Der 1. FC Lokomotive Leipzig und der FC Carl Zeiss Jena gehören zu den Ostvereinen mit großer Vergangenheit. Sie standen zu DDR-Zeiten sogar jeweils im Europacup-Finale der Pokalsieger. Lok unterlag 1987 in Athen Ajax Amsterdam mit 0:1. Jena musste 1981 in Düsseldorf Dynamo Tiflis mit 1:2 den Vortritt lassen.
Die Trophäe, um die sich die Sachsen und Thüringer am kommenden Wochenende streiten, ist auf den ersten Blick um Lichtjahre weniger bedeutend. Es geht ja „nur“ um den Staffelsieg in der Regionalliga Nordost.
Doch am Sonnabend (16. Mai) werden ab 14 Uhr Tausende Fans in den Stadien von Leipzig und Jena, vorm Fernseher oder am Radio ein extrem spannendes Fernduell verfolgen. Vor dem 34. und letzten Spieltag der Saison 25/26 sind beide Vertretungen punktgleich. Sowohl Lok als auch Carl Zeiss haben 69 Zähler auf dem Konto.
Lok führt nur aufgrund des besseren Torverhältnisses
Leipzig besitzt lediglich ein um vier Tore besseres Torverhältnis. Deshalb dürfte im Heimspiel gegen die zweite Vertretung des 1. FC Magdeburg mutmaßlich ein Sieg zur Meisterschaft reichen, der zur Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur 3. Liga gegen den Vertreter der Regionalliga Bayern berechtigt.
Jena hat dagegen den Erzrivalen Rot-Weiß Erfurt zu Gast, der nach dem jüngst daheim gegen den FC Carl Zeiss verlorenen Halbfinal-Spektakel im Thüringen-Pokal auf Rache sinnt. Am 29. März stand es 5:5 nach Verlängerung. Die Gäste setzten sich mit 4:2 im Elfmeterschießen durch. Jena und Erfurt sind sich spinnefeind. Auf einen Kantersieg mit fünf, sechs Treffern Differenz kann die Zeiss-Elf deshalb eher nicht hoffen.
Das Momentum ist aber klar auf Seiten des FCC. Nach der 1:4-Pleite bei Magdeburg II am 31. Spieltag hatte Jena fünf Zähler Rückstand. Zwei Runden später ist das Team gleichauf. „Alles ist möglich“, sagte Jenas Trainer Volkan Uluc am Montagvormittag. Lok hatte durch eine 1:3-Pleite gegen den BFC Preußen am 32. Spieltag die Tür noch einmal aufgemacht.
Greifswald und Lok stellen das Fußballspielen ein
Jena siegte erst gegen den BFC Dynamo (2:1) und legte dann am Freitagabend vor. Vor 11.447 Besuchern gelang den Thüringern beim Halleschen FC, der mit 32 ergatterten Punkten immer noch beste Rückrundenmannschaft ist, ein souveräner 2:0-Erfolg. Timon Burmeister traf in der 8. Minute zum 0:1. Alexander Prokopenko sorgte mit dem zweiten Tor in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit für die Vorentscheidung. Damit sprang Jena vorübergehend auf Platz eins, einen Punkt vor Lok.
Die Leipziger spielten erst am Sonntag beim Abstiegskandidaten Greifswalder FC. 1862 Besucher sahen ein denkwürdiges Spiel. Tristan Wagner schoss den Außenseiter in der vierten Minute mit 1:0 in Front. Leipzigs Torjäger Ayodele Adetula holte mit seinem 15. Saisontor in der 65. Minute das 1:1 heraus.
Da Greifswald mit diesem Unentschieden den Klassenerhalt im Fernduell mit dem ZFC Meuselwitz immer noch sicher hatte und Lok wieder auf Platz eins stand, stellten beide Teams in der Schlussphase das Fußballspielen praktisch ein. Minutenlang schoben sich beispielsweise die Greifswalder Verteidiger die Kugel in der eigenen Hälfte hin und her, ohne angegriffen zu werden. „Wir haben keine Veranlassung gesehen, vorn draufzugehen“, sagte Leipzigs Trainer Jochen Seitz.
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Schlechte Werbung für die Nordost-Staffel
Für das Verhalten beider Teams, das an den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Österreich (1:1) während der Fußball-WM 1982 in Spanien erinnerte, gab es von den Zuschauern in Greifswald teilweise Pfiffe. Neutrale Fußballfans sahen das im Netz auch sehr kritisch. Eine Werbung für die Nordost-Staffel war das keinesfalls. „Greifswald und Lok müssen damit leben. Das war nicht schön. Das als normal zu bezeichnen, betrachte ich als Fehler. Ich würde es nicht so machen. Und wie fühlt sich eigentlich Meuselwitz?“, sagte Zeiss-Coach Uluc.
Der ZFC Meuselwitz kann am letzten Spieltag wegen des Drei-Punkte-Rückstands auf Greifswald inklusive eines deutlich schlechteren Torverhältnisses Platz 16 praktisch nicht mehr verlassen. Nur wenn sich Lok oder Jena in der Relegation gegen die Würzburger Kickers durchsetzen, würde Meuselwitz den bereits feststehenden Absteigern Hertha 03 Zehlendorf und FC Eilenburg nicht in die Oberliga folgen.
Leipzig kann das Karma von Greifswald noch ereilen, wenn Jena im Herzschlagfinale vorbeiziehen sollte. Der Unmut des Nordostdeutschen Fußballverbandes hat Greifswald und Lok jetzt schon ereilt. „Ich habe es am Bildschirm verfolgt. Ich bin enttäuscht von beiden Vereinen, das entspricht nicht dem Niveau unserer sonst so attraktiven Regionalliga Nordost. Das ist unsportliches, unfaires Verhalten“, so NOFV-Präsident Hermann Winkler gegenüber dem Kicker.
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