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Der schillernde Lebemann und Weltreisende Fürst Pückler-Muskau stand zu seiner Zeit für Exotik, Eleganz und Genuss. In einem Reisebericht von 1835 über Afrika erfindet er das Wort „Fernweh“, als Ausdruck von schmerzlicher Sehnsucht nach der Ferne und dem Unbekannten. Er leide nie an Heimweh, im Gegenteil. Menschen wie Pückler-Muskau, die nicht dort leiden, wo sie nicht sind, sondern dort, wo sie sind, werden zu Markenbotschaftern von heutigen Arbeits- und Lebensmüden: Egal wohin, Hauptsache weg von hier, so lautet das Firmenmotto.
Während man dem Fürsten mit gutem Gewissen unterstellen kann, in größeren Zusammenhängen gedacht und in komplexeren emotionalen Zuständen gefühlt zu haben – er war schließlich auch ein begnadeter Landschaftsarchitekt –, treibt den modernen Menschen weniger der Wunsch nach echter Freiheit. Er möchte den Zwängen des Alltags und seiner vertrauten Umgebung entfliehen, sie sucht Selbstverwirklichung beim Retreat „Angstfrei Klöppeln“, beim „Vulva Watching“ ist kurzfristig noch ein Platz frei geworden. Jetzt buchen! Große Welt, kleine Welt.
Zwischen Levi's und einem DJ ohne Publikum: Dann geh doch nach Schwarzheide
Trifft sich einer, der aus Überzeugung in der DDR blieb, mit einem, der flüchtete
Als ich Ende der Achtzigerjahre in Leipzig Schauspiel studierte, erzählte man sich auf WG-Partys in der Rosenthaler Straße, dass es in der Theaterwissenschaft einen Professor gebe, der jeden Abend nach dem letzten Seminar zum Leipziger Hauptbahnhof spazierte, um dort stundenlang, manchmal bis spät in die Nacht, den ausfahrenden Zügen nachzuschauen und vor Glück zu weinen.
Der Bahnhof von Leipzig war nicht irgendein beliebiger Haufen aus Gleisen und Beton, er war der größte Kopfbahnhof Europas, größer als der Gare du Nord in Paris und der Bahnhof in Madrid. Nach Paris und Madrid fuhren keine Züge. Dorthin konnte man allein oder mit einer heimlichen Geliebten nur mit Literatur reisen. Damit kannte er sich aus, das war sein Programm. Bürgerliche Literatur im sozialistischen Theater.
Arme wie meine Oma Hilde aus Berlin-Friedrichshain
In der Kantine diente uns Frau Freiheit als Elternersatz. Sie brachte alles mit, was man sich als Schauspielstudent von einer Mutter und einem Vater nur wünschen konnte. Fürsorge und Strenge. Kaffee, belegte Brötchen, Bockwurst und Mittagessen bis 14.30 Uhr. Sie war klein und dick, trug immer eine saubere ärmellose Schürze aus Dederon – hatte dieselben schwabbligen Arme wie meine Oma Hilde aus Berlin-Friedrichshain.
Vielleicht hatte ich deshalb eine intensivere Verbindung zu ihr, als meine Kommilitonen sie hatten, oder bildete ich mir das nur ein, wenn sie mich zärtlich mit „Was darf’s denn sein, Herr Volker?“ ansprach und sich dabei so nach vorn beugte, dass ich direkt auf ihr üppiges Kittelschürzen-Dekolleté starren musste. Eine Bockwurst bitte, Frau Freiheit. Die sind leider gerade aus, Herr Volker. Aber wenn Sie noch fünf Minuten Zeit haben, dann steck ich Ihnen noch eine rein.
Fünf Minuten. Ich überlegte kurz, ob das in meinen Zeitplan passt. In der Regel hetzten wir von Probe zu Unterricht, von Unterricht zu Probe. Die Wege waren kurz, die Zeit dennoch knapp. Im Garten noch kurz eine rauchen wollte ich auch. Zu spät kommen, das war keine Option für mich. Fleischmann würde mir den Arsch aufreißen.
Danke, Frau Freiheit, das schaffe ich nicht.
Das Konzept von Surprise-Flugreisen funktioniert nach dem Prinzip: Fernweh im Überraschungsei, Freiheit als Pauschalreise mit Vollverpflegung. Das Problem: Der zeitgemäße Mensch war schon an den verstecktesten Orten, bevor er sie überhaupt gesehen hat. Mit dem Daumen hat er sich durch alle Regionen dieser Welt geswipt.
Schnellverbrennungstriebwagen der Bauart Hamburg auf dem Museumsgleis 24 des Leipziger Hauptbahnhofs
© Zoonar.com/Stefan Ziese/Imago
Mattheuers Gemälde fordert den Betrachter heraus
Das macht jede Reise auf den anderen Kontinent zu einem Kurztrip in die Nachbarstadt. Die Sehnsucht hat die Welt vergrößert, die Freiheit hat die Kinder geschrumpft.
Auf dem Gemälde des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer sehen wir eine sandige, hügelige Dünenlandschaft, die karg und lebensfeindlich wirkt. Der Horizont liegt relativ tief, was den Himmel sehr groß und mächtig erscheinen lässt. Das Licht ist diffus und kalt, fast wie in einer Mondlandschaft oder kurz vor der Dämmerung. Es gibt keine harten Schatten, was der ganzen Szene ebenso etwas Traumartiges wie Unwirkliches verleiht. Es gibt hier keine Vegetation, keine Bäume, kein Tier, kein Leben. Die kühle, distanzierte Atmosphäre wird durch den bewussten Einsatz von Blau- und Grautönen erzeugt. Der Boden bildet einen stumpfen Kontrast zum kalten Himmel.
Der halb nackte Sisyphos lässt den Stein auf der Bergspitze einfach liegen, flieht vor seiner Aufgabe und springt behend ins Ungewisse, in eine weite leere Landschaft. Man sieht und fühlt, wie entschlossen er aus dem Bildraum flüchten will.
In der westlichen Tradition steht eine Bewegung nach rechts oft für die Zukunft oder den Aufbruch. Mattheuers Figur flieht in die entgegengesetzte Richtung. Was ihn dort erwartet, auf der anderen Seite, muss der Betrachter selbst entscheiden. Sein Handeln macht ihn gleichzeitig zum Helden und zum Deserteur. Endlich hat er die Freiheit gewonnen und seine Bedeutung verloren.
Heute Abend fahre ich nach Leipzig, suche nach dem alten Mann, wische seine Tränen, fasse vorsichtig nach seinen Händen. Sie können jetzt loslassen, Herr Professor.
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie POLEMIKA – unsachlich & persönlich.
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