Der oberste Nato-Kommandeur in Europa hat Warnungen vor einem bevorstehenden russischen Angriff auf Nato-Staaten relativiert. „Russland sucht keinen Konflikt“, sagte US-General Alexus Grynkewich am Donnerstag auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin. Darüber berichtet die Financial Times. Der General erklärte, er beobachte die Geheimdienstlage sehr genau. Moskau verstehe, dass die Nato ein Verteidigungsbündnis sei und über militärische Vorteile verfüge.
Grynkewich ist Supreme Allied Commander Europe (Saceur) und damit der höchste militärische Befehlshaber der Nato in Europa. Zugleich führt er das US European Command. Seine Einschätzung hat besonderes Gewicht, weil sie von jenem Offizier stammt, der für die militärische Abschreckung des Bündnisses gegenüber Russland verantwortlich ist.
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Deutlicher Kontrast zu Warnungen aus Europa
Die Aussagen des Generals stehen im Kontrast zu zahlreichen Warnungen europäischer Politiker und Militärs der vergangenen Monate. Der britische Premierminister Keir Starmer erklärte erst vor wenigen Tagen, Russland könne bereits bis 2030 eine direkte Bedrohung für Nato-Staaten darstellen. Britische Geheimdienste und andere Bündnisstaaten gingen davon aus, dass Moskau innerhalb weniger Jahre die Fähigkeit entwickeln könnte, das Bündnis unmittelbar herauszufordern. Starmer sprach von der „gefährlichsten und unsichersten Zeit“ seines Lebens. Neben dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verwies er auf die Spannungen im Nahen Osten und die Folgen der Krise in der Straße von Hormus. Der britische Generalstabschef habe erklärt, er habe in 35 Dienstjahren „die Welt noch nie so gefährlich erlebt“.
Auch in Deutschland wird seit Monaten intensiv über die Bedrohungslage diskutiert. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte mehrfach erklärt, Deutschland müsse bis Ende des Jahrzehnts „kriegstüchtig“ werden. Aus den baltischen Staaten kommen regelmäßig Warnungen vor möglichen russischen Ambitionen gegenüber Estland, Lettland oder Litauen.
Erst am Donnerstag bekräftigte auch der Generalinspekteur des Heeres, Christian Freuding, entsprechende Warnungen. In einem Interview mit Politico erklärte er, es gebe unter den Nato-Staaten einen breiten Konsens darüber, dass Russland bis 2029 die Fähigkeit entwickeln könnte, Bündnisgebiet anzugreifen. „2029 ist keine deutsche Zeitlinie. Es handelt sich um eine von der Nato abgestimmte Geheimdienstbewertung“, sagte Freuding. „Alle 32 Nato-Partner stimmen darin überein, dass Russland 2029 die Fähigkeit haben könnte, ein Nato-Land anzugreifen.“ Zugleich warnte der General, Russland könne auch früher handeln. Deshalb müsse Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit deutlich schneller ausbauen. „Wir müssen bereit sein zu kämpfen“, sagte Freuding auf der ILA in Berlin.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte im April erklärt, Russland könne nach einer weiteren Mobilmachung neben neuen Offensiven in der Ukraine auch Nato-Staaten im Baltikum ins Visier nehmen. Für diese Einschätzung legte er damals keine unabhängig überprüfbaren Belege vor.
„Sie wissen, dass sie keinen Erfolg hätten“
Grynkewich stellte die militärische Abschreckungsfähigkeit der Nato in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Auf die Frage nach einem möglichen Angriff auf die baltischen Staaten erklärte er laut Financial Times, seine Aufgabe bestehe darin sicherzustellen, dass Russland verstehe, dass ein solcher Schritt scheitern würde. „Ich habe die Geheimdienstinformationen sehr genau verfolgt“, sagte der General. Russland verstehe, dass die Nato ein Verteidigungsbündnis sei und über „eine Reihe asymmetrischer Vorteile“ verfüge. Deshalb werde Moskau das Risiko eines Angriffs auf Bündnisstaaten nicht eingehen.
„Mein Job ist es, sicherzustellen, dass Russland versteht, dass es keinen Erfolg haben wird, falls es etwas in den baltischen Staaten versucht“, sagte Grynkewich laut Financial Times. „Weil sie wissen, dass sie keinen Erfolg hätten, werden sie ein solches Risiko nicht eingehen.“ Gleichzeitig betonte der General die Einsatzbereitschaft des Bündnisses. Auf die Frage, ob die Nato im Ernstfall sofort kämpfen könne, antwortete er: „Absolut.“
USA ziehen militärische Fähigkeiten aus Europa ab
Besonders bemerkenswert sind die Aussagen auch deshalb, weil sie zeitgleich mit einer Neuausrichtung der amerikanischen Militärstrategie erfolgen. Wie die Financial Times berichtet, bestätigte Grynkewich erstmals, dass die USA militärische Fähigkeiten aus Europa abziehen wollen, um Ressourcen stärker auf den Pazifikraum und Asien zu konzentrieren. „Es handelt sich um Luft- und Seestreitkräfte, die wir im Fall einer Krise im Pazifik benötigen würden“, erklärte der General. Als Nato-Kommandeur arbeite er bereits an verschiedenen Szenarien für die Zeit nach möglichen Kürzungen amerikanischer Beiträge.
Nach Informationen der Welt könnten unter anderem ein Flugzeugträgerverband, Marschflugkörper-U-Boote, Seeaufklärer vom Typ P-8 Poseidon, Tankflugzeuge sowie Kampfjets vom Typ F-16 und F-15E aus der europäischen Einsatzplanung herausgenommen werden. Bereits zuvor hatte Washington angekündigt, rund 5000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen und die geplante Stationierung eines weitreichenden Waffensystems in Deutschland zu streichen.
Die Pläne sorgen insbesondere in Osteuropa für Unruhe. Dort wird befürchtet, dass eine geringere amerikanische Präsenz die Abschreckung gegenüber Russland schwächen und die strategischen Kalkulationen Moskaus verändern könnte.
Putin weist Angriffspläne zurück
Auch aus Moskau kommen seit Monaten Zurückweisungen entsprechender Warnungen. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete Befürchtungen eines russischen Angriffs auf Nato-Staaten erst vergangene Woche als „Unsinn“. „Das ist eine bewusste Provokation, um eine Bedrohung zu schaffen, die es in Wirklichkeit nicht gibt, und die Bevölkerung dazu zu bringen, mehr Geld für Verteidigung auszugeben“, sagte Putin. Die Vorstellung eines russischen Angriffs auf das Bündnis sei „absurd“.
Demgegenüber hält die Nato offiziell an ihrer Einschätzung fest, Russland bleibe die „bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung“ für die Sicherheit im euro-atlantischen Raum.
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Auch zur Ukraine äußert sich der Nato-General
Grynkewich äußerte sich in Berlin zudem zur Lage in der Ukraine. Anders als viele Beobachter sieht er die ukrainischen Streitkräfte weiterhin in einer vergleichsweise stabilen Position. „Die Ukrainer schlagen sich ziemlich gut“, sagte der General laut Financial Times. Russische Geländegewinne seien begrenzt und würden mit sehr hohen Verlusten erkauft. Die Frontlinien seien insgesamt relativ stabil geblieben.
Die Aussagen des obersten Nato-Kommandeurs dürften die Debatte über die tatsächliche Bedrohungslage in Europa weiter anheizen. Während zahlreiche europäische Politiker und Militärs vor einer möglichen russischen Herausforderung des Bündnisses bis zum Ende des Jahrzehnts warnen, zeichnet Grynkewich derzeit ein deutlich weniger alarmistisches Bild. Seine zentrale Botschaft: Russland versteht die militärischen Risiken eines Konflikts mit der Nato – und sucht deshalb nach seiner Einschätzung keinen direkten Zusammenstoß mit dem Bündnis.
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