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Ich war ein Wochenkrippen-Kind, das Woche für Woche drei Jahre lang in die Wochenkrippe in Seebergen bei Gotha in Thüringen gebracht wurde. Das Thema ist gerade wieder aktuell und schwappt nach oben, sobald es um die DDR geht.
Waren die Wochenkrippen ein Verbrechen? Politiker, Psychologen, Psychiater, Erzieher streiten zu diesem Thema. Die einen sprechen von seelischen Wunden, die anderen verteufeln sofort das DDR-Regime, in dem es immer nur um den Aufbau des Sozialismus gegangen sei. Nach öffentlich-rechtlichen Angaben gab es die Wochenkrippen ab 1950 bis zum Ende der DDR. Mindestens 100.000 Mädchen und Jungen sollen sie von Montag bis Samstag Tag und Nacht besucht haben. Ich bin eines dieser Kinder gewesen und heute 64 Jahre alt.
Manchmal schaue ich mir eine Fotografie an, die in der Seeberger Wochenkrippe aufgenommen wurde. Genau weiß ich es nicht, aber ich bin darauf wohl etwa ein halbes Jahr alt. Ich sitze auf einem Wickeltisch und halte ein Reh aus Lackstoff in der Hand. Dieser kalte Lack des „Plüschtieres“ symbolisiert für mich meinen Aufenthalt in dieser Kindereinrichtung, obwohl ich keinerlei greifbare Erinnerungen daran habe. Ich weiß ein paar Fakten, die mir später von meiner Mutter berichtet wurden. Von allein erzählt hat sie mir nichts, ich musste alles erfragen. Vermutlich hatte sie später ein schlechtes Gewissen, dass sie mich in eine Wochenkrippe „abgeschoben“ hat.
Riesa, Wochenkrippe des Reifenkombinates im Jahr 1972
© Sächsische Zeitung/Imago
Ein Kind von wenigen Wochen hat keine Sprache
Ich bin im Dezember 1961 geboren worden, dem Jahr, in dem die DDR die Mauer errichtet hat, um sich vor dem Westen abzugrenzen, Abwanderung aufzuhalten und den wirtschaftlichen Ausverkauf aufzuhalten. Sechs Wochen später, also etwa Anfang Februar 1961, wurde ich das erste Mal nach Seebergen gebracht. Heute versuche ich mir vorzustellen, was es für dieses Baby, das ich war, bedeutet hat, plötzlich weg von zu Hause zu sein. Um mich herum waren ausschließlich fremde Personen, die auch noch alle acht Stunden wechselten – eben so wie ihre Schichten. Vielleicht hatte mir meine Mutter zum Abschied an den Montagen immer ins Ohr geflüstert: „Bis Samstag, mein Schatz, dann bin ich wieder da!“
Verstehen konnte ich das in diesem Alter natürlich nicht. Ein Kind von wenigen Wochen hat keine Sprache, kein Gefühl für Zeit, keine Vorstellung davon, was es bedeutet, sechs Tage und Nächte von der Mutter getrennt zu sein. Mein Schmerz muss unerträglich gewesen sein. Dann immer samstags die Hoffnung, alles kommt wieder in Ordnung, weil die Mutter mich nach Hause geholte hatte. Anderthalb Tage, neue Brüche durch die folgenden Montage, wenn es zurück zu den „Tanten“ in der Wochenkrippe ging, von denen ich wohl versorgt worden bin mit Nahrung, sauberen Windeln und Anziehsachen. Aber emotional? Konnten sie mir die Liebe geben, die ich gebraucht hätte. Mich in den Arm nehmen, wie es Mütter für gewöhnlich tun. Ich war ja nicht allein dort in Seebergen. Da waren noch viele andere Babies zu versorgen.
Später als Erwachsene und besonders dann, als ich selbst Kinder bekam, stellte ich mir immer wieder die Frage, warum? Warum hat mich die Mutter weg gebracht. Wie konnte sie das übers Herz bringen?
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Mutter wollte nicht nur Mutter sein
Die Situation zu Hause war für sie jedoch nicht einfach. Sie hatte bereits zwei Kinder im Alter von etwa zehn und acht Jahren. Die Ehe lief nicht gut. Die Wohnungsverhältnisse in den Sechzigerjahren waren schlecht. Die Pille gab es noch nicht, sie wurde in der DDR erst 1965 eingeführt. Eine weitere Schwangerschaft war nicht eingeplant. Meine Mutter studierte und arbeitete. Sie wollte nicht nur Mutter sein; sie wollte auch eine gute Lehrerin werden. Soweit ich weiß, war es ihr wichtig, mitzuhelfen, die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu überwinden. Sie glaubte an eine bessere Gesellschaft, die dem Menschen diente und stellte so ihr privates Leben hinten an.
Das entsprach auch dem sozialistischen Menschenbild, nach dem Frauen die gleichen Bildungs- und Entwicklungschancen wie Männer haben sollten. Berufstätigkeit und Mutterschaft sollten unter einen Hut gebracht werden – und so entstanden eben auch die Wochenkrippen.
Für meine Eltern muss es eine große Erleichterung gewesen sein, dass es diese Möglichkeit gab. Die Trennungen von mir – ich denke, sie haben sich einfach daran gewöhnt. Für sie war es nicht abstrakt, sie hatten eine Vorstellung von einem Zeitraum Montag bis Samstag. Für sie verging diese Zeit sicher sehr schnell. Für mich dagegen vermutlich in Zeitlupe.
Jahrzehnte später bin ich gezielt nach Seebergen gefahren, um meine alte Wochenkrippe zu sehen. Das Haus ist heute keine Kindereinrichtung mehr. Ich bin drumherum gelaufen, habe in einige Fenster geschaut und das kleine Mädchen gesucht, das ich einmal war. Ich habe es nicht in mir gefunden; ich fühlte dort nichts. Das aber entspricht wahrscheinlich dem, wie es mir dort ging. Nichts fühlen, den Schmerz von sich abspalten, um zu überleben.
Ich überlebte dort drei Jahre, kam in einen normalen Kindergarten in Gotha, besuchte eine Polytechnische Oberschule, später eine Sportschule, machte Abitur und studierte. Nach dem Studium heiratete ich und bekam drei Kinder. Mein Leben lang habe ich als Journalistin gearbeitet und ein scheinbar ganz normales durchschnittliches Leben geführt.
Mit einer Ausnahme: Abschiede sind für mich die Hölle – egal von wem, denn es ist wohl immer auch der schmerzvolle Abschied von damals, von der „Mama“.
Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte danach in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung.
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