Noura Wiedenmann, Betreiberin der Lokale San Remo und Pascucci, hat die Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt aus nächster Nähe miterlebt. Im Interview schildert sie, wie ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit mehrere Passanten erfasste und Schwerverletzte hinterließ.
Wiedenmann stand nach eigenen Angaben gerade im Außenbereich ihres Lokals San Remo und besprach organisatorische Fragen mit einer Mitarbeiterin, als sie einen lauten Knall hörte. „In dem Moment, wo ich mich umgedreht habe, war das Auto schon am San Remo“, sagte sie. Auf dem Wagen habe sich eine Frau befunden, die sich am Fahrzeug festgekrallt habe. „Die hat gekämpft, um zu überleben.“
Die Gastronomin Noura Wiedenmann hat die Amokfahrt aus nächster Nähe miterlebt: „Die Frau wurde vom Starbucks bis Pascucci mitgeschleift.“
© Alexander Schuhmann
Das Fahrzeug sei mit derart hoher Geschwindigkeit weitergefahren, dass die Frau bis zum Lokal Pascucci mitgeschleift worden sei. Die Strecke vom Starbucks bis Pascucci habe der Fahrer „geschleudert“ zurückgelegt, beschrieb Wiedenmann. Beim Starbucks habe sich der größte Teil des Geschehens abgespielt: Dort habe ein Mann am Boden gelegen, dem Passanten sofort zu Hilfe gekommen seien und versucht hätten, ihn zu reanimieren. Andere Helfer hätten den Kopf eines weiteren jungen Mannes stabilisiert, weil ein Schädel-Hirn-Trauma vermutet worden sei.
Vor dem Pascucci habe ein junges Mädchen am Boden gelegen, das vom Fahrzeug am Becken erfasst worden sei. Das Alter schätzte Wiedenmann auf 18 bis 25 Jahre.
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Festnahme durch Polizist und Passanten
Nach der Amokfahrt hätten Passanten aus Richtung des Parks das Fahrzeug gestürmt und auf das Auto geschlagen, um den Fahrer herauszuholen. „Dann kam ein junger Polizist sehr schnell“, berichtete Wiedenmann. Gemeinsam mit den Passanten habe der Beamte den Fahrer aus dem Wagen gezogen, zu Boden gebracht und ihm Handfesseln angelegt. Anschließend sei der Mann in ein Polizeifahrzeug gebracht worden.
Wiedenmann beschrieb die Lage als „absolutes Chaos“. Viele Verletzte hätten reglos am Boden gelegen, andere hätten geschrien. Auch ihr eigenes Personal sei zusammengebrochen. Sie selbst sei zwischen ihren beiden Lokalen hin- und hergelaufen, um Mitarbeitende und Gäste zu beruhigen, von denen mehrere unter Schock standen. „Ich war selbst überrascht, was ich aus mir herausgeholt habe in dem Moment“, sagte die Gastronomin. Ihre Beschäftigten habe sie nach dem Vorfall nach Hause geschickt, damit diese das Erlebte verarbeiten könnten.
Zu der Frau, die auf dem Fahrzeugdach mitgerissen wurde, konnte Wiedenmann keine genaueren Angaben machen. Diese sei vom Fahrzeug erfasst, gegen die Scheibe geschleudert und auf dem Dach gelandet, bevor sie sich dort festgehalten habe.
Die Kellnerin: „Es klang, als ob jemand geschossen hätte“
Eine Kellnerin, die in einem Lokal in unmittelbarer Nähe des Tatorts arbeitet, schildert indes, wie sie die Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt am Vortag erlebt hat. Das Fahrzeug sei nach ihren Angaben rund 80 Meter vom Lokal entfernt direkt in eine Klavierinstallation gefahren, berichtet Stephanie, 27. Zunächst habe sie und ihre Kolleginnen das Geräusch nicht eindeutig zuordnen können: „Es klang so, als ob jemand geschossen hätte.“ Auch andere Zeugen hätten zunächst von Schüssen gesprochen.
Ihr Chef sei nach vorn gelaufen, um nachzusehen. „Da lag schon einer auf dem Boden, den sie reanimiert haben“, schildert die Kellnerin den Moment nach dem Aufprall. Rettungskräfte und Polizei seien binnen kürzester Zeit vor Ort gewesen: „Es ging so schnell. Es gab den Knall und dann stand hier alles voll. Der Hubschrauber kam.“
Panische Passanten suchten Schutz im Lokal
Auch wenn das Restaurant nicht direkt betroffen war, habe das Personal die Auswirkungen unmittelbar zu spüren bekommen. Rund 20 bis 30 Menschen seien panisch in Richtung des Lokals gerannt, schätzt die Kellnerin. „Du hast gesehen, die sind … Also ich will nicht wissen, wie es den Leuten dort geht, die in diesen …“, sagt sie und bricht ab.
Auffällig sei für sie der Kontrast gewesen: Während im hinteren Bereich der Betrieb zunächst weiterlief, sei vorn bereits Chaos ausgebrochen. „Ich war ein bisschen baff, weil ich guckte dahinter und es lief einfach alles normal weiter. Obwohl die Leute ja schon hierher rannten.“ Den flüchtenden Passanten habe man jedoch angesehen: „Es ist irgendwas Schlimmes passiert.“
Die Familie der Mitarbeiterin habe sofort versucht, sie zu erreichen, da bekannt war, dass sie in der Nähe arbeitet. „Die haben das da auch noch gar nicht gehört“, sagt sie über die ersten Anrufe.
Wunsch nach Rückzug nach Schichtende
Nach Schichtende habe die Kellnerin, die eine vierjährige Tochter hat, vor allem nach Hause gewollt. „Ich war froh, dass sie mich nicht abgeholt hat, wie sie es sonst immer macht mit meinem Mann. Also ich war froh, als ich zu Hause war. Ich wollte einfach nur weg.“ Auf das Angebot psychologischer Unterstützung, die nach dem Vorfall in der Nähe eingerichtet worden sei, habe sie zunächst nicht zurückgegriffen: „Ich wollte einfach nur nach Hause.“
Der Honighändler: „Es dreht ja überall mal einer durch“
Es ist kurz nach 14 Uhr, als ich am Stand eines Honighändlers stehe. Der Verkäufer, der nach eigenen Angaben regelmäßig dienstags und freitags hier auf dem Marktplatz ist, wirkt zurückhaltend. Die Stimmung sei gedrückt, sagt er. Seit dem frühen Morgen werde aufgebaut, doch der erhoffte Andrang bleibe aus.
„Kaum Leute da. Weniger als sonst heute“, sagt der Händler und blickt über den Platz.
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Im Gespräch kommt die Frage auf, warum bestimmte Vorfälle in der Gesellschaft zuzunehmen scheinen. Der Händler überlegt kurz, dann antwortet er nüchtern: „Ich meine, es dreht ja überall mal einer durch. 85 Millionen Menschen, die da in einem Land sind, dann passiert so was schon.“
Er empfindet es als schlimm, dass solche Ereignisse mittlerweile zur Normalität gehörten. In den vergangenen Jahren habe sich das so entwickelt, sagt er. Vorher seien es andere Themen gewesen, die die Menschen beschäftigt hätten – welche genau, lässt er offen. Der Händler wendet sich wieder seinen Gläsern zu. Auf dem Platz bleibt es ruhig.
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