Bewaffnete Boote der libyschen Küstenwache haben am Montagmorgen nach Angaben der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch das Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ im Mittelmeer beschossen. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, ereignete sich der Vorfall gegen 8 Uhr Ortszeit etwa 27 Seemeilen vor der libyschen Küste, kurz nachdem die Crew rund 90 Menschen aus einem überladenen Holzboot gerettet hatte.
Laut Sea-Watch eröffneten die herannahenden Boote mit scharfer Munition das Feuer, zunächst mit einem einzelnen Schuss, dann mit einer Salve von 10 bis 15 Schüssen, und forderten die Besatzung auf, das Schiff zu stoppen, wie die AP die Organisation zitiert. An Bord befanden sich demnach rund 30 Crewmitglieder sowie die geretteten Personen, die um ihr Leben fürchteten. Die Besatzung setzte einen Notruf ab und alarmierte italienische sowie deutsche Behörden.
Gegenüber der auf EU-Politik spezialisierten Nachrichtenseite EUobserver erklärte Sea-Watch-Sprecherin Julia Winkler, soweit bekannt sei niemand getroffen worden. Die Crew habe ein Patrouillenboot der Corrubia-Klasse identifizieren können – ein Bootstyp, den Italien an die libysche Küstenwache geliefert habe. Winkler sagte dem EUobserver, die libyschen Einheiten hätten ohne Vorwarnung geschossen und gedroht, das Schiff samt Besatzung nach Libyen zu bringen. Zur Begründung hätten sie erklärt, sie handelten auf Befehl des Militärs.
EU gibt Libyen Geld für Grenzschutz
Gegenüber AP bestätigte Roberto D’Arrigo, Sprecher der italienischen Küstenwache, den Eingang einer Meldung. Es handle sich offenbar um einen Sicherheitsvorfall, über den die zuständigen Stellen einschließlich Deutschland als Flaggenstaat des Schiffes informiert worden seien. Das Schiff habe sich im von libyschen Behörden koordinierten Such- und Rettungsgebiet befunden und sei anschließend zum italienischen Hafen Brindisi eskortiert worden. Eine Stellungnahme der Regierung in Tripolis lag laut AP nicht vor.
Sea-Watch-Sprecherin Winkler forderte laut AP europäische Regierungen auf, Angriffe durch Kräfte zu stoppen, die „von ihnen bezahlt und legitimiert“ würden. Die EU hat Libyen seit 2015 nach AP-Angaben rund 700 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, ein großer Teil davon für das Grenzmanagement.
EUobserver verweist auf einen ähnlichen Vorfall im August 2025, als die libysche Küstenwache laut der Organisation SOS Mediterranee hunderte Schüsse auf die „Ocean Viking“ abgegeben habe – ebenfalls von einem 2023 mit EU-Mitteln über Italien gelieferten Corrubia-Boot. Anfragen von EUobserver auf Einsicht in entsprechende Berichte der EU-Grenzschutzagentur Frontex seien mit dem Hinweis abgelehnt worden, eine Offenlegung würde „das Leben von Migranten gefährden“.
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