie sind es. Jeder einzelne Fall ist es. Wenn du aber eine halbe Stunde Sendezeit für einen winkenden Mann in einem Mercedes verwendest und in keinem Nebensatz erwähnst, dass nebenan gerade eine Region in Bewegung ist, die Deutschland in den nächsten zehn Jahren beschäftigen wird, dann ist das kein Magazin Royale. Das ist Vorabendsoap mit bröckelndem Politanstrich.
Was ich vermisse, ist eine Sekunde Selbstkritik. Eine einzige. Du hast 2021, als die letzten Bundeswehrsoldaten Kabul verließen und sich Menschen an Flugzeuge klammerten, mit zugespitzter Empörung den Staat angeklagt. Zurecht. Heute, vier Jahre später, klagst du denselben Staat dafür an, dass er Menschen wieder dorthin schickt. Auch zurecht. Was du nie sagst: Welche Politik wäre die richtige gewesen? Aufnahme aller? Mehr Bundeswehr? Weniger Aufnahme? Sanktionen? Dialog?
Du sagst über die Bundesregierung: „Wir wollen mit den Taliban nichts zu tun haben, aber wir tun es.“ Stimmt. Du sagst über dich selbst: „Ich rege mich über Heuchelei auf.“ Stimmt auch. Du sagst jedoch nicht: „Ich schlage vor, dass wir nicht abschieben.” Schade. Das wäre die ehrliche Position gewesen. Vor allem, wenn du die nächsten Schritte erklärst.
Vielleicht ist das ja das eigentliche Problem mit der Sendung, Jan: Du klagst die Heuchelei eines Staates an, der zwei Dinge gleichzeitig will, aber nichts davon erreichen kann – keine Anerkennung der Taliban und Abschiebungen nach Afghanistan. Du selbst willst auch zwei Dinge gleichzeitig: die Bundesregierung verachten und keine eigene Position riskieren. Geht beides nicht.
Dein Geschenk für die Taliban: Der Mann auf dem Beifahrersitz winkt freundlich. Er weiß, warum. Er hat bekommen, was er wollte: eine deutsche Bundesbehörde als Kulisse, vier Stunden Bonner Diensträume, fünfundzwanzig Männer im Charterflug und eine internationale Aufwertung im Mercedes-Maßstab.
Du hast ihm das Foto geschenkt. Er wird es einrahmen.
Das ist die eigentliche Pointe. Nicht der Skandal. Sondern dass er zurückwinkt – und er weiß, dass wir nichts dagegen unternehmen werden, weil wir uns lieber über das Foto streiten, als die Frage zu stellen, was wir mit den Menschen machen, die vor ihm und seinen Folterfreunden geflohen sind. Wie wir sie integrieren in diese Gesellschaft. Wie wir die Last aufteilen. Innerhalb Europas, innerhalb der westlichen Welt, aber auch innerhalb dieses Landes. Was Gutverdiener und Mehrfachabrechner wie du dazu beitragen. Es gibt viele Fragen. Du hast wenige beantwortet.
Schalom!
Harald Neuber
Nachrichtenchef, Ostdeutsche Allgemeine Zeitung und Berliner Zeitung
Mea culpa des Autors: Oben im Text stand an einer Stelle ohne weitere Erklärung „Weibcheck“ – ein bewusst gesetztes Wortspiel. Schließlich servierte YouTube's automatische Untertitelung den Böhmermannschen „Vibecheck“ genau so: als „Weibcheck“. Eine zu schöne Steilvorlage, um sie liegen zu lassen. Dann kam die Pointenpolizei. Leider habe ich versäumt, diesen feinen Bezug auch nur ansatzweise zu erklären. Die Folge waren zahlreiche ratlose Rückfragen und irritierte Mails. Ich habe die Stelle daher geändert – nicht, weil das Original falsch war, sondern weil ein Witz, den niemand versteht, eben doch nur ein Witz ist, den niemand versteht. Lehre fürs nächste Mal: erst der Check, dann der Vibe.
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