Wenn das mal kein Hauptstadt-Cast ist: Mit Mišel Matičević, Alexander Fehling und Marie Leuenberger sind im Spielfilm „Verbrannte Erde“ gleich drei gebürtige Berliner in den Hauptrollen zu sehen. Der zweite Teil von Thomas Arslans Trojan-Trilogie stellt erneut den Berufskriminellen Trojan (Matičević) in den Mittelpunkt, den die Suche nach Aufträgen wieder nach Berlin führt.
Der Film wurde auf der Berlinale uraufgeführt und vom Verband der deutschen Filmkritik zum besten Spielfilm des Jahres 2024 gekürt. „Durch seine subtil fesselnde Dynamik zieht uns der Film in eine vertraute Fantasie aus Unverletzlichkeit und Kontrolle, deren klug inszeniertes Scheitern tief blicken lässt“, hieß es zur Begründung.
Wer noch keine Gelegenheit hatte, sich den hochspannenden, in den Straßen der Hauptstadt gedrehten Gangsterfilm anzuschauen, der kann das jetzt beim „KinoFestival im Ersten“ nachholen. Und vorher noch das Berlin-Interview schmökern, das wir mit Marie Leuenberger geführt haben, die im Film die Fluchtwagenfahrerin Diana spielt.
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1. Frau Leuenberger, Sie sind 1980 in Berlin zur Welt gekommen und als Tochter eines Schweizers und einer Deutschen in Basel aufgewachsen. Wie viel Berlin und wie viel Basel steckt in Ihnen?
Also wenn ich in Berlin unterwegs bin, dann verspüre ich regelmäßig den Wunsch, dass ich die Leute zur Freundlichkeit erziehen möchte, zur Rücksichtnahme und Sauberkeit. Das ist typisch schweizerisch. Wenn ich dann in der Schweiz bin, und alle sind freundlich, rücksichtsvoll und ordentlich, dann ist mir das zu viel und ich wünsche mir sehnlichst die Berliner Schnauze, das Chaotische und die Lebendigkeit her.
2. Sie haben beide Staatsangehörigkeiten, die deutsche und die der Schweiz. Wo fühlen Sie sich zu Hause, was ist Heimat für Sie?
Heimat bedeutet für mich Vertrautheit und Geborgenheit. In der Schweiz wohnt der Großteil meiner Familie, die Sprache, die Landschaft, die Kultur, das ist mir alles sehr vertraut. Aber geborgen fühle ich mich mittlerweile in Berlin, das ist mein Zuhause geworden. Ich bin ja hier geboren, aber schon als Kleinkind in die Schweiz gezogen. Als ich 1996 zum ersten Mal wieder nach Berlin zurückkam und der Zug im Bahnhof Zoo eingefahren ist, da hatte ich ganz stark das Gefühl, nach Hause zu kommen. Diesen Moment werde ich nie vergessen.
Zur Person
3. Wann haben Sie entschieden, dass Berlin der Ort ist, an dem Sie leben wollen – und nicht Basel oder München, wo Sie Schauspiel studierten?
Ich hab auch lange in Hamburg gewohnt und dort am Deutschen Schauspielhaus gespielt. Als es bei mir losging mit Film, habe ich mein Festengagement am Theater aufgegeben, um mehr drehen zu können. Keine Anstellung gab mir nun den Wohnort vor. Ich durfte zum ersten Mal in meinem Leben frei entscheiden, wo ich leben möchte: Und ich wollte in meine Geburtsstadt Berlin. Ich bin davor oft beruflich umgezogen und habe in jeder Stadt bei null anfangen müssen. Und in Berlin kannte ich schon viele Kollegen und Kolleginnen. Ich zog in diese Stadt und hatte von Anfang an einen Freundeskreis. Das war toll!
4. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie seither gewohnt, und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
In den 90er-Jahren wohnte ich bei meiner Tante Regine in Kreuzberg, wenn ich in den Schulferien Berlin besuchte. Sie hatte eine riesige Wohnung im vierten Stock mit Kohleofen. Indisch essen in der Körtestraße fand ich so exotisch! Wir besuchten das Tacheles, Bertolt Brechts Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben U-Bahn gefahren (ich liebe den Geruch der Berliner U-Bahn immer noch). Wir haben „Linie 1“ im Grips-Theater gesehen, den Palast der Republik fotografiert und uns staunend die riesige Baustelle am Potsdamer Platz angeschaut. Später besuchte ich immer meine Schauspielschulfreundin in Schöneberg, und wir gingen oft Kaffee trinken in der Akazienstraße. Mein Lebensmittelpunkt ist dann seit 2010 der Prenzlauer Berg geworden.
5. In den sozialen Medien liest man sehr viel Berlin-Bashing. Viele Menschen meinen, die Stadt habe sich in den letzten Jahren zum Negativen verändert, sei dreckiger und aggressiver geworden. Wie sehen Sie das?
Naja, die sozialen Medien sind auch einfach nicht sozial. Aber klar hat sich Berlin verändert, ist voller und das Leben hier für uns alle spürbar teurer geworden. Die zunehmende Aggressivität hat aber vielleicht auch mit den sozialen Medien zu tun: Wenn man immer sagt, wie scheiße etwas ist, fangen die Menschen auch an, nur noch die „Fehler“ in der Welt wahrzunehmen ... Ich lebe immer noch sehr gern hier in dieser Stadt, ich fühle mich hier seit jeher frei.
6. Die Schweiz gilt ja in vielen Bereichen als streng und stark reglementiert, insbesondere was Ordnung, Pünktlichkeit und die Einhaltung von Vorschriften angeht. Berlin dagegen wird für seine Liberalität gefeiert. Fehlt Ihnen die Schweizer Strenge hier manchmal?
Also als ich neulich acht Wochen auf mein neues Nummernschild warten musste, da hab ich starke Schweizer Ordnungssehnsucht gefühlt. Die Behörden hier sind so unfassbar langsam. Wenn ich bei der Schweizer Botschaft meinen Pass erneuern muss, hab ich a) ganz schnell einen Termin, und b) ist der Pass dann auch noch sechs Tage später im Briefkasten. Das grenzt für Berliner Verhältnisse schon fast an Zauberei!
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Oh, das ist schwer zu beantworten. Für mich ist Berlin wie ein ganzes Land in einer Stadt: Kreuzberg ist so anders als Prenzlberg, Friedrichshain oder Moabit. Wenn ich meine Freundin in Charlottenburg treffe, dann ist das fast wie ein Citytrip, weil dort Berlin so anders ist als bei mir im Kiez. Und ich liebe es, die Stadtränder zu entdecken, sei es den Bucher Forst, die Havel, Rennradstrecken hinter Ahrensfelde oder Badestellen an der Dahme. Berlin wird nie langweilig.
8. Ihre persönliche No-go-Area?
Die No-go-Areas sind eher Go-fast-Areas. Wenn zu viele kaputte Leute zu sehen sind, nimmt mich das voll mit.
9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Nach einem Kinobesuch im La Muse Gueule, leger-chic in der Trattoria Toscana oder bei Herr Rossi. Wenn was ganz Besonderes ist, dann im Bandol sur mer. Oder aber nach Kreuzberg, dort gibt es richtig viele sehr tolle Restaurants.
10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Shoppen ist nicht meine Stärke, ich langweile mich meistens dabei.
11. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?
Wenn die Parks am Wochenende mit Grillenden und Techno-Jüngern überfüllt sind. Und dass so viel geschimpft wird. Uns geht es doch im Vergleich zum Rest der Welt soooooo verdammt gut!
12. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?
Zu Hause brunchen. Rausgehen und einen Stadtspaziergang machen: einfach treiben und überraschen lassen von der Architektur, den historischen Orten, Läden, Galerien, zwischendurch Kaffee trinken, weiter spazieren. Im C/O Berlin eine Fotoausstellung anschauen und danach mit dem Fahrrad durch den Tiergarten zurück in den Kiez fahren. Abends für Freunde kochen.
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