Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vor einem möglichen „systemischen“ Schock für das Finanzsystem durch neue KI-Modelle gewarnt. Die Fähigkeiten dieser Systeme erhöhten das Cyberrisiko zu einem potenziellen makrofinanziellen Schock, schrieben hochrangige IWF-Vertreter am Donnerstag in einem Blogbeitrag. Ein Durchbrechen der Abwehr sei „unvermeidlich“, Politik und Aufsichtsbehörden müssten sich darauf vorbereiten.
Fortgeschrittene KI-Modelle könnten laut IWF die Zeit und Kosten drastisch senken, die für das Aufspüren und Ausnutzen von Sicherheitslücken nötig seien. Dadurch steige die Wahrscheinlichkeit, dass Schwachstellen in weit verbreiteten Systemen gleichzeitig entdeckt und angegriffen würden. Das Cyberrisiko betreffe damit zunehmend „korrelierte Ausfälle“, die Finanzintermediation, Zahlungsverkehr und Vertrauen auf systemischer Ebene stören könnten.
KI-Modell Claude Mythos sorgt für Aufruhr
Anlass der Warnung ist laut dem IWF-Beitrag die kontrollierte Veröffentlichung des KI-Modells Claude Mythos durch das US-Unternehmen Anthropic. Das Modell wurde zunächst an rund 40 überwiegend US-amerikanische Organisationen ausgegeben, darunter Amazon, Microsoft und Großbanken wie JPMorgan Chase. Anthropic teilte vergangenen Monat mit, Mythos habe „Tausende hochgradig kritische Schwachstellen“ gefunden, unter anderem in jedem großen Betriebssystem und Webbrowser. Die Folgen für Wirtschaft, öffentliche Sicherheit und nationale Sicherheit könnten „schwerwiegend“ sein.
Der IWF verwies darauf, dass viele Banken außerhalb der USA bislang keinen Zugang zu dem Modell hätten, was zu ungleichen Schutzniveaus führe. Schwellen- und Entwicklungsländer mit knapperen Ressourcen seien besonders gefährdet, da Angreifer Regionen mit schwächeren Abwehrmaßnahmen ins Visier nehmen könnten.
Da viele Finanzinstitute dieselbe Software und gemeinsame Dienstleister nutzten, könnten KI-Modelle laut IWF „gleichzeitige Schwachstellen in vielen Instituten“ schaffen. Finanzsoftware sei zwar schwerer angreifbar als Open-Source-Infrastruktur, dieser Schutz dürfte jedoch „schnell erodieren“, sobald sich die Modellfähigkeiten verbreiteten und Datenlecks aufträten.
Was könnte bei Angriffen auf mehrere Institute passieren?
Würden mehrere Institute gleichzeitig getroffen, könnten Vertrauensverluste, Zahlungsstörungen, Liquiditätsengpässe und Notverkäufe folgen, warnte der Fonds. Cyber-Stresstests, Szenarioanalysen und eine Aufsicht auf Vorstandsebene seien daher „unverzichtbar“. Zudem forderte der IWF eine stärkere internationale Zusammenarbeit: „Cyberrisiken machen nicht an Grenzen halt.“
Das ebenfalls vom IWF zitierte Unternehmen OpenAI verfolgt nach eigenen Angaben mit einer spezialisierten Cyber-Variante seines Modells GPT-5.5 einen anderen Ansatz und will Verteidiger schneller und in größerem Umfang ausstatten. Der IWF betonte, KI sei auch Teil der Lösung: Finanzinstitute setzten zunehmend KI-gestützte Werkzeuge ein, um Bedrohungen zu erkennen, Betrug zu verhindern und auf Vorfälle zu reagieren.
Kehrtwende in USA bei KI-Regulierung in Erwägung
Die Fähigkeiten von Mythos haben in den USA bereits eine politische Debatte über den Umgang mit leistungsfähigen KI-Modellen ausgelöst. Anfang Mai berichtete die New York Times, dass die US-Regierung unter Präsident Donald Trump nun in einer Art politischer Kehrtwende eine staatliche Aufsicht über neue KI-Modelle erwägt.
Geplant sei eine Executive Order, die eine Arbeitsgruppe aus Tech-Managern und Regierungsvertretern mit der Ausarbeitung möglicher Prüfverfahren beauftragen soll. Auslöser sei laut Bericht das im April vorgestellte Modell Mythos von Anthropic gewesen.
Der Schritt wäre eine Abkehr vom bisherigen Deregulierungskurs: An seinem ersten Amtstag 2025 hatte Trump eine Verordnung seines Vorgängers Joe Biden aufgehoben, die KI-Entwickler zu sicherheitsrelevanten Tests vor der Veröffentlichung verpflichtet hatte. Ein Sprecher des Weißen Hauses bezeichnete Berichte über eine konkrete Verordnung gegenüber Reuters als „Spekulation“.
Trump-Regierung plant offenbar Kehrtwende bei KI: Warum jetzt mehr staatliche Aufsicht her soll
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