Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat die Ernennung des US-Amerikaners Sheng Li zum stellvertretenden Generaldirektor zurückgezogen. Grund seien ausstehende Beitragszahlungen der Vereinigten Staaten, teilte die UN-Sonderorganisation gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters in Genf mit.
Li werde die für Juli vorgesehene Position nicht antreten, hieß es laut dem Bericht. Die Entscheidung schließe jedoch nicht aus, dass die USA ihre Rückstände begleichen und ihre Stellung als größter Beitragszahler zurückgewinnen könnten. Das US-Arbeitsministerium äußerte sich auf Anfrage von Reuters zunächst nicht.
Li war im April nach monatelangen Verzögerungen ernannt worden, nachdem zuvor der frühere Wirtschaftsberater des Weißen Hauses, Nels Nordquist, seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Üblicherweise besetzen die USA als größter Geldgeber den Posten des Vizes – sie tragen 22 Prozent zum ILO-Budget bei.
Hohe Außenstände und drohende Stellenstreichungen
Nach Angaben auf der Website der Genfer Organisation schuldeten die USA jedoch zum 29. Mai 257 Millionen Schweizer Franken (rund 302 Millionen Euro) für 2026 sowie Mittel aus den Vorjahren 2024 und 2025. Drei Diplomaten sagten Reuters, dass Washington aufgefordert werde, mindestens 46 Millionen Euro der ausstehenden Beiträge zu überweisen.
Die ILO hat nach eigenen Angaben bereits Einstellungen und nicht zwingend notwendige Dienstreisen eingefroren und prüft eine Verlagerung von Stellen in Länder mit niedrigeren Kosten. Ein Mitarbeiter sagte Reuters, sollten die Mitgliedstaaten bis September ihre Rückstände nicht begleichen, drohe eine Liquiditätslücke von 27 Millionen Franken. Bis Januar könnten 120 Stellen wegfallen. Eine aktuelle Einschätzung zur Finanzlage will die Organisation Mitte Juni vorlegen.
UN insgesamt in Finanznot
Die Entscheidung fällt in eine angespannte Phase für das gesamte UN-System. UN-Generalsekretär António Guterres hatte die 193 Mitgliedstaaten Ende Januar in einem Schreiben vor einem unmittelbar bevorstehenden finanziellen Zusammenbruch gewarnt. Die ausstehenden Beiträge beliefen sich bereits Ende 2025 nach Angaben der New York Times auf einen Rekordwert von 1,568 Milliarden Dollar, wovon die USA rund 2,2 Milliarden Dollar schuldeten.
US-Präsident Donald Trump hatte im Januar den Rückzug aus 66 internationalen Organisationen verkündet, darunter rund die Hälfte UN-Einrichtungen. Guterres' Sprecher Stephane Dujarric erklärte daraufhin, die Beitragszahlungen seien für alle Mitgliedstaaten eine rechtliche Verpflichtung nach der UN-Charta.
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