Die US-Regierung hat die Schäden an der iranischen Militärmacht offenbar deutlich größer dargestellt als sie nach Einschätzung eigener Geheimdienste tatsächlich sind. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf neue geheime Lageanalysen amerikanischer Nachrichtendienste. Demnach verfügt der Iran trotz wochenlanger Angriffe durch die USA und Israel weiterhin über große Teile seiner Raketen- und Abschusskapazitäten.
Besonders brisant ist laut dem Bericht die Lage an der Straße von Hormus. Nach Einschätzung der US-Geheimdienste hat der Iran dort weiterhin Zugriff auf 30 seiner insgesamt 33 Raketenstellungen. Die strategisch extrem wichtige Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman gilt als zentrale Route für den weltweiten Ölhandel. Rund ein Fünftel des globalen Ölverbrauchs wird normalerweise über die Passage transportiert. Wegen des Iran-Kriegs ist der Schiffsverkehr dort inzwischen massiv eingebrochen. Vor Kriegsbeginn passierten laut Reuters monatlich rund 3000 Schiffe die Meerenge, derzeit sollen es nur noch etwa fünf Prozent davon sein.
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Geheimdienstberichte widersprechen Trumps Darstellung
Die geheimen Einschätzungen zeichnen laut New York Times ein deutlich anderes Bild als die öffentliche Darstellung der Regierung von Donald Trump. Der US-Präsident hatte im März erklärt, die iranischen Raketen seien „nur noch verstreut“, militärisch habe der Iran „nichts mehr übrig“. Verteidigungsminister Pete Hegseth sagte im April, die iranischen Streitkräfte seien „vernichtet“ worden und auf Jahre hinaus nicht mehr kampffähig.
Die neuen Geheimdienstberichte kommen jedoch zu einem anderen Schluss. Demnach besitzt der Iran weiterhin etwa 70 Prozent seiner mobilen Raketenwerfer und rund 70 Prozent seines Raketenarsenals aus der Zeit vor Kriegsbeginn. Zudem seien etwa 90 Prozent der unterirdischen Raketenlager und Abschussanlagen inzwischen wieder „teilweise oder vollständig einsatzfähig“. Nach Angaben der Zeitung stützen sich die Bewertungen auf Satellitenbilder sowie weitere Überwachungsdaten. Demnach können iranische Streitkräfte mobile Raketenwerfer aus unterirdischen Anlagen heraus bewegen und teilweise auch direkt von dort starten.
Vor allem die Raketenstellungen an der Straße von Hormus bereiten hochrangigen US-Vertretern laut Bericht Sorgen. Die Anlagen könnten genutzt werden, um amerikanische Kriegsschiffe oder Öltanker anzugreifen, die die Meerenge passieren.
Iran-Krieg belastet US-Waffenarsenal massiv
Die neuen Geheimdienstbewertungen fügen sich in eine Reihe von Berichten über die Belastung der amerikanischen Streitkräfte durch den Krieg gegen den Iran ein. Bereits im April hatte CNN unter Berufung auf eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) berichtet, dass das US-Militär erhebliche Teile seiner Präzisionsmunition verbraucht habe. Mehrere mit internen Pentagon-Einschätzungen vertraute Personen bestätigten dem Sender damals die Größenordnung der Zahlen.
Nach Angaben der New York Times verschossen die USA im Krieg gegen den Iran rund 1100 weitreichende Tarnkappen-Marschflugkörper sowie mehr als 1000 Tomahawk-Raketen. Hinzu kamen über 1300 Patriot-Abfangraketen. Laut der früheren CSIS-Analyse wurden zudem mindestens die Hälfte der THAAD-Abfangraketen und fast 50 Prozent der Patriot-Luftabwehrraketen verbraucht. Experten warnten bereits damals, dass die Wiederauffüllung vieler Bestände mehrere Jahre dauern könnte.
Die New York Times berichtet nun unter Berufung auf Militärkreise, das Pentagon habe bei Angriffen auf iranische Bunkeranlagen teilweise darauf verzichtet, komplette Anlagen zu zerstören, um bunkerbrechende Munition für mögliche Konflikte mit China oder Nordkorea zu sparen. Gleichzeitig wächst in Europa die Sorge, dass bereits bestellte US-Munition für die Ukraine verzögert geliefert werden könnte, falls Washington zunächst die eigenen Lagerbestände auffüllen muss.
Auch wirtschaftlich gerät der Krieg zunehmend zum Problem für die USA. Nach Angaben des Pentagon belaufen sich die Kosten inzwischen auf rund 29 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stiegen die Verbraucherpreise im April um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – der höchste Wert seit fast drei Jahren. Besonders stark verteuerten sich Energie, Treibstoff und Lebensmittel.
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Weißes Haus reagiert empört
Das Weiße Haus reagierte scharf auf die Veröffentlichung. Sprecherin Olivia Wales erklärte laut New York Times, die iranischen Streitkräfte seien „zerschlagen“ worden. Wer behaupte, der Iran habe seine militärischen Fähigkeiten wiederhergestellt, sei entweder „realitätsfern“ oder spreche für die Revolutionsgarden.
Auch Pentagon-Sprecher Sean Parnell erklärte, die US-Streitkräfte verfügten weiterhin über ausreichende Waffenbestände für alle laufenden Einsätze. General Dan Caine, Vorsitzender der Vereinigten Generalstabschefs, sagte am Dienstag vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses: „Wir haben genügend Munition für das, was wir derzeit tun müssen.“
Die Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA gilt weiterhin als fragil. Der Bericht der New York Times deutet jedoch darauf hin, dass Teheran militärisch deutlich handlungsfähiger geblieben sein könnte als bislang öffentlich dargestellt.
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